Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 120.

15]

96 and

Dienstag, den 21. Juni.

( Nachdruck verboten.)

Im Vaterbaufe.

Im

Socialer Roman von Minna Kautsky . Als ihr Mann sich entfernt hatte, setzte sich Frau Schön­brunner zu ihrer Tochter, die ein neues Taillenband zurecht­legte, um mit ihr zu beraten.

Wenn es neue Ballonärmel kriegt, wird mein schwarzes Atlaskleid wieder wunderbar ausschauen, meinst Du nicht auch?"

Kleid

-

Tini zuckte die Achseln:" Neue Aermel in einem alten Was, altes Kleid, einen solchen Atlas findest Du heute nicht mehrer ist immer noch schön- der hat sich ausgezahlt, wenn ich denk': Ich bin nur froh, daß ich mir damals den Rock nicht hab' in Zwickl schneiden lassen, jetzt wär' er ver­pfuscht aber wie man jezt die neuen Glockenröd trägt, ist Ballonärmel brauchen werde? Bei Pineles hab' ich einen sehr schönen Atlas zu neunzig Kreuzer im Fenster g'sehen-" So schwätzte sie fort, ohne daß Tini von ihrer Arbeit aufjah. Mir scheint, Tini, Du ärgerst Dich, weil er mich mit nimmt und nicht Dich," sagte die Mutter, und konnte ein triumphierendes Lächeln nicht ganz verbergen. Aber warum hast Du ihn nicht gebeten, ich hab' ihm's ang'sehen, er hat nur drauf g'wart', und ich wett', wenn's D' ihm a bisserl schön thust, so

"

Tini hatte ein kurzes Auflachen. Glaub'st mir liegt so viel dran, mit Euch zu gehen?" glaub' schon, aber Du brauchst Dich wegen der feinen G'sellschaft nicht zu genieren, Du hast ein schönes Benehmen, der Vater hat Dir was lernen lassen

"

Ja, der hat mir was lernen lassen, nicht zehn Kreuzer im Tag tönnt' ich mir damit verdienen," rief auffahrend das junge Mädchen.

Davon ist doch nit die Red', Du hast's auch nit nötig, Gott sei Dant."

Nicht nötig, so? Wenn ich mich will von ihm hunzen lassen und in Berkalkleideln' rumlaufen, dann hab' ich's nicht nötig, aber da dank' ich dafür."

Na, na, Du wirst nicht immer zu Haus bleiben, Du wirst Dich verheiraten und dann Deine eigne Frau sein."

Tini sah die Mutter mit einem übermütigen und dabei doch mitleidigen Blick an.

1904

Armband aus rotem Golde mit einer Rosette von Türkisen und Perlen, das da auf weißem Atlas gebettet lag.

Mit den braunen, abgearbeiteten Händen hielt sie das Armband empor und ließ es im Lichte funkeln. Prachtvoll!

n zitternder Gile legte sie's um ihr Handgelenk und brückte das Schloß zusammen; es schnappte.

Dann streckte sie den Arm weit von sich und drehte ihn hin und her: Wie nobel! Ueber das vulgäre Gesicht huschte ein Strahl verschönernden Glückes.

Mit diesem Schmuck konnte sie auch neben einem Prinzen sich sehen lassen. Zur Siegesfeier wollte sie's anlegen, zum erſtennial. Wenn nicht bei dieser Gelegenheit, wann denn sonst? Seit Jahren besaß sie den Schatz und niemand wußte darum. Nur heimlich durfte sie sich an diesem Befit erlaben, da sie ihn offen nicht zu zeigen gewagt. wird er nicht fragen: Woher? Wie fommst Du dazu? Vom Körbelgeld, das Du Dir machst, nicht wahr?

Wie konnte sie auch!-hr Mann war so mißtrauisch...

M

-

Gott war ihr Zeuge, sie hatte sich's chrlich und mühsam zusammengespart, durch kleine Schmutzereien und kleinlichen Schacher im Haushalt.

Nie hatte sie ein Trinkgeld gegeben, nie, und sie hatte Hasenfelle, Knochen und Glasscherben gesammelt und dem Juden verkauft, nebst den alten Hüten ihres Mannes, die so fett und verdrückt waren, daß sie selbst der Jud' nicht nehmen wollte; aber dafür hatte sie ihm die Kundschaft der Frau Finanzrätin zugeschanzt, bei der sie als Schäßmeisterin fungierte; bei der konnte er dann seinen Rebbach machen. Kurz, sie hatte ihres Amtes stets als gute, christliche Hausfrau ge­waltet und ihr Mann konnte sich nicht beflagen. Nur in einem Punkte hatte sie ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. Sie hatte dem Juden auch den Kragen und den großen Nerzmuff der seligen Schwiegermutter verkauft, auf den ihr Mann so stolz war, auf den er bei jeder Gelegenheit hingewiesen, um ihr zu beweisen, wie wohlhabend seine Eltern gewesen, und in was für eine feine Familie sie hineingeheiratet hatte. Das Pelzwerk war ihr daher in der Seele verhaßt und sie hatte es nie getragen. Nach und nach hatte er es vergessen; aber wenn er Verdacht schöpfte und sie fragte: Was hast Du mit der Pelzgarnitur meiner Mutter gemacht?!

