Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 75.

Freitag, den 15. April.

( Nachdruck verboten.)

42) Eſther Waters.

Roman von George Moore . Dann giebt's also wohl einen andern, den Sie gern mögen, Esther?"

1904

" Jedenfalls sehe ich aber nicht ein, was Sie dabei ge­winnen, wenn Sie durchaus nicht mit ihm sprechen wollen. Vielleicht könnten Sie wirklich etwas von ihm für das Kind erlangen. Sagten Sie mir nicht, daß er ein Wirtshaus besitzt?"

" Ja; aber ich will sein Geld nicht! Sind wir so lange auch noch länger werden." ohne ihn fertig geworden, so werden wir mit Gottes Hilfe es

"

denken Sie doch, daß Sie dann in genau derselben Position Wenn ich nun aber morgen sterben sollte, Esther! Be sein würden wie damals, bevor Sie zu mir kamen. Erinnern Sie sich noch daran? Sie haben mir oft erzählt, daß nur noch ein Schilling und sechs Pence zwischen Ihnen und dem Armen­hause standen. Sie schuldeten Mrs. Lewis schon für zwei Wochen Geld und wußten nicht, wie Sie es bezahlen sollten. Ich kann mir wohl denken, daß Sie sich ein bißchen Geld bei mir gespart haben, aber viel mehr als ein paar Pfund kann das ja auch nicht sein. Darum glaube ich, sollten Sie sich diese Gelegenheit doch nicht entgehen lassen; wenn nicht schon um Shret, so doch um des Kleinen willen. Nach Williams Aus­sage verdient er ja ordentlich Geld; er wird vielleicht gar noch ein vermögender Mann. Und da er von seiner Frau feine Kinder hat, könnte er sehr leicht den Wunsch hegen, alles, was er besitzt, oder doch einen Teil davon Jackie zu hinterlassen." Hälfte von dem, was er sagt." " In Geldsachen hat er von jeher geprahlt, ich glaube nicht

" Ja, Fräulein, den giebt es. Das ist es ja eben, und ich schäme mich durchaus nicht, es einzugestehen. Seit vi Monaten oder noch mehr hab' id mit Fred Parsons verfebrt, dem Gehilfen aus dem Papiergeschäft, wissen Sie. Sie haben ihn ja auch schon im Quoet gesehen, Fräulein. Er hat mich gebeten, ihn zu heiraten, und wir sind nun verlobt. Er ver­dient schönes Geld, dreißig Schilling die Woche. lind er ist ein guter Menja); religiös, herzlich und gutuiütig und tann eine Frau sicher quicklich machen. In manchen Stelien wird es einem armen Mädchen sehr schwer gemacht, feiner Religion treu zu bleiben. Und so hatte id auch schon ganz die Gewehn heit verloren, in die Bibelklasse zu gehen. Er aber hat mich zurückgeführt zu unserm Heiland, und doch hab' ich ihm die ganze Geschichte von Jackie aufrichtig erzählt. Und er hat mir gar feine Vorwürfe gemacht, sondern hat mich nur bedauert, weil ich so viel zu leiden gehabt habe. War das nicht gut von ihm? Und er ist einmal mit mir bei dem Kleinen geweſen und war so nett und freundlich zu ihm, als wäre er sein eigner Vater gewesen. Aber nun ist das alles natürlich zu Ende. Das ist möglich; aber trotzdem kann er Geld haben, und Denn wenn Fred dem andern begegnet, wird er selbstverständ- Sie haben kein Recht, ihm die Gelegenheit zu verweigern, für Denn wenn Fred dem andern begegnet, wird er ſelbſtverſtänd- Jackie zu sorgen. Wenn nun das Kind selbst Ihnen später lich ganz andrer Meinung werden."-

Die Abenddämmerung war herabgesunken. Miz Rice hatte ihr Essen beendet, aber sie faß immer noch unbeweglich da am Tisch und dachte nach über die Geschichte, die sie vorhin gehört hatte.

Sie war eines jener zurückgezogen lebenden alten Mädchen, deren es in England so viele giebt, deren ganze eigne Lebenserfahrung sich auf einige Theegesellschaften be­schränkt und die sich ihre weiteren Kenntnisse des Lebens aus den französischen Romanen holen, mit denen sie ihre Bücher schränke anfüllen.

Esther stand regungslos da vor ihrer Herrin, auf der andern Seite des Tisches.

"

,, Wie kam's denn, daß Sie William- nicht wahr, er heißt William?- wieder begegneten?"

