Mnterhaltungsblatt dcs Vorwärts Nr. 129. Sonntag, den 3. Juli. 1904 2i] (Nachdruck verboten.) Im Vaterdause. Socialer Roman von Minna Kautsky . Am nächsten Morgen begann die Probe unerwarteterweise mit dem dritten Akt und Tini kam einige Minuten zu spät. Sie wurde vom Regisseur und Inspizienten hart angeblasen und erhielt eine Strafe diktiert, die ein Viertel ihrer Monatsgage betrug. Als Tini die Scene betrat, begann der Drill. Ihr Ton, ihre Aussprache, ihre Mimik, ihr Kommen und Abgehen, alles wurde bemängelt. Der Regisseur ließ sie jeden Satz wieder- holen, und jede Bewegung. Er spielte die Rolle ihr vor sie konnte es ihm trotzdem nicht recht machen. Die Ungeduld der Mitspielenden über dm Drill auf der Bühne, der die Probe hemmt und ihr sJnde verzögerte, begann sich in boshaften Bemerkungen über blutige Anfängerinnen Luft zu machen. Und als der Regisseur verkündete,wir machen die ganze Scene noch einmal," erhob sich heftiger Widerspruch. Aber ein Regisseur, der ein neues Stück einstudiert, ist- grimmiger als ein Feldwebel, der Rekruten drillt. Er habe hier zu entscheiden, erklärte er lauter als notwendig, und wenn er es für notwendig halte, iverde er die Scene zehnmal und zwanzigmal wiederholen lassen. Jawohl, zwanzigmal, meine Herrschaften, und es ist mir ganz egal, ob es Ihnen, meine Verehrtesten paßt oder nicht paßt!" Da erhob sich Lotte, der Star dieser Bühne und verbat sich diesen rüden Ton. Sie sei nicht willens sich maltraitieren zu lassen, wegen solcher eine Geste, eine höhnische Grimasse ergänzte den Satz. Sie zog die Pelzboa fester um ihren Hals, und sich zum Gehen anschickend, rief sie nachlässig über die Schulter hinweg, dem Regisseur zu: sie brauche die Seene nicht, wenn sie wiederholt werde, möge er gütigst für sie markieren. Dieser entgegnete grob und hieß sie bleiben. Da brach der Spektakel los. Alles wendete sich in beleidigtem Künstlerstolz gegen eine Diktatur in dieser Form. Die Spaßvögel suchten durch exaltierte Zurufe die Hitzköpfe noch mehr zu stacheln, und als der Theatersekretär, den alle haßten, dazwischen trat und lächelnd zu intervenieren suchte, wurde die Sache noch schlimmer. Man brüllte ihm zu, er habe den ordinären Ton hier eingeführt, die Schandwirtschaft, die jetzt grassiere, habe er am Gewissen Fäuste erhoben sich, man drohte mit Prügeln. Lotte bekam einen Weinkrampf. Sie warf sich über das auf der Scene be- findliche Ruhebett und lag in Zuckungen. Man bemühte sich um sie. Der Direktor wurde herbeigeholt sie könne heute abend nicht spielen, hieß es. Er war außer sich. Er hielt ihr Salz vor, gab ihr die zärtlichsten Kosenamen, küßte ihre Hände und versprach ihr endlich den Urlaub, den er bisher eigen- sinnig verweigert hatte. Darauf hörten die Zuckungen auf. Sie lächelteihrem guten Direktor" zu und sanst, schön, blaß, erhob sie sich, auf seinen Arm gestützt, und verlangte nun selbst die Wiederholung der Scene. Als man sie bat, sich doch zu schonen, bestand sie nur um so fester darauf. Nie werde sie sich einer Nachlässigkeit schuldig machen, sie sei viel zu viel Kunst- lerin, um nicht das Ganze im Auge zu haben. Es war der dramatische Höhepunkt, worauf sich die Wogen ebenso rasch glätteten als sie herangebrausi waren. Die Scene wurde wiederholt und ohne Unterbrechung zu Ende gespielt. Tini hatte sich wacker gehalten. Trotzdem erntete sie unfreundliche Blicke von allen Seiten. Für den Direktor war sie Lust und als der Regisseur an ihr vorüber ging, konnte er sich's nicht versage::, etwas vonPlackereien" undschauerlicher Talentlosigkeit" vor sich hinzumurmeln. Ihre Lippen zitterten, sie war enttäuscht, gedemüttgt, ver- letzt. Da ward sie von rückwärts um die Taille gefaßt, und der Sekretär flüsterte ihr zu:Nur sich nicht abschrecken lassen, Kindchen nur Geduld ich werde Sie poussieren, habe ich nicht schön Wort gehalten? Sie sind doch mtt dem reizen- den Röllchen zufrieden?" Sie nickte ihm zu, riß sich los und eilte hinweg. In sehr gedrückter Stimmung machte sie sich gegen Abend auf den Weg, um Reich aufzusuchen. Wenn Reich nicht be- schäftigt war, pflegte er Tarock zu spielen. Am häufigsten mit Brandts, am