Sie schauderte... Dann sah sie wieder auf ihr Armband und seine gleißende Pracht.

Tini hatte zu nähen aufgehört, jest tam fie gewiß heraus. Richtig, fie hörte schon ihre Schritte. Rasch warf sie das Etui in die Schublade und zog den Aermel über die Hand herab, um ihren Schmuck zu berbergen.

Jezt fuhr sie zusammen. ads gir

So wie Du Deine eigne Frau bist, gelt? Nein, ich bin nicht so wie Du, ich will nicht wie eine Magd im Hause ge­halten sein, und schlimmer als eine solche. Ich will auch nicht den Mann nehmen, den er mir aussucht, und ich glaube, er hat schon einen für mich. Nein, nein, nir da, ich will lieber dran gehen, für meine Bedürfnisse selbst zu sorgen, ich will aber Tini erschien auf der Schwelle, bereits zum Ausgehen wozu red' ich da' rum"

11900

-

angezogen.

1196

Sie begann ihr Sachen zusammenzuraffen und trillert Sie trug ihre Bluse mit Ballonärmeln, mit dem neuen dabei den Luegermarsch. Gürtelband um die schlanke Taille, und ein ründes Hütchen, Ich das bereits frühlingshaft mit auf langen Stielen nickenden Rosen garniert war. - ich Rosen garniert war. osobist

"

ich

lief

39 Dann sagte fie furz angebunden zu ihrer Mutter: geh' heut fort, aber sag' nichts dem Vater ich will muß mich wegen was erfundigen." Probeweise schlang sie den Gürtel um ihre Taille und in die gute Stube, um sich vor dem Spiegel zu betrachten. " Das Mädel ist oft wie ein Narr," brummte die Mutter, man kann sich gar nicht mehr auf sie verlassen."

Der Vorzug, den ihr der Gatte vor der Tochter ein­geräumt, hatte indes ihr Selbstgefühl in so wunderbarer Weise gehoben, daß sie sofort daran ging, ihre Toilette zusammen­zustellen. Sie nahm ihr Atlaskleid aus den weißen Hüllen, breitete es über dem Bett aus und legte einen Fächer darauf; wenn der Schmuck noch dazu kam Wie bei Hof," dachte sie. Aus dem Nebenzimmer ließ sich das Klannern der Näh­maschine vernehmen. Sie horchte und ihre Züge nahmen einen befriedigten Ausdruck an: einen Augenblick war sie vor Störung sicher.

"

Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen: rasch öffnete fie die Kommode, zog aus der hintersten Ecke eine Schatulle hervor, die sie mit einem Schlüssel, den sie besonders verwahrte, aufsperrte, und entnahm ihr, nachdem sie vorher noch einmal hingehorcht, ein Etui,

Im nächsten Augenblick letzten sich ihre Augen an dem

Sie sah hübsch, frisch und so unternehmend aus, wie 90010!

nur je.

" Was versteckst Du denn da vor mir?" fragte fie munter. Als sie das erschrockene und errötende Gesicht ihrer Mutter fah, mußte fie lachen.

" Ich kann mir's schon denken, ich wollte Dich eben darum bitten, Du sollst es mir borgen."

"

Was denn? Ich versteh' Dich nicht" stammelte die

Mutter.

Tini sprang zur Kommode, öffnete sie und zog aus der Lade das leere Etui. D

und

,, Wo ist das Bracelett?"

"

Ein Bracelett?" Sie hatte die Schürze heraufgenommen um den Arm gewickelt, ihn krampfhaft verhüllend. Tini lachte noch stärker.

"

--

aber

Das nutt Dir nichts, glaubst Du, ich bin so dum, o je, wie lang' bin ich Dir schon dahinter gekommen hab' feine Angst, ich berrat's nicht... verrat' Dich nur selber nicht- Du wirst's doch nicht nehmen, wenn Du mit ihm?- na, ich wüßt' nicht, was er Dir dafür anthät', daß Du den schönen Pelz der Großmutter verkauft hast."