Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 126. Mittwoch, den 29. Juni. 1904 (Nachdruck verboten.) 20 Im Vaterhaufe. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Vaters Lieblingsspeise wurde aufgetragen. Sie schmeckte ihm nicht. Auf seine unwirschen Aeußerungen verdoppelte die Gattin nur ihre Aufmerksamkeiten. Er lächelte grimmig. Man will ihn bei guter Laune erhalten, es war ihm klar— sein forschender Blick traf die Tochter.— SHe aß nichts— biß sich auf die Lippen— senkte vor ihm dn Augen; natürlich, in den Hrubi verliebt bis über die Ohren. Nur zeigen darf sich einer und so ein Madel ist gleich ganz weg. Die ztvei mit dem Hrubi hielten wohl zusammen gegen ihn— � glaubten ihn schon im Sack zu haben samt der Mitgift. Sie könnten sich irren—. Wenn er in die Mes- alliance willigt— bei seiner jetzigen Stellung war es eine. Wenn er seine Tochter dem Kleinmeister gab, durfte ihm die G'schicht' wenigstens nichts kosten. Das Essen ward abgetragen. Er blieb bei einem Glas Wein noch bei Tisch und starrte, die Ellbogen aufgestemmt. vor sich hin. Einigemal änderte er ächzend die Stellung; sein starrer Blick, der nichts zu sehen schien, haftete gleichwohl an dem Korb mit Aepfeln , der auf dem Büffett stand. Seine Frau glaubte darin eine Aufforderung zu erblicken und stellte ihn vor ihn auf den Tisch. „Magst Du Aepfel, Vater?" Er gab einen gereizten Ton von sich, worauf sie sich beeilte, den Korb hinwegzunehmen. Da fuhr er sie an, ob er nichts davon haben dürfe. Ganz erschreckt stotterte sie:„Ich Hab' Dich doch gefragt." „Was?" brüllte er. „Ob Du Aepfel essen willst!?—" „Aepfel, ich Hab' an einem genug," nörgelte er.„Aber wenn ich mich nicht wie ein Geier auf alles stürze, Hab' ich das Nachsehen.... Jetzt dank ich drauf— jetzt ist mir der Gusto vergaugen." Ungebärdig stieß er das Körbchen, das sie ihm wieder gereicht hatte, hinweg, und warf dabei das vor ihm stehende Glas um. Es war mit Rotwein gefüllt und er sprang in die Höhe, um seine Beinkleider zu salvieren. „Das sind Deine gescheiten Gläser, die nach unten zu dünner werden," rief er immer erboster,„die müssen umfallen. Jetzt will ich trinken, jetzt ist kein Wein da— jetzt kann ich verdursten— nein, wirklich, bei uns—." „Aber Mann, ich hol' schnell eine zweite Flasche." „Eine zweite— damit bist Du gleich fertig— das ist Dir ganz egal.— Natürlich, Du zahlst es nicht— das geht alles aus meinem Sackel.-- Dableiben!" schrie er, als sie nun doch fort wollte. „Dableiben, Sakerment!" Die Frau blieb stehen. Er stürzte sich seinerseits gegen die Thür. „Vater, hör' doch," rief sie voll Angst,„was willst Du denn?" „Hinaus will ich." „Sei doch nicht immer gleich bös, bleib doch sitzen," bat sie, ihm entgegentretend. Da drehte er sie mit einem Ruck herum und brüllte: „Das Weib wird mich noch wahnsinnig machen.— Herrgott, soll ich denn vorher eine Petition einreichen, wenn ich—" Er warf ihr die Thür vor der Nase zu. Man hörte von außen noch einige Kraftworte, dann wurde es still. Frau Schönbrunner rang die Hände. „Es ist manchmal nicht mit ihm auszuhalten." „Du mußt ihn auch immer reizen," fuhr jetzt die Tochter gegen sie auf. „Ich?— Aber Tini!" „Du verstehst ihn gar nicht zu behandeln.