Mnterhaltungsblatt des Forwärts

Nr. 136.

Mittwoch, den 13. Juli.

1904

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(Nachdruck verboten.) Im Vaterhaulc. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. In der Küche hörte man die Mädchen lachen. Tini war bei ihnen; alle redeten durcheinander, war das ein Ge- schnatter. Im nächsten Augenblick ging die Thür auf. Tini, in dem alten nun schon völlig zerfransten Schlafrock ihrer Mutter gewickelt, hüpfte herein, ein herrliches Bouquet lang- stieliger Rosen in der Hand. Die Schwestern ihr nach. »Sieh'. Mama, was Tini bekommen hat! Die schönen Rosen der Duft, entzückend!" Tini hatte die schönste herausgesucht und überreichte sie der Kranken mit einem Knix. Die verehr' ich Ihnen, liebe Frau Witte, mit einem guten Morgen." sagte sie liebenswürdig, und ihr Bouguet aufzeigend:Großartig, was? von meinem Baron," sie schnitt eine Grimasse. »Von dem alten Herrn Brandt," fügten die Mädchen er- klärend hinzu. Da klopfte es an die Thür und gleich darauf stand die Frau Resel mitten im Zimmer. Als Abgesandte des Hausherrn fühlte sie sich zu diesem Ueberfall berechtigt. Fräul'n Tini, Sie möchten gleich, aber schleunigst nach Hause kommen." Sie machte es wichtig. Was is denn los, wieder was nicht recht, dem Herrn Papa?" Er is ganz weg, weil von Ihnen was imTag- blatt" steht." Wie, was von mir uit möglich!" Resel nickte bedeutungsvoll:Und was da drinnen steht er hat's schon gelesen." Tini erblaßte.Jesus Maria, die hab'n mich verrissen!" Die Tabakkramerin hat mir die Zeitung, wie i'nein kommen bin. gleich hing'halten ich Hab' sie mir auch ge- kauft 4 Kreuzer kost's" Resel hielt sie wie eine Trophäe in die Höhe. Tini entriß sie ihr mit zitternden Händen. Wo wo?" Die Resel bezeichnete die Stelle, in der die gestrige Novität besprochen war. Am Schluß sprang ihr der Name Tini Schöne entgegen. Die Mädeln sahen ihr über die Schulter, alle drei verschlangen die Zeilen:Eine junge Anfängerin, mit einem Paar Augen, die sofort das Parterre in Brand steckten, sprach die wenigen Worte ihres Röllchens so munter und temperamentvoll, daß wir wohl nicht fehlgehen, wenn wir behaupten, da ist echtes Theaterblut vorhanden, und den Wunsch äußern, der char- manten Kleinen bald wieder zu begegnen." Tini stieß einen Freudenschrei aus, schlug in die Hände, warf sich auf den Boden sprang wieder in die Höhe umarmte die Mädchen umarmte Herrn Witte und jubelte dabei:Kinder, ich bin'was ich bin'was!... das lesen heut' Tausende, ganz Wien wird heut' von mir sprechen. Von heut' an bin ich'was in der Welt! Zum Bater soll ich kommen, aha, jetzt wird er stolz sein auf mich beim Früh­stück hat er mich so geärgert mit seinem ewigen:War schon der Müh' wert, daß wir gestern sechs Gulden für Dich aus- geben haben so a Schmarrn Roll'!" Schon gut. Herr Papa, jetzt werd'n wir andre Saiten aufziehen, jetzt sind wir was, jetzt stehen wir in der Zeitung. Adieu, Kinder!" Und den alten Schlafrock, der sich schlaff um ihre Füße wickelte, hoch emporhebend, sprang sie hinaus. 19. Kapitel. In der eleganten Junggesellenwohnung Ferdinand Brandts waren die Vorbereitungen für den Abend im Zuge. Ferdinand, im tadellosesten Gesellschaftsanzug, kam selbst in die Küche, zählte die Flaschen, beschnüffelte die Salate und Kompote, die bereits angerichtet waren, fragte und tadelte, und machte das Dienstpersonal, seine Haushälterin an der Spitze, so ärgerlich und nervös, daß er es für geraten hielt. eiligst den Rückzug anzutreten. In dem geräumigen, hell erleuchteten, mit Spiegeln ausgestatteten Vorzimmer traf er Mit seinem Intimus, dem Maler Glaser, zusammen. Glaser, ein beleibter, jovial aussehender Fünfziger, war als Künstler wenig, als Gesellschafter viel gesucht. Bei

