Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 81.

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Sonntag, den 24. April.

( Nachdruck verboten.)

Elther Waters.

Roman von George Moore .

XXVIII.

1904

und er würde sie in die Lebensbahnen führen, in welche sie ihrer Natur nach paßte; in die Bahnen ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Kindheit. Ja, sie wollte Fred heiraten,- aber in diesem Augenblick schien sie etwas an der Kehle zu packen und zu würgen Williams mächtige Gestalt stand wieder zwischen ihr und diesem Leben. Wenn sie ihn doch nur nicht damals vor so vielen Jahren in Woodview getroffen hätte! Wenn sie ihn nicht an jenem Abend in der Straße ge­Esther ging durch das Haus und verriegelte und vertroffen hätte, als sie ging, das Bier für ihre Herrin zu holen! Schloß die Thüren. Als sie damit fertig war, drängten sich ihr biele schmerzliche Gedanken auf. Sie blieb am Fuß der Treppe stehen und wischte sich die Thränen aus den Augen weg. Ein Gefühl von Kummer, von geistigem Elend, so groß, daß sie es faum begreifen konnte, und dem gegenüber sie feine Kraft mehr in fich fühlte, überwältigte sie fast. Sie war sich nur noch der Thatsache bewußt, daß das Leben stärker war als sie; daß fie gegen das Schicksal nicht ankämpfen konnte, und daß ihr auch eigentlich schon gleichgültig war, was nun fam.

Wie anders würde dann ihr ganzes Leben geworden sein! Oder hätte sie ihn wenigstens erst dann getroffen, nachdem sie schon mit Fred verheiratet war!

Sie lag in ihrem Bett und wurde müde von all dem Denken und wünschte fast, daß ein andrer für sie die Sache entscheiden könnte; wünschte, daß sie einschlafen könnte und aufwachen als die Frau des einen oder des andern.

Indem sie einschlief, hatte sie noch das Gefühl, daß ihr Mit Not und Mißgeschickt hatte sie fieghaft gefämpft; fühlte sich eigentlich für feins von beiden völlig vorbereitet. Leben entweder ganz so oder ganz so werden müßte, und sie über ihre eigne Natur hatte sie zahllose Siege davongetragen Sie hätte viel lieber einen Mittelweg eingeschlagen, und indem nun aber, wo es zum letzten entscheidenden Kampfe kam, fand die Schleier des Schlafes sich über ihr Gehirn herabsenkten, sie feine Kraft mehr in sich vor. Sie hatte nicht einmal die empfand sie plötzlich, daß nun das Wunder vollbracht sei. Sie Kraft, William böse zu sein. Sie wunderte sich nur, wie es Kraft, William böse zu sein. Sie wunderte sich nur, wie es träumte von einem Manne, der die Eigenschaften beider besaß möglich gewesen war, daß sie ihm erlaubt hatte, sie zu küssen. und weder ganz und gar aus Wirtshaus und Rennplätzen, Sie mußte daran zurückdenken, wie sie ihn lange Zeit hindurch noch aus Bibelklasse und Religion zusammengesetzt war. Aber schon gehaßt hatte, und wunderte sich, daß sie ihn nun nicht solche Illusionen konnten natürlich nicht lange vorhalten. Die mehr haßte. Sie hätte gar nicht mit ihm sprechen sollen; Traumgesichter zerflossen und flossen wieder ineinander über, vor allen Dingen hätte sie ihm nicht das Kind zeigen sollen. und Esther erwachte mit klopfendem Herzen und in kaltem Aber auch hierin war ihr Wille von andern Gewalten be- Schweiß gebadet, da sie geträumt hatte, sie habe nun alle beide zwungen worden. geheiratet.

ΧΧΙΧ.

Sie ging die Treppe hinauf. Sie schlief auf derselben Etage wie Miß Rice. Sie mußte daran denken, wie dieses gütige, ruhige, kleine Wesen so friedlich in seinem einsamen Wenn Fred gesagt hätte: Komm fort mit mir!" so Bette dalag und schlief, und ein plötzlicher Impuls hätte sie hätte Esther zweifellos dem elementaren Zug von Romantik, fast dazu getrieben, jetzt zu ihrer Herrin hereinzugehen und der in jeder weiblichen Natur schlummert, gehorcht und wäre ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Aber zu welchem Zweck? ihm gefolgt. Aber als sie an dem Laden vorsprach, um etwas Helfen, raten konnte ihr doch keiner. Das mußte sie selber zu holen, erzählte er ihr nur von seiner Ferienreife, von den thun. Sie hatte Fred gern; sie wußte, daß sie beide gut mit- langen Spaziergängen, die er gemacht, und von den religiösen einander ausgekommen wären, und sie wäre ihm auch sicherlich und politischen Zusammenkünften, denen er beigewohnt hatte. eine gute Frau geworden, wenn sie William nicht getroffen bedauerte sie, daß er nicht doch ein wenig anders wäre. Leicht­Esther hörte ihm zu wie im Traume, und unwillkürlich hätte. fertige Gedanken stürmten plöglich auf sie ein.

