Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 68.

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Mittwoch, den 6. April.

( Nachdruck verboten.)

Elther Waters.

Roman von George Moore .

Als Esther das Zimmer betrat, legte das Mädchen das Buch nieder und verließ das Zimmer.

Es ist mir zu Ohren gekommen," sagte Mrs. Trubner, ,, daß Sie ein Kind haben, Waters; aber so viel ich weiß, sind Sie nicht verheiratet."

" Ja, gnädige Frau, ich habe Unglück gehabt; ich habe ein Kind, aber was schadet das, so lange ich meine Pflicht thue und ordentlich arbeite? Ich kann mir doch nicht denken, daß die Köchin sich über mich beklagt hat, gnädige Frau?"

Nein, die Köchin hat sich durchaus nicht über Sie beklagt, aber ich glaube nicht, daß ich Sie engagiert haben würde, wenn ich etwas davon gewußt hätte. In dem Zeugnis, welches Sie mir zeigten, schreibt Mrs. Barfield, daß sie Sie als ein durchaus religiöses Mädchen kennen gelernt hat."

,, D, gnädige Frau, ich hoffe auch, daß ich das bin. Und ich habe meinen Fehltritt schon bitter bereut, ich habe schon so viel dadurch gelitten."

" Ja, so sprecht Ihr alle! Aber wenn Ihnen das nun noch einmal passierte... und in meinem Hause! wenn nun..

Glauben Sie denn also nicht, gnädige Frau, daß man eine Sünde bereuen und Vergebung dafür erlangen kann? Unser Herrgott sagt doch"

Gleichviel; Sie hätten mir immerhin davon Mitteilung machen müssen. Und was Mrs. Barfield anlangt, so finde ich das von ihr ganz und gar unverantwortlich."

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Nun," sagte Mr. Trubner, als er mit seiner Mutter allein war ,,, hast Du sie entlassen? Du weißt doch, daß ich alle derartigen Dinge Dir allein überlasse."

,, Sie hat mir ihre Geschichte erzählt, Harold, sie versucht ihr Kind durch ihre eigne Arbeit aufzuziehen sie sagte, wenn man sie daran hindern wollte, ihr Brot zu verdienen, so wüßte sie nicht, was aus ihr werden sollte. Ihre Lage ist in der That eine sehr, sehr traurige."

" Ich weiß, ich weiß, natürlich! Aber darum können wir doch keine leichtsinnigen Weiber im Hause behalten. Uebrigens weiß diese Sorte einem immer schöne und tugendhafte Ge­schichten zu erzählen, aber die Welt ist ja voll von Heuchlern. Vielleicht ligt diese gerade nicht, aber jeder ist eben sich selbst der Nächste und muß sich schützen wie er kann."

,, Sprich nicht so laut, Harold!" sagte Mrs. Trubner. Etwas leiser, bedenke doch, daß ihr Kind von ihr allein ab­hängt. Wer weiß, was aus ihr wird, wenn wir sie entlassen. Wenn Du willst, werde ich ihr eine Monatsgage auszahlen; aber Du mußt die Verantwortung auf Deine Schultern nehmen."

" Ich übernehme gar keine Verantwortung. Ja, wenn sie ein halbes Jahr bei uns gewesen wäre und sich zur Zu­friedenheit benommen hätte, dann würde ich vielleicht sagen, wir dürfen sie so nicht wegziehen lassen. Aber es giebt eine Menge guter, braver Mädchen, die eine Stelle ebenso nötig brauchen wie sie. Ich sehe nicht ein, warum wir leichtsinnige Frauenzimmer im Hause behalten sollen, während es doch so viel anständige giebt."

"

fortschicken soll?"

Also willst Du, daß ich sie Ich will überhaupt nichts damit zu thun haben; Du mußt wissen, was das Richtige ist. Wenn nun das Gleiche noch einmal passiert, hier bei uns? Meine Vettern, die zu uns kommen, dann die vielen jungen Leute

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Also würden Sie denn, gnädige Frau, jedes arme Mädchen, das einmal ein Unglück gehabt hat, für immer daran hindern, sich ihr Brot zu verdienen? Wenn alle Damen so Aber die bekommen sie doch gar nicht zu sehen." dächten, so müßten ja alle diese armen Mädchen sich und ihre ,, Nun, thu, was Du willst, es ist Deine Sache, nicht meine. Kinder gleich umbringen. Sie haben ja gar feine Ahnung, Mir ist's egal, solange ich nicht damit belästigt werde. Behalte wie nahe einem diese Versuchung gelegt wird. So' ne Kinder- sie, wenn Du willst. Du hättest Dich eben genauer über sie er­pflegerin sagt: Gieb mir fünf Pfund und ich finde dir jemand, fundigen sollen, bevor Du sie engagiertest. Die Dame, die fie der dein Kind adoptiert, und du wirst in deinem ganzen Leben Dir empfohlen hat ich weiß wirklich nicht ich weiß wirklich nicht ich an Deiner nicht mehr davon belästigt werden." Ja, diese Worte hat eine Stelle würde ihr einen energischen Brief schreiben das muß auch zu mir gesagt. Aber ich, ich bin der Versuchung nicht ich sagen." unterlegen; ich habe mein Kind von der Frau fortgenommen und wo anders in Pflege gegeben, und ich will ihn durch meiner Hände Arbeit großziehen; wenn ich um seinetwillen aber meine Stelle verlieren soll"

