Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 63.
301
Dienstag, den 29. März.
( Nachdruck verboten.)
Elther Waters.
1904
In diesem Augenblick kam Mrs. Rivers in die Kinderstube; sie blickte zuerst nach der Wiege, dann fiel ihr Auge auf die knicksende Mrs. Spires.
„ Das ist Mrs. Spires," sagte Esther, die Frau, die mein Kind in Pflege hat, gnädige Frau. Sie hat mir schlechte Nachrichten gebracht; mein Kind ist krank."
Alle Kinder fränfeln gelegentlich ein bißchen; diese Frauen machen immer eine große Geschichte aus allem. Mrs. Spires würde doch nicht sagen, daß mein Kind
Noman von George Moore . Esther dachte daran, daß es hieß, ein Leben für das andre hergeben. Nein, mehr noch die Kinder zweier armer Mädchen waren hingeopfert worden, damit das Kind einer reichen Frau am Leben bliebe. Und auch das war noch nicht genug; auch das Leben ihres schönen frant ist, wenn es nicht frank wäre." Jungen sollte nun noch gefordert werden! Und währenda, gnädige Frau, das Dingchen war heute wirklich ein Esther so nachdachte, fiel ihr eins nach dem andern ein, und ihre bißchen kränklich, und ich--" Aufregung stieg immer höher. Sie mußte an gewisse Anspielungen und Winke von Mrs. Spires denken, die sie auch zur Zeit nicht verstanden hatte; und es wollte plötzlich diesem armen, unwissenden Mädchen so scheinen, als wäre es das Opfer einer schwarzen, weitverzweigten Verschwörung. Sie hatte plötzlich die Empfindung eines eingeferferten Tieres, und sie maß mit den Blicken die Thüren und Fenster in der unflaren Hoffnung, entfliehen zu können.
In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und das Hausmädchen trat ein.
Die Frau, die Ihr Kind in Pflege hat, ist hier." Esther fuhr von ihrem Stuhl empor, und die fette, kleine Mrs. Spires watschelte ins Zimmer. Die Enden ihres bunten Shawls berührten vorne den Boden; ihr Kleid war vorne niel zu kurz und ließ ein paar groß, ganz neue GummizugStiefel sehen.
,, Wo ist mein Baby?" rief Esther, warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?"
Na, mun sehen Sie mal, Liebchen, das süße, kleine Ding schien mir heute nicht so wohl zu sein wie sonst, und da wollte ich ihn lieber nicht mitbringen, denn der Weg ist doch so weit, und es ist falt draußen hier ist's schön warm. Darf ich mich setzen?" " Ja, dort, bitte; aber nun sagen Sie mir, was fehlt meinem Kinde?"
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„ Ein bißchen erfältet, Liebchen, nicht der Mühe wert, davon zu sprechen. Sie dürfen sich ja nicht darum aufregen, das würde dem Kindchen hier in der Wiege schlecht bekommen. Darf ich's mir ansehen? Ein kleines Mädchen, nicht wahr?" a, es ist ein Mädchen."
„ Ein reizendes kleines Mädchen, und wie kräftig sie aus sicht! So hat sie gewiß nicht ausgesehen, bevor Sie herkamen? Na, und nun wette ich doch, daß Sie sie schon gerade so lieb haben, als wäre es Ihr eignes Kind."
Esther gab keine Antwort.
Wissen Sie, Ihr Mädels, Ihr seid alle zuerst rein wie verrückt mit Euren Kindern. Aber schließlich für so' n armes Dienstmädchen ist so' n Kind' ne große Ausgabe. Ich finde es nun rein, als ob es von der Vorsehung bestimmt wäre, daß die reichen Frauen ihre Kinder nicht selbst nähren. Was sollte denn sonst aus all den armen Mädels werden? Dann gäbe es ja feine Ammenstellen mit großem Lohn mehr. Saben Sie meinen Rat befolgt und ein Pfund die Woche gefordert? Solche reichen Leute, wie die hier, was ist für die denn ein Pfund die Woche oder auch zwei Pfund? Wenn ihr Kind nur eine gute Amme hat?"
Lassen Sie das, das ist meine Sache. Sagen Sie mir lieber, was meinem Kinde fehlt."
„ Herr Gott, das habe ich Ihnen doch schon gesagt; nichts fehlt ihm,' n bißchen erfältet ist er, aber ich wußte doch schon, daß Sie besorgt sind, darum bin ich hergekommen; ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht einen Doktor für ihn haben wollen."
Braucht er denn den Doktor? Ich denke, Sie sagen, es ist nichts Schlimmes."
