Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 79.
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Donnerstag, den 21. April.
( Nachdruck verboten.)
Elther Waters.
Esther sah ihren naben vor sich stehen in einem neuen, schwarzen Sammetanzug und einer himmelblauseidenen Krawatte.
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Sein Vater ich meine Mr. Latch war Donnerstag früh hier und nahm ihn mit nach-"
Nahm mich mit nach London ," fügte der Kleine ein.. " Und brachte ihn in diesen Kleidern zurück."
Wir waren in einem so großen Laden in Orford Street," sagte der Kleine, und die Leute mußten so viele Anzüge herunterholen, bis mir einer paßte. Es war recht schwer, etwas zu finden, was Vater gefiel, und ich glaubte schon, wir würden fortgehen, ohne einen Anzug gefunden zu haben, aber ich konnte doch nicht in diesen alten Kleidern mit Vater in London umherlaufen. Die sehen wirklich ruppig aus, nicht wahr?" sagte er und stieß verächtlich mit den Füßen danach. Es war dies ein fleiner grauer Anzug, den Esther ihm mit ihren eignen Fingern genäht hatte. Vater hat mir auch noch Maß nehmen lassen zu einem zweiten Anzug, aber der wird erst in einigen Tagen fertig werden. Und dann ist er mit mir nach dem Zoologischen Garten gegangen, wo wir die Löwen und die Tiger und eine ganze Menge Affen sahen. Da ist zum Beispiel einer aber warum siehst Du so böse aus, lieb Mütterchen? Gehst Du denn niemals mit Vater in London spazieren? London ist wunderschön. Und dann gingen wir durch den Park und jahen eine Menge Jungen, die Boote auf dem Fluß schwimmen ließen. Vater fragte mich, ob ich auch ein Boot hätte. Aber ich sagte, Du hättest nicht Geld genug, um mir Spielsachen zu kaufen. Er fand das sehr traurig für mich, und auf dem Wege nach dem Bahnhof hielten wir vor einem Spielwarenladen an und er kaufte mir ein Boot. Darf ich es Dir zeigen?"
Jackie war viel zu beschäftigt mit dem Gedanken an sein neues Boot, um den Ausdruck der intensiven Bitterfeit auf seiner Mutter Antlitz zu bemerken. Mrs. Lewis aber sah es und wollte ihm schon zurufen, es bleiben zu lassen, aber bevor fie sich noch zu irgend etwas entschließen konnte, hatte er das Boot schon angeschleppt und zwang es seiner Mutter in die Hand.
Dies hat drei Segel und einen Mast. Siehst Du, das ist ein Kutter, Vater hat es mir gesagt. In einer halben Stunde wird er hier sein, wir wollen dann das Boot in dem großen Teich da drüben schwimmen lassen, und wenn es gut hinüberkommt, will er mich mitnehmen nach dem Park, wo das Wasser drei-, viermal so groß ist wie hier. Glaubst Du, Mütterchen, daß mein Boot dort rüberkommen wird? Ich weiß nicht, wie es heißt. Wie heißt es doch, Mütterchen?"
,, Ach, ich weiß nicht, langweile mich doch nicht mit Deinem Boot."
,, Aber, Mütterchen, bist Du mir denn böse, weil Du mein Boot gar nicht ansehen willst? Und willst Du nicht mit mir und Bater nach dem Wasser gehen, wenn wir es schwimmen Lassen?"
,, Nein, ich will nicht mit Dir gehen, Du brauchst mich gar nicht mehr. Ich habe kein Geld, um Dir Boote zu kaufen. Nun laß mich doch endlich zufrieden mit Deinem langweiligen Boot," und gereizt, ärgerlich, wie sie war, nahm sie das Spielzeug und schleuderte es übers Zimmet hinüber. Beim Anprall gegen die Wand zerbrach der Mast, und die Segel und Schnüre lagen nun in einem verwirrten Haufen.
Jackie lief schnell hinzu; er hob sein Spielzeug auf und fah sehr traurig aus.
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,, Nun kann es nicht mehr schwimmen," sagte er,„ der Mast ist zerbrochen und die Segel zerrissen. Mütterchen warum hast Du mir mein Boot zerbrochen?"
Das Kind brach in Thränen aus.
1904
,, Was geht es Dich an, warum er weint?" sagte sie, indem sie sich umwandte. Was geht das Kind Dich überhaupt an, daß Du Dir das Recht herausnehmen darfst, hierher zu kommen und Befehle zu geben? Solche Niederträchtigkeit aber sieht Dir ganz ähnlich. Erst bittest Du und flehst mich an, Dich das Kind sehen zu lassen, und dann kommst Du nachher heimlich hierher und versuchst es, durch einen neuen Anzug und ein elendes Spielzeug mir seine Liebe zu stehlen."