"

Es war an jenem Tage, Fräulein, als ich das Bier aus dem Wirtshause holen ging. Er war es, gegen den ich an­prallte, als ich den Bierkrug fallen ließ. Erinnern Sie sich noch, Fräulein? Ich erzählte es Ihnen damals. Ich mußte zurückkommen und mir einen andern Krug holen. Als ich dann aber hinauskam mit dem frischen Kruge, da wartete er noch auf mich. Er folgte mir bis zum Wirtshause hin und wollte für das Bier bezahlen. Natürlich hab' ich das nicht er­laubt. Ich sprach fein Wort zu ihm, aber er folgte mir trog­dem wieder zurück bis hier ans Haus. Und als er mich dann fragte, was ich die ganze Zeit über gethan hätte, während er fort war, da glaub' ich, ich hätte auf einmal den Verstand ver­loren, denn ich wurde ganz wütend, wie rasend, und sagte: Ich habe Dein Kind erzogen." Mein Kind," sagte er da, also es ist ein Kind da?"" Nicht wahr, Esther, Sie haben mir doch erzählt, daß er eine der jungen Damen des Hauses heiratete, in dem Sie dienten?"

-

Junge Dame! Na,' ne Dame war sie gerade nicht, aber jedenfalls war sie entweder zu gut oder zu schlecht für ihn; denn sie haben wie Hund und Katz miteinander gelebt und sind nun schon seit drei Jahren getrennt."

,, Und spricht er von dem Kinde? Wünscht er es zu fehen?"

" O ja, Fräulein! Gewiß. Er hatte neulich die Frechheit, zu sagen, Jackie sollte unser Kind werden! Unser! Nach all dieſen Jahren, wo ich allein für das Kind so gearbeitet habe und er nichts, gar nichts dafür gethan hat.

Vielleicht möchte er aber jetzt etwas für ihn thun? Viel­leicht ist das sein Hauptwunsch?"

,, nein, Fräulein! Dazu kenn' ich ihn zu gut. Er ist eben schlau. Er denkt, durch das Kind auch mich wieder zu friegen."

die

darüber Vorwürfe machen sollte?"

Das wird Jackie niemals thun, Fräulein, er wird immer sagen und glauben, daß ich zu seinem Wohle gehandelt habe." ,, Und wenn Sie sich wieder einmal ohne Stellung be­fänden, und der Kleine müßte hungrig zu Bette gehen, so würden Sie selbst sich Vorwürfe machen."

Das glaub' ich nicht, Fräulein."

" Ich weiß ja leider, daß Sie eigensinnig sind, Esther; wann kommt denn Mr. Parsons zurück?" " In acht Tagen, Fräulein."

" Ohne William etwas von Parsons zu erzählen, können Sie doch immerhin von ihm ausfinden, ob er die Absicht hat, zwischen Euch beide zu treten. Ich bin ganz Ihrer Meinung; es ist wichtig, daß die beiden Männer einander nicht begegnen; aber dennoch will es mir scheinen, als ob Sie durch Ihre Weigerung, ihn das Kind ſehen zu lassen, eine solche Be­gegnung im Gegenteil gerade heraufbeschwören. Sehen Sie ihn oft in dieser Gegend?"

" Ja, Fräulein, er scheint die ganzen Tage hier herum­zulungern, und das sieht auch gar nicht gut aus für das Haus. Ich schäme mich deswegen, denn seit ich bei Ihnen bin. Fräulein, denke ich, Sie haben noch keinen Grund gehabt, sich darüber zu beklagen, daß ich mir Männer nachlaufen lasse, nicht wahr?"

,, Aber begreifen Sie denn gar nicht, Sie einfältiges Mädchen, daß er jo um so leichter Parsons begegnen wird, wenn dieser zurückfommt? Sie müssen eben etwas in der Sache thun."

Alles, was Sie sagen, Fräulein, scheint richtig und klug zu sein. Und doch wird es mir schwer, daran zu denken, daß ich überhaupt nur ein Wort zu ihm sprechen soll."

" Ja, das haben Sie mir schon einmal gesagt. Es ist das überhaupt eine sehr zarte Angelegenheit, in der es schwer ist, Rat zu erteilen. Aber ich muß dennoch dabei bleiben, daß ich es unrecht finde, wenn Sie ihm die Gelegenheit vorenthalten wollen, etwas für Jackie zu thun. Der Kleine ist jetzt acht Jahre alt, und Sie haben nicht die Mittel, um ihn ordentlich zu erziehen; und Sie wissen doch, welch ein Nachteil es für Sie stets gewesen ist, nicht lesen und schreiben gelernt zu haben."

,, D, Jadie kann schon wundervoll lesen, Mrs. Lewis hat es ihn gelehrt.

" Ja, Esther, aber es giebt noch vieles andre zu lernen, außer Resen und Schreiben. Denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe! Sie sind ein vernünftiges Mädchen, denken Sie wohl nach über meine Worte heute cbend, wenn Sie zu Bett gehen."