O, in der That, mir würde es sehr leid thun, irgend jemand daran zu verhindern, sich sein Brot zu verdienen." ,, Sie sind ja selbst eine Mutter, gnädige Frau, Sie wissen doch auch, wie das thut."

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,, Aber, liebes Kind, das ist doch etwas ganz andres ich weiß wirklich nicht, was Sie damit meinen, Waters." " Ich meine, wenn ich um meines Kindes willen meine Stellung verlieren soll, so weiß ich wirklich nicht, was aus mir werden wird. Wenn ich Sie, gnädige Frau, mit meiner Arbeit zufriedenstelle-"

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Sie hatten vergessen, die Thür zu schließen, und Esther stand draußen im Korridor, halbtot vor Scham und Zorn­benn sie hatte jedes Wort gehört.

*

Von nun an sah sie ein, daß es notwendig war, die Eristenz ihres Kindes geheim zu halten. Um dies zu ermög­lichen, hielt sie sich von den andern Dienstboten fern, suchte feine Intimität mehr mit ihnen und war so streng und genau in ihrem Benehmen, daß die andern sie oft verlachten. Sie fürchtete die Bemerkungen der andern darüber, daß sie stets allein ausging, und langte oftmals ganz außer Atem vor Furcht und Aufregung bei dem kleinen Häuschen an, in welchem ein kleiner Junge neben einer gutmütigen Frau stand und die Bilder in den illustrierten Blättern betrachtete, die seine Mutter ihm mitgebracht hatte, denn sie hatte kein Geld, um ihm Spiel­sachen zu kaufen. Sowie er sie aber sah, ließ er die Zeitungen niederfallen, rief: Da kommt Mütterchen!" und rannte ihr ,,, o, Mutter!" stammelte er, ich ich Pardon mit ausgestreckten Armen entgegen. ich wußte nicht schon wollte er sich zurückziehen, da sagte Mrs. Trubner:

In diesem Augenblick trat Mr. Trubner ins Zimmer. Ein großer, forpulenter Mann mit den gleich scharfen Zügen wie seine Mutter. Er kam etwas eilig ins Zimmer und fast außer Atem.

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" Dies ist unser neues Küchenmädchen, dasselbe, welches die Dame in Sussex uns so warm empfahl."

Esther sah etwas wie einen Zug von Widerwillen über sein Gesicht gleiten.

,,, dann werde ich lieber gehen, Mutter, arrangiere Du doch die Sache mit ihr!"

Nein, nein, Harold, ich muß mit Dir sprechen." " Ach nein, nein, lieber nicht; ich weiß ja gar nichts von der ganzen Sache."

Er wollte schon das Zimmer verlassen; aber seine Mutter hielt ihn zurück, und er sagte, ein wenig gereizt:

Nun, was ist denn nur? Ich bin jetzt gerade sehr be­schäftigt und

Mrs. Trubner sagte Esther, sie solle draußen im Korridor warten.

"

O diese Umarmung, dieser Kuß! Esthers ganze Seele lag darin. Sie setzte sich dann, plauderte mit Mrs. Lewis, die derweilen nähte, hielt das Kind auf ihrem Schoß oder besah mit ihm zusammen die Bildchen in den Blättern und war glücklich.

Ihr wundeſter Punkt war ihre Kleidung, und sie hatte oftmals das Gefühl, lieber in die Sklaverei von Mrs. Bingley zurückzukehren, als die Demütigung zu ertragen, jeden Sonntag in den gleichen, alten Sachen auszugehen, in welchen die andern Dienstboten sie nun schon seit acht oder neun Monaten sahen.

Die andern ließen sie es wohl fühlen, daß sie sie als die Niedrigste der Niedrigen betrachteten, als die Dienerin der Diener. Sie mußte manchen Spott und manchen Schimpf von den andern einstecken, um nur jeder Diskussion zu entgehen, welche ihre Stellung hätte gefährden können. Sie mußte ihre Augen schließen, wenn sie sah, wie die Köchinnen stahlen, sie mußte ausgehen und ihnen Vier holen, wenn sie's verlangten,