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Sein

Ja, sie wollte Fred heiraten. Sie versuchte sich in Ge­danken das Häuschen in Mortlake vorzustellen und wie sie Er würde ihr besser gefallen haben, wenn er farbige beide darin so still und ruhig leben würden. Sie dachte an Krawatten und ein kurzes Jackett trüge; sie hätte ihn das einfache, schwarze Kleid, welches sie dort stets tragen würde, mindestens halbwegs anders gewünscht, als er war. und diese Eristenz erschien ihr so vollkommen natürlich, daß sandfarbenes Haar, sein langer, loser Gehrock und seine fie gar nicht begriff, wie sie nur überhaupt noch zögern fönne. Schwarze Krawatte alles das war ihr auf einmal un­Wenn sie William heiratete, würde sie in das Wirtshaus zum angenehm. Aber er hatte eine fröhliche, helle Stimme, und Kings Head" kommen. Sie würde dann täglich hinter dem wenn er mit ihr sprach, kam ihm ihr Herz stets gern entgegen, Schanktisch stehen und die Kunden bedienen. Außer Unglück, und sie hatte dann das bestimmte Gefühl, daß sie ihm ihr Kummer und Not hatte sie bisher noch wenig vom Leben ge- Leben furchtlos anvertrauen könne. Nur schien er sie nicht sehen, und es lebte in ihr doch der instinktive Wunsch, ein völlig zu verstehen, und gegen ihren Willen, gegen ihre bessere wenig mehr und Besseres vom Leben kennen zu lernen. In Einsicht bohrte der Gedanke sich immer tiefer in ihr Hirn dem Häuschen in Mortlake würde es wenig davon geben; da hinein, daß sie nicht recht daran thäte, Jackie von seinem wirk­würde die einzige Abwechselung die Bibelklasse sein. Diese lichen Vater zu trennen. Sie mußte Fred die ganze Wahrheit ihre eignen Gedanken überraschten sie derart, daß sie plötzlich sagen. Wohl wußte sie, daß er sie nicht verstehen würde. Aber fast aufhörte zu denken. Solche Gedanken waren ihr noch nie geschehen mußte es doch, und so ließ sie ihm denn sagen, daß zuvor gekommen; es schien ihr fast, als ob irgend ein andres sie ihn abends gern sprechen wolle, wenn er aus dem Geschäft Mädchen, welches sie gar nicht kannte, in diesem Moment für fäme, fo etwa um acht Uhr. fie denke. Hatte sie den Wunsch, William zu heiraten und nach dem Kings Head" zu gehen? Sie wußte es nicht. Sie fam sich vor wie einer, der an einem Scheidewege steht and noch nicht weiß, in welche Straße er einbiegen soll. Wenn Sie den Weg einschlug, der nach Mortlake und zur Bibelklasse führte, so würde ihr Leben fortan ein ruhiges und friedliches fein. Sie konnte im voraus ihr ganzes Leben überblicken vom Anfang bis zum Ende, bis zu jener Zeit, wo Fred und sie alt geworden, zusammen dasigen würden Hand in Hand, Seite an Seite, wie sie Freds Eltern siten gesehen hatte. Wenn sie aber den Weg einschlug, der nach dem Wirtshause und den Rennpläßen führte, so wußte sie gar nicht, was nicht alles passieren konnte. Aber William hatte ihr versprochen, ihr und Dem Kinde fünfhundert Pfund zu verschreiben. Ihr Leben würde also auch nach dieser Richtung hin gesichert sein. Sie fühlte eigentlich die Verpflichtung, Fred zu heiraten; sie hatte es ihm ia versprochen. Sie wollte ihm eine qute Frau sein, ist.

Die Uhr hatte noch kaum acht geschlagen, als jemand leise ans Fenster klopfte. Sie öffnete die Thür, und er kam herein und sah sie ein wenig erstaunt an, weil sie ihn so schweigend empfing.

Ich hoffe, es ist nichts passiert," sagte er, wie?" ja, doch, es ist sogar viel passiert. Ich fürchte, wir werden einander nie heiraten, Fred; das war's, was ich Dir sagen wollte."

Was soll das heißen, Esther? Was soll denn unsrer Heirat im Wege stehen?"

Sie gab teine Antwort, und er fuhr fort: " Hast Du mich denn nicht mehr gern?" Ach ja, ja; nein, daran liegt es nicht."

it Jackies Vater vielleicht zurückgekommen?" Jawohl, das ist's, was passiert ist."

Es thut mir leid, daß dieser Mann Dir wieder begegnet Ich denke, Du sagtest mir, daß er verheiratet sei? Aber,