Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 77.

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Dienstag, den 19. April.

( Nachdruck verboten.)

Efther Waters.

Roman von George Moore .

,, Na, wenn das Deine Meinung ist, kann ich ja gehen," sagte William. Und er stand auf und sah sie an. Esther faß ganz still da und wagte faum, die Augen zu erheben; aber ihr Herz schlug heftig. Würde er mun wirklich gehen und nie zurückkommen? Sollte sie ihm eine gleichgültige oder gar keine Antwort geben? Sie zog das letztere vor. Vielleicht war es ungerecht von ihr, denn ihr mürrisches Schweigen irritierte ihn; aber er setzte sich doch nieder und bat sie, ihm zu verzeihen, und sagte, er wollte gern auf sie warten; und da hörte ihr Herz auf, zu klopfen, und ihre Hände und Füße wurden ganz falt. Meine Frau," sprach er weiter, glaubt, daß ich kein Geld habe, und denkt infolgedessen, Schindluder mit mir spielen zu können; ich aber habe neuerdings ein riesiges Glück im Wetten gehabt und habe ein paar Tausend Pfund in der Bank liegen; tausend hatt' ich mal zunächst auf die Seite gelegt, denn ich hatte eigentlich die Absicht, das Wetten auf­zugeben und Bookmaker zu werden, und bin es nun auch seit­dem. Ich habe natürlich ein paar Ups und Downs gehabt, aber ich kann mich doch schließlich nicht beklagen. Wie Du mich heute vor Dir siehst, besitze ich dreitausend Pfund bar."

Als sie diese Summe hörte, öffnete Esther die Augen weit. Sie sah William fest an. Sie hatte die Absicht gehabt, ihn abzuschütteln, um einen andern Mann heiraten zu können. Aber in diesem Augenblick fühlte sie etwas von jener Liebe, die sie einst für ihn gehabt, in ihrem Herzen wieder auffeimen. " Ich muß jest nach Hause gehen," sagte sie, meine Herrin wird auf mich warten."

Sei doch nicht so eilig; es ist ja noch ganz früh. Außer­dem haben wir ja auch noch immer nichts abgemacht."

" Du hast mir die ganze Geschichte von Deiner Ehe er­zählt; ich weiß wirklich nicht, was das eigentlich mit mir zu thun haben soll."

" Ich dachte, es würde Dich interessieren, zu sehen, daß ich nicht ganz so schuldig bin, wie Du geglaubt hast."

Die Abenddämmerung begann sich rasch herabzusenken. " Ich muß nach Hause gehen," sagte sie noch einmal. Was Du mir noch weiter zu sagen hast, kannst Du mir ja auf dem Rückwege sagen."

,, Nun also gut, Esther. Das A und O von der Geschichte wäre das: Wenn ich die Scheidung friegen kann, so könnten wir beide wieder zusammengehen; was denkst Du davon?" " Ich meine, Du solltest lieber versuchen, Dich mit Deiner Frau wieder auszusöhnen. Wahrscheinlich thut ihr das, was sie gethan hat, schon wieder sehr leid."

Das ist alles Mumpis, Esther! Es thut ihr gar nicht leid, und es würde ihr ebensowenig einfallen, sich mit mir zu versöhnen, wie mir mit ihr. Wir können nun mal nicht mit einander leben, also wozu es nochmals versuchen? Nun laß Du doch endlich Vergangenes vergangen sein. Du weißt ganz gut, was ich meine: Heirate mich!"

" Ich glaube nicht, daß ich das könnte." " Dann hast Du irgend einen andern Kerl gern. Du haft einen andern gern und willst nicht, daß ich zwischen ihn und Dich komme. Darum sagst Du, ich soll zurückgehen zu meiner Frau. Aber an das, was ich schon mit ihr durchgemacht habe, denkst Du nicht."

" Du hast nicht die Hälfte von dem durchgemacht, was ich burchgemacht habe! Ich wette, daß es Dir noch nie an' nem Mittagessen gefehlt hat, mir aber sehr oft."

Aber, Esther, denke doch an das Kind!"

Das ist gut, wirklich! Du mußt mir sagen, an das Kind zu denken, nachdem ich alle diese Jahre wie eine Sflavin für den Jungen gearbeitet habe und Du nichts für ihn ge­than hast."

-

-

Willst Du mir also wirklich nein sagen?" Ich will nichts mehr mit Dir zu thun haben." Und Du willst mir auch nicht erlauben, das Kind zu

fehen?"

Esther befann sich einen Augenblick, dann sagte sie: kannst das Kind sehen, wenn Du willst.

"

Du

Wo ist es?"

