Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 82.
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Dienstag, den 26. April.
( Nachdruck verboten.)
Efther Waters.
,, Als ob man so etwas erklären könnte, Esther!" " Ja, das habe ich auch geglaubt, bis mir alles dieses passierte! Und o! ich habe in den letzten Tagen so furchtbar gelitten! Bittere Thränen habe ich geweint, als ich an alles das dachte, was Du mir gefagt hattest von unserm zukünftigen Heim und Leben, und daß das nun nie so werden soll." Fred sah, daß sie in vollkommenster Aufrichtigkeit sprach, und zweifelte nicht länger an ihr.
Sie aber sprach weiter:
Ich habe Dich sehr gern, Fred, und wenn dieses nicht dazwischen gekommen wäre, so glaube ich, daß ich Dir eine gute Frau geworden wäre; aber es hat eben nicht sein sollen!" " Ich verstehe Dich nicht, Esther; Du brauchst ja doch diesen Mann niemals wiederzusehen, wenn Du es nicht willst." ,, Ah, wenn sich solche Dinge so leicht machen ließen! Aber er ist doch der Vater meines Kindes und er hat Geld, und er wird das ganze Geld dem Kleinen hinterlassen, wenn er erst dem Geseze nach sein Vater ist."
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„ Das kann doch auch so geschehen, ohne daß Du zu ihm gehst und mit ihm zuſammen wohnst."
,, Nein, nicht so, wie er es will. Ich weiß, was er will. Er will eine Frau haben und' ne Häuslichkeit, und weniger,
als er will, nimmt er nicht."
Wie können Männer nur so gottlos sein?"
Ach nein, ich glaube, Du thust ihm unrecht. Er ist nicht gottloser als viele andre. Er ist ebenso wie die meiſten Männer, weder schlechter noch besser. Wäre er ein wirklich schlechter Mann, so wäre es besser für uns gewesen, denn dann wäre er nie wieder zwischen uns getreten. Verstehst Du mich nun, Fred? Wenn ich nicht zu ihm gehe, verliert mein Junge alles. Er will eine Häuslichkeit haben, eine wirkliche Häuslichkeit mit Frau und Kindern, und wenn er mich nicht bekommt, wird er sich eine andre Frau nehmen."
„ Und darauf bist Du eifersüchtig?"
„ Nein, Fred. Aber bedenke doch, wie es sein würde, wenn wir beide einander heirateten. Es ist doch anzunehmen, daß wir Kinder haben würden, und die müßten Dir dann doch natürlich viel lieber sein, als mein Junge."
,, Esther, ich verspreche Dir, daß-"
" Jawohl, Fred, ich weiß; aber selbst wenn Du ihn liebtest wie Dein eignes Kind so fannst Du doch noch immer nicht sicher sein, daß auch er Dich lieben würde!"
" Jackie und ich
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Oja; er hätte Dich ja ganz gerne gehabt, wenn er nur nicht seinen eignen Vater gesehen hätte! Aber schon jetzt hat er seinen Vater schrecklich lieb, und später würde es immer schlimmer werden. Er würde bei uns zu Hause nicht zufrieden sein. Er würde vielleit fortlaufen und zu seinem Vater gehen und würde dann zum Trinken und Wetten verführt werden." Wenn sein Vater ein solch gottloser Mann ist, so wäre es das beste für Jackie, ihn nie wiederzusehen. Wenn er geschieden wird und eine andre Frau heiratet, wird er Jackie bald vergessen haben."
" Ja, das ist möglich," sagte Esther, und Fred wollte weiter sprechen.
Esther aber unterbrach ihn und sagte schnell: " Jedenfalls würde Jackie dann feines Vaters Geld verlieren, und das Wirtshaus würde-"
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,, Also in einem Wirtshause wirst Du leben, Esther?" Eine Frau muß dort leben, wo ihr Mann lebt." Aber er ist nicht Dein Mann, er ist der Mann einer andern Frau."
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„ Er wird sich scheiden lassen und mich dann heiraten." Und läßt Dich dann vielleicht zum zweitenmal mit einem zweiten Kinde sitzen."
Alles, was Du mir sagst, hatte ich mir auch schon gedacht. Ich muß eben das Risiko laufen. Das gehört wahrscheinlich mit zu der Strafe für meine erste Sünde. Wir Frauen können eben nicht unrecht thun, ohne dafür bestraft zu werden. Ich hatte nur gedacht, daß ich schon eigentlich genügend bestraft worden sei."