„ Das ist nun ganz Ansichtssache; manche holen gern gleich den Doktor, wenn das Kind auch nur ein ganz klein bißchen kränklich ist, andre wieder glauben nicht an Aerzte, wollen nichts mit ihnen zu thun haben. Darum bin ich hergefommen; wollte fragen, wie Sie es damit halten. Ich hätte den Doktor schon heute morgen holen lassen, denn ich gehöre zu denen, die an das glauben, was der Doktor sagt; aber ich tte nicht mehr Geld; da dachte ich, ich wollte mal erst herthen was bitten."
Nun, so kann sie den Doktor holen lassen. Sie haben ihr Ihr Kind in Pflege gegeben und müssen ihr also auch die Pflege überlassen. Unter feinen Umständen aber kann ich es erlauben, daß sie wieder hierherkommt und Sie aufregt." „ Das Geld war ein bißchen knapp bei mir, gnädige Frau, darum mußte ich erst hierherkommen und mit der Amme sprechen. Ich weiß, ich weiß, daß man sie nicht aufregen darf. und die Gesundheit Ihres Kindelchens ist natürlich die Hauptfache, und wenn Sie es mir nicht übelnehmen, möchte ich sagen, daß es ein herziges, schönes Sindchen ist. Die Amme scheint gut für sie zu passen; da sind Sie wohl gewiß sehr zufrieden mit ihr. " Ja eben; und darum will ich auch nicht, daß sie aufgeregt wird."
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Es soll nicht wieder vorkommen, gnädige Frau, ich verspreche es Ihnen."
Esther sagte nichts, aber ihr Gesicht war bleich und trotzig geworden. Allerhand Worte schwebten ihr auf den Lippen, aber sie wußte noch nicht recht, wie sie sie herausbringen sollte. „ Wenn das Kind wieder gesund ist, und der Doktor damit zufrieden, und keine Gefahr der Ansteckung mehr vorhanden, so können Sie es mir hierherbringen; einmal im Monat wird genügen. Wünschen Sie sonst noch etwas?"
Mrs. Spires meint, mein Kind müßte den Arzt haben." „ So soll sie den Arzt holen lassen. „ Das Geld ist aber ein bißchen knapp."
Wieviel wird es fosten?" fragte Esther.
,, Nun also, der Doktor kriegt fünf Schilling. Aber dann muß man auch noch die Medizin bezahlen, die er verschreibt, und dann brauche ich auch noch ein Stück Flanell für das Rindchen... Vielleicht könnten Sie mir im ganzen zehnt Schilling geben."
„ So viel Geld habe ich gar nicht mehr; aber ich muß mein Kind sehen," uurmelte Esther und wandte sich der Thüre zu.
lieber bezahle ich die ganze Geschichte selbst. Also Mrs. Spires, Nein, nein, Amme; davon kann gar keine Rede sein; wieviel brauchen Sie?"
" Zehn Schilling werden fürs erste genug sein, gnädige Frau."
Hier sind sie; kaufen Sie dem Kinde alles, was es braucht; nehmen Sie einen Arzt, aber erinnern Sie sich, daß ich Ihnen verbiete, wieder hierherzukommen und die Amme aufzuregen. Vor allen Dingen haben Sie kein Recht, bis in die Kinderstube zu kommen. Ich weiß gar nicht, wie das geschehen konnte; ein Irrtum des neuen Hausmädchens. Ohne meine besondere Erlaubnis dürfen Sie meine Amme niemals sprechen."
So sprechend trieb Mrs. Rivers Mrs. Spires fast aus der Kinderstube hinaus. Esther hörte, wie sie auf der Treppe noch miteinander sprachen. Sie horchte zu und versuchte dabei nachzudenken. Sie mußte ihr Kind sehen, sie fühlte, daß sie es mußte, und mit angstvoll klopfendem Herzen fragte sie sich, ob man es wagen würde, sie mit Gewalt zurückzuhalten. In diesem Augenblick kam Mrs. Rivers in das Zimmer zurück. „ Nein, das kann ich wirklich nicht erlauben," sagte sie, daß die Frau wieder hierherkommt und Sie aufregt. Und mit einem Blick auf Esthers mürrisch- entschlossenes Gesicht fügte sie hinzu:
,, Noch dazu um nichts und wieder nichts Sie aufregt. Ich versichere Sie, das Kind ist ganz wohl, ein klein wenig er. tältet, weiter nichts."
Ich muß mein Kind sehen," erwiderte Esther. „ Das sollen Sie auch, sowie der Doktor es gestattet."