Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 140.
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Dienstag, den 19. Juli.
( Nachdruck verboten.)
Im Vaterbaufe.
Socialer Roman von Minna Rautsky. Reich nahm ein Glas vom Büffet, schwenkte es aus und hielt es unter. Das Glas lief an, so falt war das Wasser, so fohlensäurehaltig, daß es mussierte. Er reichte es dar, Luise dankte ihm mit den Augen und setzte es an die Lippen. Sie trank, wie Durstige trinken, hastig, in vollen Zügen. ,, Halt, halt!" rief er und legte in zärtlicher Vertraulichfeit seine Hand hemmend auf die ihre.„ Sie sind erhitzt, sie dürfen nur schlürfen, sehen Sie so.' so." Er führte das Glas an die Lippen, gerade an der Stelle, wo sie getrunken; sie merkte es wohl. So blieben sie vor dem Brunnen mit dem plätschernden Wasser, nippten wechselweise aus demselben Glase, füllten es immer wieder, sahen sich an und lachten wie Kinder zu dem ergöglichen Spiel. Kühlung, Kühlung!" rief er lechzend." Kühlung!" rief auch sie, es wurde beiden immer heißer dabei.
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Aus dem Saale nebenan hörte man jetzt die populäre Weise des neuesten Wiener Gassenhauers, den Tini mit dünner Stimme, aber ausgelassener Verve, heruntersang. Reich sang mit, er schien so glücklich zu sein, glücklich durch ihre Nähe. Luise fühlte es deutlich an der Seligkeit, die ihren Körper durchströmte.
Dann sagte er plötzlich mit jener munteren Entschiedenheit, die einen Widerspruch ausschließt: Jetzt haben wir uns an der Quelle gelabt, jetzt werden wir uns an die Wiese setzen."
Sie traten durch die offene Thür in das kleine Eckzimmer, wo Großvaters Bild, lorbeerumkränzt, noch auf der Staffelei stand.
Sie sahen nicht darauf hin. Die Lichter der Krone waren gelöscht, das Auerlicht einer hochaufragenden Girandole, die mit einem Schirm von gelber Seide versehen war, tauchte das Gemach in einen Goldton, der süß und traulich war, wie Abenddämmerung. Ein feiner Blumenduft strömte ihnen entgegen, sie hatte ihn vorher nicht wahrgenommen; waren ihre Nerven sensibler geworden in dem gesteigerten Lebens- und Glücksgefühl, das sie beherrschte?
Das Gemach, hochmodern, mit lichten Tapeten, zierlichen, lichtrosa Seidenmöbeln, mit den Kästchen und irisierenden Nippes der Secession, war weichlich und kokett, wie das Boudoir einer galanten Frau. Er führte sie zu dem kleinen Sofa mit aufrechter hölzerner Lehne und lachte, als sie steif und gerade darin saß, wie eine Puppe.
Er rückte die Fußbank zurecht, er häufte die seidenen Kissen, in die sie sich lehnen sollte, den elastischen Körper etwas seitwärts geschmiegt. Seine Bemühungen machten sie ganz verlegen.
,, Danke, danke," sagte sie abwehrend, das bin ich ja nicht gewöhnt."
Das Raffinement dieses Reichtums beklemmte sie, der Blumenduft, der heiße Atem des Mannes, der sich über sie beugte, um ihr Köpfchen besonders zu stützen, brachten ihre Sinne in Aufruhr.
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Ein seltsames Angstgefühl riß sie empor die getürmten Kissen fielen zu Boden und sie saß wieder steif und gerade wie zuvor, einen Zug der Ablehnung um die geschlossenen Lippen.
Er hatte einen Stuhl herangezogen und betrachtete sie lächelnd, mit einem strafenden Blick.
,, Halsstarriges Kind," sagte er leise. Sie wollen feinem andern Willen gehorchen, als dem Ihrigen.. Sie nüßen Ihre Kraft. Sie wissen noch nichts von jenen Mächten, die uns Menschenkinder meuchlings überfallen... Sie haben recht. Man wehrt sich so lange man kann, man will sich nicht unterjochen lassen aber wenn diese Mächte erstarken und uns niederzwingen? D, Sie wollen nicht daran glauben? Ich bin auch so ein Rezer gewesen." Er rückte ihr näher und Teise, sich selbst und seine Schwäche belächelnd, wie im Unmut darüber, redet er weiter, in furzen, hastigen Säßen:„ Dem Mädchen, das mir gefiel, war ich aus dem Wege gegangen.