1904
" Diese zweite Sünde ist tausendmal schlimmer als die erste. Er ist ein verheirateter Mann, Esther, und ich hielt Dich für ein gutes, religiöses Mädchen."
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,, Ach, es giebt Zeiten, wo die religiöse Ueberzeugung durchaus nicht zusammenzupassen scheint mit den Pflichten eines Menschen. Ich mag ja unrecht thun, aber es erscheint mir doch als das Natürlichste, denn er ist der Vater meines
Kindes"
Ich fürchte, Du bist schon ganz fest entschlossen, Esther. Ich rate Dir, Dich noch zu bedenken, bevor es zu spät ist." " Fred, ich kann ja nicht anders, siehst Du denn das nicht ein? Mache es mir doch nicht durch solche Worte noch schwerer, „ Und wann wirst Du zu ihm gehen?" " Heute abend noch; er erwartet mich." ,, So lebe wohl, Esther!"
als es schon ist."
,, Aber Du wirst mich später besuchen kommen?"
,, Nein, Esther, das glaube ich nicht. Ich wünsche Dir alles Glück, aber Du weißt, daß ich in Wirtshäusern nicht verkehre." " Ja, das weiß ich; aber Du könntest mich doch an einem Vormittag mal besuchen, wenn es noch still im Geschäft iſt." Ein trauriges Lächeln umspielte Freds Lippen. ,, Also wirst Du nicht kommen?" fragte sie.
"
" Lebe wohl, Esther."
Sie schüttelten einander die Hände, und er ging rasch hinaus. Sie wartete noch einen Augenblick, trocknete ihre Augen und ging dann zu ihrer Herrin hinauf.
Miß Rice saß in ihrem Stuhl am Fenster und las in der Abenddämmerung ein Buch. Die scheidende Sonne sandte einen schrägen Strahl in das Zimmer hinein und ließ den bunten Perlenvorhang zwischen den beiden Zimmern hell glizern und funkeln. Und der Eindruck dieses ganzen Raumes auf Esther war ein so friedlicher, daß sie nicht umhin konnte, wie schon so viele Male, ihr eignes, unruhiges Leben mit dem friedlichen Stillleben dieser kleinen, alten Jungfer zu vergleichen. Nun ist's zu Ende, Fräulein," sagte sie, ich hab' es ihm gesagt."
" Ja, Esther?" sagte Miß Nice. Sie ließ das Buch in den Schoß sinken und legte ihre zarten, weißen Hände darauf. Die Sonnenstrahlen spielten auf dem kleinen Rubinring, welchen sie an der rechten Hand trug.
Ja, Fräulein, ich habe ihm alles gesagt, er schien es sich sehr zu Herzen zu nehmen. Auch ich mußte weinen, denn ich hätte ihm eine gute Frau werden können; aber es hat doch nicht sein sollen."
Haben Sie ihm gesagt, daß Sie zu William gehen wollen?" " Ja, Fräulein, wenn man schon die Wahrheit sagt, ist's besser, alles zu sagen. Ich sagte ihm, daß ich noch heute abend hingehen würde."
Er ist wohl ein sehr religiöser Mensch?"
Ja, Fräulein; er redete auch sehr schöne, fromme Worte zu mir, aber ich entgegnete ihm darauf, daß mein Jackie nicht länger als vaterloses Kind umherlaufen soll, und daß ich ihn auch nicht um das Geld bringen will, auf das er ein Recht hat. Es sieht ja in der That sehr unrecht aus, zu einem verheirateten Mann zu gehen, um mit ihm zusammen zu leben, aber Sie, Fräulein, wissen doch, in welcher Lage ich bin, und Sie wissen auch, daß ich's nur darum thue, weil ich hoffe, alles wird noch gut enden."
,, Was hat er darauf gesagt?"
" Nicht viel, Fräulein; er meinte nur, ich könnte ein zweites Mal siten gelassen werden und, wie er noch hinzufügte, mit einem zweiten Kinde."
,, Haben Sie selbst auch schon an diese Gefahr gedacht, Esther?"
" Oja, Fräulein; ich habe an alles gedacht; aber was ändert das Denken? An meiner Lage ändert alles Denken nichts, und eine Frau muß eben jedes Risiko laufen. Nicht alle Frauen natürlich; Damen wie Sie brauchen das nicht; aber unsereins muß es stets.
"
" Ja, ja," sagte Miß Rice nachdenklich, es ist eben immer die Frau, die geopfert wird."
Und sie dachte unwillkürlich an den Roman, den sie soeben