1904

" Du fannst nächsten Sonntag mit mir zu ihm fahren; nun aber laß mich gehen."

11

Um welche Zeit soll ich Dich abholen?"

,, Ein wenig nach drei."

XXVI.

William wartete auf sie vor dem Hause, und während sie ihren Sut aufsetzte, dachte sie nach über das, was sie ihm sagen und wie sie sich verhalten sollte. Sollte sie ihm erzählen, daß sie Fred heiraten wollte?

ihren Sut festhalten sollte, durch das Stroh hindurch und ent­Mit einem scharfen Ruck steckte sie die lange Nadel, die schied sich endlich dafür, ihm zu sagen, was der Moment ihr gerade eingeben würde.

Als sie ihn draußen sah, bemerkte sie sogleich, wie prächtig er gekleidet war. Er trug ein Paar hellgraue Beinkleider, und in dem Knopfloch seines eleganten Jacketts stedten ein paar feuerrote Nelfen. Zuerst gingen sie schweigend nebeneinander her. Endlich fragte Esther:

all

Warum willst Du eigentlich den Jungen sehen? In dieſen Jahren hast Du doch nicht an ihn gedacht."

"

Das will ich Dir gleich sagen, Esther! Aber weißt Du, es ist wirklich famos, so mit Dir wieder spazieren gehen zu können, und wenn Du nur endlich Vergangenes vergangen sein lassen wolltest, fönnten wir beide doch wohl noch zu­fammenkommen. Was meinst Du?"

Esther erwiderte darauf nichts, und er fuhrt fort:

Es ist in der That seltsam, so mit Dir wieder ausgehen zu können, Dich nach all diesen Jahren wieder getroffen zut haben, noch dazu, wo ich doch gar nicht in Deiner Gegend wohne. Es war ein reiner Zufall, der mich dorthin führte. Ich hatte eine geschäftliche Sache mit einem Freunde zu be­sprechen, der in der Gegend wohnt, und wie ich von ihm zurück­fomm' und an das denke, was er mir gesagt hat, sehe ich Dich mir entgegenkommen mit dem Bierkrug in der Hand. Und ich denke so bei mir: Das ist, weiß Gott ! das hübscheste Mädchen, das ich lange gesehen habe. So eine möchte ich wohl hinter dem Schanktisch im Kings- Head" haben! Du siehst noch genau so aus, wie damals, auch nicht ein bißchen ver­ändert. Und wie ich nun Deine weißen Zähne und die glänzenden Augen sehe da denke ich: Großer Gott, das ist ja Esther!"

" Ich dachte, Du wolltest über das Kind mit mir sprechen?" Das will ich auch, aber zuerst kommst Du an die Reihe. Und wie ich Dir dann in die Augen sehe, da fühle ich doch, daß ich die ganze Zeit über mich getäuscht hatte, und daß Du die einzige warst und bist, die ich je geliebt habe."

"

,, Also dann war das nur' ne Lüge, daß Du das Kind gerne sehen möchtest."

-

,, nein, durchaus nicht! Ich möchte sowohl Mutter wie Kind haben, wenn ich sie friegen fönnte, weißt Du. Das, was ich Dir jetzt sage, ist die reine und volle Wahrheit, Esther. Das Kind hielt ich allerdings zuerst nur für ein Mittel, um Dich vielleicht zurückzukriegen. Aber dann allmählich begann ich mich auch für den Jungen zu interessieren, nachzudenken, wie er wohl aussehen möchte, und schließlich ging es mir doch in einem fort im Kopfe herum, daß Du die Mutter meines Kindes bist. Und da fam plöglich der Wunsch, Euch beide zu friegen, und seitdem ja seitdem hab' ich an gar nichts andres mehr denken können."

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Bei diesen Worten hatten sie die Eisenbahnstation erreicht, und William eilte voran, um die Billets zu kaufen. Man hörte von unten schon das Rollen des Zuges, und sie rannten fo schnell wie möglich die Treppe hinab und sprangen gerade im legten Augenblick noch in das Coupé zweiter Klasse hinein.

Wir sind in der falschen Klasse," rief Esther erschrocken. ,, Nein, nein, nur rein, rein!" rief William, stieß sie in das Coupé hinein und sprang ihr nach gerade in dem Moment, da der Zug sich in Bewegung setzte.

Esther.

Beinahe hätten wir den Zug versäumt," sagte er. " Du fährst jetzt wohl immer zweiter Klasse?" fragte jetzt " Ja, immer," sagte er," Peggy wollte nie zweiter Klasse fahren, da fuhren wir immer erster. Jetzt aber ist mir die zweite Klasse gerad' wieder gut genug."