IlnterhattungMatt des Vorwärts Nr. 128. Freitag, den 1. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 2Si Im Vaterdaulc. Socialer Roman von Minna Kautsky . Ich werde in der Dreß sehr gut aussehen, Sie können sich darauf verlassen/' sagte Tini. Das soll ich Ihnen aufs Wort glauben? Na" macht er mit der Hand abwinkend, als wolle er es derzeit dahin gestellt sein lassen.Hauptsache ist, können Sie fahren?" Sehr gut." Getrauen Sie sich eine kleine Steigung zu nehmen und auf der andern herabzurasen, um bei der Rampe rasch Halt zu machen und abzuspringen?" Das ist mir nur ein Spaß." Bravo , Sie kriegen die Rolle Hand darauf." Sie legte die ihrige hinein: er zog sie näher und legte den Arm fest um ihre Taille. Sie duldete es trotz des Wider- willens, den sie gegen ihn empfand. Was sollte sie thun? Beim Theater umarmen sich alle und sie durfte sich's mit ihm nicht verderben, er war zu ein- flußreich. Sie brachte es über sich, ihn lächelnd zu bitten, er möge sie nicht vergessen. Mit wiederholten Knixen verabschiedete sie sich. Er nickte gönnerhaft und trieb die Artigkeit so weit, sie bis an die Thüre zu geleiten. Wie ihr das alles durch den Sinn ging, als sie, den Kopf gesenkt, rasch die Ringstraße dahinschritt Jedes Wort, jede Geste hatte sich fest ihr eingeprägt, sie war bis ins Innerste aufgewühlt. Als ein Tramway klingelnd an ihr vorüber fuhr, blickte sie auf. Es war gerade die Matzleinsdorfer! Wie fatal! Sie war über die Haltestelle hinausgegangen und mußte umkehren. Als sie sich wendete, fuhr ein Privatequipage so dicht gegen das Trottoir heran, daß ihre Kleider bespritzt wurden. Dummer Kerl!" schrie sie entrüstet. Und da sitzen gar Zwa am Bock und kann kaner acht geben!" Im ausbrechenden Zorn kam die Borstadtwienerin drastisch zum Vorschein. Aber schon hielt der Wagen mit jähem Ruck und Baron Brandt sprang mit einer Flinkheit heraus, die man seinem Alter nicht zugemutet hätte. Ah, Fräulein Schönbrunner verzeihen Sie, ich bin untröstlich über die Ungeschicklichkeit meines Kutschers " «O, Baron" sagte sie mit nachsichtigem Lächeln. Mit überraschender VerWandlungsfähigkeit hatte sie sich der Situation angepaßt und versucht, dem Baron gegenüber sich fein" zu aeben. Woher kommen Sie bei dem schlechten Wetter?" fragte er. Direkt aus der Theaterkanzlei!" I was nun, wie war es, wie hat man Sie auf- genommen?" Sehr liebenswürdig man war sehr freundlich mit mir" sie senkte die Augen ein wenig, als verbiete ihre Be- scheidenheit ihr, mehr zu sagen, dann mit triumphierendem Blick:Thatsache ist, daß ich nächstens auftreten werde." Charmant, ich bin entzückt. Und wohin wollm Sie jetzt?" Nach Hause mein Papa weiß noch gar nichts Jesus !" schrie sie auf, alle Feinheit vergessendda fahrt mir die Tramway wieder vor der Nasen vorbei!" Wenn Sie mir erlauben wollten, Sie in meinem Wagen nach Hause zu bringen" Ein leises Nicken ihrerseits und schon hatte auf einen Wink der am Wagenschlag harrende Diener denselben geöffnet, sie hüpfte hinein Haben Sie die Gnade, mir Ihre Adresse zu nennen." Sie hatte die Gnade, und als sie jetzt in dem eleganten Coup6 saß, auf den federnden Kissen in kornblauer Seide und der Wagen auf Gummirädern in Trab und doch so sanft dahin fuhr, da hätte sie aufschreien mögen vor Lust, in toller Aus- gelafsenheit in die Hände schlagen, aber sie bezwang sich klüglich. Sie saß ruhig und überließ dem alten Herrn ihre beiden Hände, die er abwechselnd küßte. Sie merkte es gar nicht. Lächelnd Nickte sie seinen Worten zu, ohne sie zu verstehen. Sie baute an dem stolzen Gebäude ihrer Zukunft. Einen herrschaftlichen Wagen wie diesen einen feschen Kutscher, wie der am Bock, Toiletten wie die Szontag aber sie selbst eine andre nobler, feiner, gescheiter mit Recht bewundert und angebetet, denn sie wird eine große Künstlerin sein. Mit vornehmer Grazie lehnte sie sich in die seidnen Kissen zurück, überrieselt von Schauern des Entzückens. 