Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 72.
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Dienstag, den 12. April.
( Nachdruck verboten.)
Efther Waters.
Es geschah dies gegen Ende August. Um acht Uhr sah man jetzt schon die Sterne am Himmel, und der in Rauch eingehüllte Sonnenuntergang fah trübe und traurig aus in diesen Straßen der Vorstadt. Esther sowohl wie Fred fanden Vergnügen an ihrer beiderseitigen Gesellschaft, und sie wanderten nun ein paarmal hinaus nach dem kleinen öden Square, auf welches man ein paar spärliche, dünne Sträucher angepflanzt hatte.
Fred begann sofort die Unterhaltung von neuem, die neulich im Laden abgebrochen worden war.
Es thut mir leid," sagte er, daß das Papier, das Sie holen, nicht zu nüßlicheren Zwecken verwendet wird." Wenn Sie meine Herrin kennten, würden Sie das nicht fagen!"
Sie wissen vielleicht nicht," sagte er, daß Romane sehr oft Geschichten enthalten, in denen Männer die Frauen andrer Männer lieben. Solche Bücher können nichts nügen, sondern nur schaden."
1904
die Augen und streckte die Hand aus, wie um sich zu versichern, daß Esther noch da und nicht in einer Wolfe gen Himmel geschwebt sei.
Als Fred Esther nach Hause begleitete, gestans sie ihm, daß sie lange schon nicht mehr so glücklich gewesen sei wie an diesem Tage. Er drückte ihre Hand in der seinen und dankte ihr mit einem seelenvollen Blick. Nun gehörte sie ihm für immer und immer. Nichts fonnte sie mehr voneinander reißen, denn er hatte ihre Seele errettet. Seine Eraltiertheit setzte sie in Erstaunen. Aber ihre eigue angeborene Gläubigkeit- obwohl solcher Eraltiertheit nicht fähig war ihr doch in den schweren Stämpfen ihres Lebens von großem Nußen gewesen. und ihre Gedanken verloren sich nun weiter in die Zukunft hinein. Fred würde nun natürlich von ihr verlangen, daß sie am nächsten Sonntag wieder mit ihm zur Kapelle käme, sie aber wollte lieber nach Dulwich gehen.
sie ein Kind besaß, und dann würde er sie nie wiedersehen Früher oder später würde er unfehlbar ausfinden, daß daß er es erst von andern hörte. Aber sie fühlte, daß diese wollen. Es war schon besser, daß sie es ihm selbst erzählte, als Demütigung, diese Schande ihr entsetzlich sein würde, und sie wünschte jett fast, daß sie ihn niemals fennen gelernt hätte.Leben treten? Natürlich würde es am besten sein, die BekanntSollte das Kind denn wirklich zwischen sie und jedes Glück im schaft mit Fred gleich wieder abzubrechen. Aber welch einen Grund konnte sie ihm dafür angeben? Ihr passierte auch wirkIm Laufe ihrer Unterhaltung kam es heraus, daß Miß zu heiraten, dann mußte sie ihm ja doch so wie so die WahrMißlich jedes Unglück im Leben! Wenn er sie nun gar bäte, ihn Nice selten oder nie zur Kirche gehe.
" Ich bin sicher, daß meine Herrin solche Dinge nicht schreibt, wie sollte sie das?! Sie ist unschuldig wie ein Lamm." Aber wie können Sie das wissen, da Sie ihre Bücher nicht kennen?"
Darüber war Fred sehr entsetzt.
"
Ich hoffe," sagte er, daß Sie nicht dies schlechte Beispiel Ihrer Herrin befolgen."
Esther mußte eingestehen, daß sie während einiger Zeit ihre religiösen Uebungen vernachlässigt hätte. Und Fred war darüber so erschreckt, daß er ihr allen Ernstes den Rat gab, diese Stelle zu verlassen und in eine religiösere Familie einzutreten.
O nein, ich bin ihr viel zu viel Dank schuldig, um daran nur denken zu können. Und es ist auch nicht ihre Schuld, wenn ich in letzter Zeit nicht so viel an Gott gedacht habe, wie ich sollte. Dies ist meine erste Stelle, in der ich überhaupt Zeit habe zum Beten und zur Religion."
Diese Antwort schien Fred wieder einigermaßen zu befriedigen.
" 1
" In welche Kirche sind Sie denn früher gegangen?" Meine Eltern gehörten der Brüdergemeinde an." " Welcher? der geschlossenen oder der offenen?" " Das weiß ich nicht mehr. Ich war damals noch ein Kleines Kind."