— Du weißt nie, was er will." „Aber Tini, ich konnte doch nicht wissen—" »Ich hätte ihn heute so gerne bei guter Laune gehabt: ich muß es ihm endlich sagen." „Aber Tini, er weiß es ja schon; der Hrubi war eine ganze Stunde bei ihm. Hab' nur Geduld, der Vater wird zu Eurer Heirat nicht nein sagen." „Er nicht, aber ich." „Du?" „Ich will nicht heiraten, das is nix für mich; ich mag kein Leben führen wie Du, mich schinden für meinen Mann bei Tag und Nacht, ihm jederzeit zu Gebote stehen und dafür noch gehunzt und gescholten werden, kein Dienstbot' läßt sich das mehr gefallen... und so eine Qual soll ich mir anthun? Auf Lebenszeit noch dazu, ohne Kündigung? Nein, da weiß ich was Bess'res, ich geh' zum Theater." Die Mutter bewegte nur ihre Lippen, ihr fehlten die Worte. „Was red'st Du denn?— Was glaubst Du denn?" brachte sie endlich mühsam heraus. „Ich glaub', daß ich's zu was bringen kann— die Leut' sollen Respekt vor mir kriegen— darauf kommt- alles an, das Hab' ich schon g'merkt.— Unsinnigen Respekt sollen sie kriegen, auch der Vater." Ihre Augen blitzten und wie sie jetzt, die Nase hoch, die Arme in die Seiten gestemmt, in der Stube auf und nieder schritt, sah sie sehr hübsch und unternehmend aus. Die Mutter rang die Hände. „Mein Gott, wenn das der Vater erfahren möcht'." „Er muß es erfahren; ich werd' es ihm selbst sagen. Ich bin noch nicht majorenn, er muß seine Einwilligung geben." „Eher bringt er Dich um." „Das werden wir ja sehen." Als der Vater wieder herein kam, schien er sein Gemüt besänftigt zu haben und zu einem Entschluß gekommen zu sein. „Ich habe mit Dir zu reden, Tini," sagte er. jEin Schauer lief ihr über die Haut, aber sie blieb fest. „Ich auch, Papa." „Kann mir's schon denken, womit Du mir kommen wirst." „Nein, Vater, das kannst Du Dir nicht denken." Ihr Ton machte ihn stutzig; er war ungewöhnlich ernst. „Ned'i" befahl er barsch. „Nicht hier, ich muß Dich allein haben; komm in das andre Zimmer." „Was sind das wieder für G'schichten," brummte er, von einem unangenehmen Vorgefühl erfaßt. Aber er folgte ihr doch, die vorausgegangen war und schloß die Thür hinter sich zu. Die Mutter blieb allein zurück. Sie vermochte vor Aufregung nicht ruhig zu bleiben, ging in die Küche, kam wieder zurück, horchte und seufzte. Sie erwartete einen fürchterlichen Zornesausbruch, er blieb aus. Und merkwürdig, sie hörte immer nur die Tochter reden, in einem halblauten, ruhigen Ton. Jetzt hörte sie Lachen— der Alte lachte.,. lachte! Sie blieb wie erstarrt. Was hat die ihm gesagt, was muß die ihm vorgeschwindelt haben! Sie stellte sich dicht an die Thür und legte ihr Ohr daran. „Du beanspruchst also nichts Bares?" hörte sie ihren Mann sagen. „Ich will gar nichts, Papa, als Deine moralische Unter» stützung. „Was?" „Deine moralische Unterstützung. Sobald Du Deine Zu» stimmung giebst und hinter mir stehst, dann erscheine ich un» abhängig und beschützt, dann habe ich einen Halt und kann auftreten wie eine Dame." „Natürlich, ganz natürlich, und wenn eine solche Unter» stützung nichts kostet—" „Die kostet Dich gar nichts." „Natürlich: sonst wäre sie ja nicht moralisch. Diese Unter» stützung kannst' haben, so viel Du willst." „Ich werde mit meinem Talent rasch in die Höhe kommen, viel verdienen: und wenn ich dann eine Künstlerin bin, dann habe ich meine eigne Wohnung, meine Dienerschaft und wenn
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21 (29.6.1904) 126
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