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1904
Ich wollte keine Thorheit begehen... Nach Jahren sah ich sie wieder... Sie gefiel mir noch besser sie berückte mich. Aber ich wollte mich nicht nehmen lassen. gleichgültig... ich glaubte es zu sein
Ich stellte mich Ich Thor! Was
hat es mir denn genügt, daß ich die Gefahr erkannte? Daß ich geflohen war, weil ich mich vor dem kleinen Mädchen gefürchtet hatte?"
,, Gefürchtet, vor mir?" rief Quise impulsiv, im Wirbel ihres Entzückens.
Er sah sie groß an. Seine Augen funkelten in freudiger, gut gespielter Ueberraschung:" Vor Ihnen? Hab' ich denn das gesagt?" Sie stand einen Augenblick wie gelähmt vor Entsetzen. Dann schlug sie beide Hände über die Augen.
Was hatte sie gethan! was vorausgesetzt! Sie hatte ihm ein Geständnis gemacht, das er nicht erwartet hatte, nicht einmal gewünscht, das sie nicht wieder zurücknehmen konnte! Scham und Verzweiflung durchbebten sie. Sie warf den Kopf gegen die harte Lehne zurück, als wollte sie ihn zertrümmern. Wär's doch so... dann würde sie ihm und sich die tiefe Beschämung ersparen. Aber schon hatte er sich neben sie auf das Sofa gesetzt und mit zärtlicher Gewalt zog er die Hände von ihren Augen und hielt sie fest.
Du Liebe, Süße, Einzige!" rief er, im Triumph seiner männlichen Ueberlegenheit, dann leiser, in bewegteren Tönen: Siehst Du, Kind, wie das Gefühl stärker ist als der Wille, wir können dagegen nicht aufkommen... Und Du liebst mich? Sag' es gestehe! Mein süßes Mädchen, so sieh' mich doch wenigstens an!" Da schlug sie zagend die Augen zu ihm empor, mit dem Ausdruck innigster Liebe.
Und als er sich langsam über sie beugte, seine Augen in die ihrigen senkend, als wolle er ihre Seele in sich saugen, ward ihre Bewegung übermächtig, ihre blühenden Lippen erwarteten, begehrten den ersten Kuß.
Aber sein Ohr war wachsam, er hatte ein leichtes Knarren vernommen.
Er war aufgestanden und, ohne sich zu übereilen, ging er direkt auf die Staffelei los. Sie „ Schade, daß das Bild so nachgedunkelt hat. müssen Ihren Vater fragen, wie man es auffrischen fann." Es muß gefirnißt werden." sagte Vater Witte, der mit Doktor Jensen eben in der Thür erschien.
,, Wir haben Dich schon gesucht, ich dacht' mir's wohl, Du wolltest Dir Großvaters Bild noch einmal ansehen. Aber wir müssen nach Hause, es ist spät geworden, mein Kind."
1. 21. Kapitel.
Frau Elise fühlte sich schwach und apathisch, sie konnte das Bett nicht verlassen. Ihr Zustand erschien indes nicht besorgniserregend.
Witte kam jetzt öfter mittags nicht nach Hause, um sich vor den Gläubigern zu retten, die ihn verfolgten.
Gusti mußte suchen, mit ihnen fertig zu werden; war ihr doch jetzt die Aufgabe zugefallen, zu leisten, was der Tag verlangte. Sie hatte den Vater zu entschuldigen, Zahlung zu versprechen, die Gläubiger zu vertrösten.
Es ging nicht ab ohne Grobheiten und Brutalitäten. Aehnlich erging es ihr bei den Kleinhändlern. Es war recht abscheulich von den Leuten, daß sie ihr nichts mehr auf's Büchel geben wollten.
Wohl hatten die Wittes in der Kunst, sich durchzufretten, bereits ihre Proben abgelegt, aber sie wurde immer schwieriger. Aber wie die Mädeln trotz alledem in ihrem Jugendmut weder feige noch kleinmütig wurden, so blieb auch der Vater hoffmungsvoll. Er klammerte sich immer krampfhafter an jene Vorstellungen, die ihm schmeichelten und über Wasser zu halten vermochten.
Wie geht's, Mutter?" fragte er eines Morgens, als er an ihr Bett trat, um ihr vor dem Weggehen die Hand zu drücken, und ohne ihre Antwort abzuwarten, fügte er tröstend hinzu: Besser, viel besser, ich seh' Dir's an. Nur Geduld, meine Alte, wir gehen dem Frühling entgegen, da bist Du bald wieder heraußen." Und zu den Kindern gewendet, teilte er ihnen mit, daß er abends spät heimkommen werde.
Er