liebsten bei sich zu Hause. Ihm war's bequem, und sie fanden es wieder so ungeniert und daher urgemüllich in seinem reizenden Junggesellenheim. Man traf beim ihm Leute vom Theater, die stets amüsant sind.. In letzter Zeit seine Schülerin, die fesche Tini. Sämtliche Brandts interessierten sich für sie: mit der konnte man doch seine Hetz haben. Man fpielte nicht hoch bei Reich, allerdings verlor man immer, denn dieser war ein Matador, auch im Tarokspiel. Es war noch früh am Nachmittage. Die tiefstehende Sonne vergoldete die seinen Spitzen- vorhänge der Fenster und ruhte in glühenden Reflexen auf dem breiten Goldrahmen des lebensgroßen Portraits seiner Freundin und Kollegin, der berühmten Betti, das die Wand ober dem Sofa zierte. Unmittelbar darunter, an dem reich- besetzten Theetisch, saß, neben dem Gastgeber das Original selbst. Baron Brandt und sein Sohn Ferdinand hatten der Dame gegenüber Platz genommen. Beide waren entzückt, die gefeierte Soubrette, die mehrere Jahre von Wien abwesend gewesen, wiederzusehen. Betti frotzelte sie, extemporierte, lachte und witzelte in forcierter Heiterkeit. Ihr lag daran, zu zeigen, daß sie von ihrem Temperament und ihrem Humor nichts eingebüßt habe und noch immerauf- zumischen" verstehe. Ihr Cynismus, die Ungeniertheit ihrer Ausdrucksweise wirkten sichtlich belebend auf Vater und Sohn. Sie schlürften den Thee, naschten von den gehäuften Süßig» feiten und genossen als Gourmands den Hautgout von Bettis lustigen Abenteuern. Reich saß, die Hände in den Tasche:: seines bequemen Sackas, in das Jauteuil zurückgelehnt und nickte von Zeit zu Zeit mit einem überlegenen Lächeln ihr zu. Unwillkürlich streifte sein Blick das Bild an der Wand, das die Künstlerin aus der Höhe ihres Ruhmes, in der Frische ihrer Jugend in siegesgewisser Haltung darstellte. Wie sehr hatte sie sich ver- ändert. Betti war noch nicht alt, wenigstens nicht für eine Bühnen- größe. Ihr Körper war rund und voll, aber ihr Gesicht zeigte, trotz des zart rosa Puders und der rot geschminkten Lippen die Merkmale einer arg zerrütteten Gesundheit. Die Wangen waren schlaff und das Fleisch welk geworden. Nur die Augen, diese schwarzen, großen, stechenden und gemalten Augen bewahrten noch ihr unruhiges Feuer, zeit- weilig ließ sie sie aufblitzen in verwegener Lustigkeit. Sie hatte ein Gastspiel in Amerika absolviert. Ein Engagement, das sie in der Provinz angenommen, war nicht von Dauer ge- wesen, es wurde ihrer Excentricitäten wegen gelöst. Sie war überall pompös aufgetreten, hatte ihren ver- schwenderischen Launen gestöhnt, nun war sie erdrückt von Schulden und wünschte nichts sehnlicher, als von dem Wiener Publikum, das sie frech verhöhnte, dem sie alles Böse nach- gesagt hatte, weil es an Vergötterung ihr nicht genug gethan, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Sie hoffte ein Gastspiel durchzusetzen, mit darauffolgendem Engagement. Aber wenn früher alle Thülen sich weit vor Üst geöffnet. schien fetzt in Bühnenkreisen ihr Name seinen Klang verloren zu haben. Man ließ sie in den Theaterkanzleien und bei den Agenten im Vorzimmer warten, und oft waren die maßgebenden Per- sönlichkeiten nicht einmal zu sprechen. Für sie nicht zu sprechen, für sie! die Betti! Wie lange ist's her, daß dieses Gelichter vor ihr auf den Knien herun:- gerutscht war! Und die faulen Ausreden, die diese Bande ihr gegenüber gebrauchte: Die alten Stücke zögen nicht mehr sie müßte was Neues bringen. Sie möge sich doch wieder ein- mal um einen Dichter umsehen, es sei schon lange her, daß :nan ihr keine Rolle auf den Leib geschrieben und dergleichen mehr. Früher, wenn ein Direktor ihr nicht angenehm war, hatte er sofort seineWatschen" gehabt. Die erste, die sie ihrem Direktor heruntergehaut, war die Wurzel ihres Ruhmes ge- worden. Ganz Wien applaudierte ihr und nannte diesen Akt rohester Selbsthilfe urwüchsig und genial. Bald war sie der verhätschelte Liebling nicht der Grazien aber der Wiener geworden. Und jetzt! Jetzt hieß es, sich ducken. Jetzt mußte sie d:e Direktoren überlaufen, sich erniedrigen vor diesen Lümmeln. die Uebermütige spielen, während sie innerlich raste, S«