15. Kapitel. Tini hatte ein Röllchen zugeschickt erhalten und zugleich den Probezettel. Sie durchlas es in fliegender Hast und warf es ärgerlich auf den Tisch. Ist das auch eine Rolle, ein solcher Schmarrn! Ein Fräulein Mimi in einem französischen Salonstück war ihr zugeteilt worden; eine einzige Scene, einige Sätze enthaltend, und gerade den längsten und muntersten Satz hatte die Regie noch nachträglich heraus gestrichen. Es war empörend! Glaubte man vielleicht, sie würde nicht treffen, die paar Worte anmutig zu sprechen, man wird schon sehen. Voll Mut, im glücklichen Selbstvertrauen war sie auf die Probe gekommen in ihrem Eifer zu früh. Es war niemand zu sehen, und sie ließ sich von dem Portier auf die Bühne führen. Da stand sie nun auf dem Podium und wußte sich in dem Dämmerlicht und den riesigen Dimensionen eines Bühnen- raumes gar nicht zurecht zu finden. An den Seitenkoulissen brannten einige Flammen. Ihr Licht, von der Dunkelheit aufgezehrt, reichte nur eben hin, den Raum ins Unendliche auszudehnen, der nur hie und da von unbestimmten, hochragenden, phantastischen Formen begrenz! erschien. Der Bühnenvorhang war aufgezogen; sie blickte hinaus in einen schwarzen gewaltigen Schlund von gähnender Leere. Die Logen und Sitzreihen waren mit dunklen Tüchern verhüllt, nur weit, oben, weit, weit hinten glitzerte etwas, da fiel ein Schimmer von Licht auf die Vergoldungen der Galerie. Wie hell und farbig wird sich der Raum abends im Lichter- glänz präsentieren, und hier wird sie stehen und in die aneinander gedrängten Gesichter des Publikums sehen, selbst ein Zielpunkt für alle Blicke, für die mit Gläsern bewaffneten Augen, die vielen Augen! Wie wird ihr da zu Mute sein? Sie that einige Schritte; es hallte so sonderbar. Sie blickte aufwärts welch' ein unentwirrbares Laby- rinth von Galerien und Brücken, Schnüren, Latten und Rahmen. Ein Schimmer von Tageslicht, den die dunklen Massen, die dicht neben einander aufgehängt waren, nur in schmalen Streifen durchließen, stahl sich von oben herein. Sie war nicht mehr allein. Sie konnte zwar keinen Menschen entdecken, aber sie vernahm eine Stimme, die kurze Weisungen gab. Signale er­tönten. Plötzlich gab es ein Rauschen von oben her, etwaks Dunkles bewegte sich und schien auf sie herabzukommen. Achtung!" hörte sie rufen sie sprang seitwärts. Im nächsten Moment stieß eine große, die Bühne abschließende Wand auf den Boden an. Sie hatten eine Dekoration herabgelassen und Tini befand sich hinter derselben. Da ertönte der Kommando- ruf:Auf!" und die Wand wurde langsam wieder in die Höhe gezogen. Tini trachtete von der gefährlichen Stelle weg und nach vorn zu kommen, da senkte sich eine zweite Wand gerade ober ihrem Kopfe. Sie stieß einen lauten Schrei aus, aber schon war ein Arbeiter in einer blauen Barchentjacke auf sie zuge- treten und ersuchte sie höflich, von hier fort zu gehen. Als sie sich nicht rührte, sie war zu konsterniert und er- schrocken, nahm er sie bei der Hand und führte sie sanft nach vorne, nach dem Souffleurkasten. Er zeigte auf den Stuhl des Regisseurs und sagte:Da sind Sie sicher, Fräulein, da können Sie ruhig zusehen, wenn Sie's interessiert, wie wir das Zimmer zum 1. Akt stellen, aber besser wär's, Sie gingen in die Garderobe, die ist geheizt." Sie gestand verschämt, daß sie zum erstenmal hier sei, unq nicht wisse, wo sich dieselbe befinde. Er gab mit der Hand die Richtung an und bemerkt« schmunzelnd:Sie werden's schon finden, die Schauspieler machen genug Spektakel, gehen Sie nur hübsch den Stimmen nach." Er salutierte und sprang hinweg. Sie ging nach rück«