Ferdinands Gastereien du' sie er niemals fehlen, denn er wußte die Kosten der Unterhaltung vortrefflich allein zu be- streiten und den Hausherrn nicht allein nach dieser Richtung hin jeder Mühe zu entheben, sondern ihn selbst auf das beste zu unterhalten: Pflegte doch Ferdinand über jene Schnurren und Bonmots am meisten zu lachen, die er am öftesten ge- hört hatte. Nun, Glaser, was ist's?" fragte Ferdinand, nachdem er ihm die Hand gereicht.Gefunden, was wir brauchen?" Der Maler nickte fröhlich ihm zu:Es ist mir ge- lungen. das Meisterwerk zu entdecken, hab's auch gleich mit- gebracht." Aber, Sie haben doch nicht der Bilderhändler glaubt doch nicht am Ende, ich wünschte es zu kaufen... fällt mir nicht ein." Ach, wo denn nur zum Anschauen, Hab' ich ihm gesagt... ist so schon ein Opfer... na, schauen Sie sich's einmal an." Sie gingen nach dem kleinen Eckzimmer. Der Diener, dem Glaser das Oelbild im Rahmen über- geben hatte, war eben im Begriff, es auf eine Staffelei zu stellen, zu dem die rote Sammetdraperie eines Vorhangs einen gut gestimmten Hintergrund bildete. Das ist also ein echter Witte?" fragte Ferdinand, der davor auf einem engen Secessionsstühlchen Platz genommen hatte und das Landschaftsbild mit ländlicher Staffage an- glotzte. Witte keeit," sagte Glaser, auf den Namenszug deutend. So, so hm, hm na, was sagen Sie mir scheint hm na, was meinen Sie?" An Quark," platzte Glaser derb heraus. Mein Gedanke, aber der Mann war berühmt." Berühmt Gott, er war halt Professor noch dazu mein Professor! Jetzt weiß ich erst, weshalb aus mir nichts geworden ist der Ruchlose hat mein Genie im Keime erstickt." Ferdinand lachte, daß ihm die Thränen kamen. Sehr gut. Aber ein Professor kann einen wirklich ruinieren... Ich Hab' auch so einen gehabt... Aber ich bitte mir's aus, wenn sein Sohn kommt, muß das gelobt werden." Na, versteht sich, gelobt, über den grünen Klee." Habe mich ihm gegenüber mit meinem Witte schon patzig gemacht." Das war nicht schön von Ihnen." Nur wegen den Mädeln, damit Hab' ich sie hergelockt, sie kommen das Bild zu sehen, wird sie riesig freu'n." Der tote Großvater als Köder benutzt Ferd'l, Du bist ein schlechter Kerl." Ferdinand wehrte lachend ab, von dieser Voraussetzung sehr geschmeichelt. Aber nein, aber nein ich denk' an nichts Böses im Gegenteil das sind so nette, liebe, unschuldige Mädeln wirklich bessere Mädeln und trotzdem amüsant. Mit denen kannst Dir a Hetz machen fein, natürlich sie merken's gar nicht. Und die lachep zu hören, gar die Gusti, die Kleine, das ist allein schon ein Vergnügen, die lacht über alles, über meine Witze kann sie sich schiitteln... und sie ist so wollet überhaupt reizend!... Herr Papa glaubt wohl, ich bleib' gleich hängen... aber ich Hab' gar keine Ab- sichten... keine guten, keine schlechten... ich will mich nur amüsieren, und es ist mir viel angenehmer, mit so gut- gearteten Mädeln als mit hier verpflichtet man sich zu nichts und es kostet auch nichts... sehr angenehm... man will doch nicht immer die Würzen sein." Ist viel feiner so," meinte Glaser ironisch. Das sag' ich ja... Apropos, was wird denn der Händler für das Ausborgen verlangen?" Bagatelle." Hätten doch lieber gleich aushandeln sollen... die Leut' sind so unverschämt, wenn's wissen, es g'hört für Unsereinen der Rahinen ist übrigens" Schofel," ergänzte Glaser. Sehr, paßt nicht herein. Vielleicht könnten wir ein Visserl maskieren"