" Ich gehöre zu den Plymouth - Brüdern."
,,, wie merkwürdig!"
Vergessen Sie nur das eine nicht, daß unsre Seele nur errettet werden kann, wenn wir fest an Gott glauben und an das Opfer der Kreuzigung."
Ich weiß es, und ich glaube daran." Dieses Geständnis Esthers schien sie einander auf einmal viel näher zu bringen.,
Und am folgenden Sonntag führte Fred Esther seiner Gemeinde zu und stellte sie dieser vor als eine Schwester, die ihnen zeitweilig abtrünnig geworden war, aber nie aufgehört hätte, in Herz und Gesinnung die Ihre zu bleiben.
Esther hatte einer solchen Zusammenkunft nicht mehr beigewohnt, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, und das fahle Zimmer, das nüchterne Dogma, welche beide so voll. tommen mit ihrer schlichten Natur übereinstimmten, erinnerte sie wieder an ihre Kindheit, ihre Heimat, an Vater und Mutter, an alles, was sie berloren hatte und ergriff sie in tiefinnerster Seele.
Fred hielt bei dieser Gelegenheit die Predigt. Er sprach von der Wiederkunft des Heilandes, bei welcher die Gläubigen in Wolfen von Glorie gehüllt zum Himmel emporschweben würden, und von der Verwüstung der Welt, die über sie kommen würde, vor ihrem endgültigen Untergang in den Flammen der Hölle.
Die zuhorchenden Gesichter wurden starr vor Staunen und Erwartung. Und ein junges Mädchen neben Esther schloß
heit sagen.
Gegen Ende der Woche klopfte eines Tages jemand an ihr Küchenfenster. Sie blickte hinaus, es war Fred. Er fragte, warum er sie so lange nicht mehr gesehen hätte!
Ich habe keine Zeit gehabt," sagte sie. „ Können Sie heute abend ein bißchen herauskommen?" " O ja, wenn Sie wollen."
Sie sette ihren Hut auf und ging hinaus zu ihm. Beide schwiegen, aber wie von einem gemeinsamen Impuls geleitet, richteten beide ihre Schritte nach dem kleinen Square, wohin auch ihren ersten Spaziergang gemacht hatten. Er sprach zuerst:
sie
ich
" Ich habe in den letzten Tagen viel an Sie gedacht, Esther; ich möchte
-
-
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möchte ja ich möchte Sie heiraten." Esther gab feine Antwort.
Wollen Sie?" sagte er.
„ Nein, ich kann nicht! Es thut mir sehr leid; bitte, sprechen Sie nichts mehr davon."
Warum können Sie nicht?"
,, Wenn ich Ihnen den Grund sagte, würden Sie mich gar nicht mehr heiraten wollen. Aber ich kann es Ihnen ja sagen; warum denn nicht? Ich bin nicht das gute Mädchen, für welches Sie mich halten. Ich habe ein Kind! So, nun wissen Sie's; mum werden Sie wohl genug von mir haben."
Es war ihre derbe, kurz angebundene, aufrichtige Natur, die ihr diese Worte abpreßte, und es war ihr in diesem Augenblick ganz egal, was er that, wenn er sie auch auf der Stelle verließ. Er wußte mun alles und konnte thun, was er wollte. Er schwieg eine Weile; dann sagte er:
"
Aber Sie haben bereut, Esther, nicht wahr?"
" Ich sollt' es meinen, und gestraft bin ich auch worden, genug für ein Dußend Kinder."
,,, das ist also nicht erst kürzlich passiert?" " Kürzlich? Es ist fast acht Jahre her."
Und diese ganze Zeit über sind Sie dann brav geblieben?" ,, ja, ich denke, ich bin brav gewesen." " Nun dann also, wenn"
Kein„ Wenn", bitte; wenn ich Ihnen so nicht gut genug bin, wie ich bin, können Sie ja wo anders hingehen, sich eine holen. Vorwürfe will ich nicht anhören, davon habe ich nun schon genug gehört."
" Ich wollte Ihnen gar keine Vorwürfe machen; ich weiß wohl, daß das Leben einer Frau viel schwerer ist, als das unsre. Wenn eine Frau fällt, ist es nicht immer ihre Schuld. Ein Mann aber hat stets an seinem Falle schuld, denn es liegt stets im Bereich seiner Macht, der Versuchung zu entfliehen."