,, Aber, Esther, Esther, einen solchen Gedanken hab' ich nie gehabt! ch habe wahrhaftig keine böse Absicht dabei gehabt. Mrs. Lewis meinte nur, das Kind bedürfte ein wenig der Zerstreuung, und da"
" Ah, also Mrs. Lewis hat Dich gebeten, ihn nach London mitzunehmen?! Merkwürdig, welchen Einfluß doch ein bißchen Geld auf die Menschen hat! Seit Du nur den Fuß in dies Haus gesezt hast, thut sie nichts andres mehr, als vor Dir dienern und knicksen. Es gefiel mir ja gleich nicht, aber ich glaubte doch nicht, daß sie so treulos zu mir werden würde." und plötzlich wandte sie sich heftig zu ihrer alten Freundin und sagte: Wer hat Dir erlaubt, ihm das Kind zu geben, und wenn es auch nur auf eine Stunde war? Wer bezahlt Dir die Pension für das Kind, er oder ich? Sag' mir das doch, was hat er Dir dafür gegeben, ein neues Kleid oder Geld?" ,, O ,, Esther, ich bin erstaunt! Wie kannst Du so zu mir sprechen? Wie kannst Du nach all diesen Jahren, die wir uns kennen, von mir glauben, daß ich bestechlich sei?"
Mrs. Lewis verbarg ihre Augen hinter ihrer Schürze, und Jackie schlich sich hinüber zu seinem Vater.
" Ich habe das Boot nicht zerbrochen, Vater, Mütterchen hat's gethan. Sie ist ganz wütend; ich weiß nicht, warum; aber ich habe nichts gethan."
William nahm das Kind auf seinen Schoß. ,, Mütterchen hat es auch nicht absichtlich zerbrochen; so, mun sei ein guter Junge und weine nicht mehr." Jackie blickte durch seine Thränen hindurch den Vater an. Wirst Du mir ein andres Boot kaufen? Aber heute sind die Läden ja nicht offen."
das
Was
Dann sprang er von seines Vaters Schoß herab, nahm Spielzeug auf, kam zu William heran und iagte: ,, Könnten wir es nicht wieder in Ordnung bringen? glaubst Du?"
Jackie, Liebchen, laß Deinen Vater zufrieden, geh' ins andre Zimmer, mein Kind!" sagte Mrs. Lewis. „ Nein," sagte Esther, laß ihn ruhig hier bleiben. Ich will nichts mehr mit ihm zu thun haben; er kann in Zukunft sich mit allem an seinen Vater wenden."
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Und sie wandte sich um und ging nach der Thür. Der kleine Kerl aber warf sein Boot nieder, lief ihr nach und hing sich verzweifelnd an ihren Nod.
„ Nein, Mütterchen, nein, Du mußt nicht gehen; ich frage gar nichts mehr nach dem Boot. Ich habe Dich viel lieber als das Boot, ich brauche gar kein Boot."
,, Esther, Esther, was ist das für ein Unsinn? So höre doch zu!"
,, Nein, ich will Dir nicht mehr zuhören; Du aber soffit jetzt mir zuhören. Alles sollst Du jetzt hören! Als ich Dich letzte Woche hierherführte, fragtest Du mich im Zuge, was ich all diefe Jahre über gethan hätte. Damals wollte ich Dir nicht Armenhause gewesen." direkt darauf antworten, jetzt will ich es thun. Ich bin im
Im Armenhaufe?"
Ja; wundert Dich das?"
Und nun begann sie zu sprechen und schleuderte ihm ihre Worte entgegen, als wären es Ziegelsteine gewesen, und erzählte ihm die ganze Geschichte der letzten acht Jahre. Die Geschichte vom Hospital, von Mrs. Rivers, von Mrs. Spires, von der Nacht auf der Brücke am Flußufer und vom Armenhause.
,, Und als ich aus dem Armenhause herausfam," fuhr sie fort ,,, da bin ich durch ganz London gewandert, um eine Stelle zu finden mit sechzehn Pfund per Jahr, denn das war das Wenigste, was ich annehmen konnte, da ich für das Kind zu sorgen hatte, und als ich eine solche Stelle nicht finden konnte, ,, Warum weint das Kind?" fragte er, und aus seiner da saß ich hier und aß trockenes Brot. Die kann es Dir sagen," Stimme ertönte ein leichter Ton von Autorität, der Esther fie deutete auf Mrs. Lewis die hat es alles mit anungemein empörte. gesehen. Von der Schande und dem Spott und dem Hohn, die
In diesem Augenblick trat William ein.
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