Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 141.
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Mittwoch, den 20. Juli.
( Nachdrud verboten.)
Im Vaterbause.
Socialer Roman von Minna Rautsky. ,, Den Arbeitern geht es wahrlich nicht schlecht," dachte Witte, und wie gewandt sich der Bursche benimmt, er spricht frei von der Leber weg. Und diesem Gedanken Ausdruck gebend: Sie haben was gelernt, Hofer, das freut mich, das Militär ist eine gute Schule für Sie gewesen; übrigens verdanken Sie auch Einiges meiner Frau. „ Das beste, Herr Witte." Ueberzeugung flang da heraus. Wohlwollen wuchs.
Der schöne Ton freudiger Witte sah nach ihm hin, sein
„ Es ist immer schön, wenn junge Leute das anerkennen, was man für sie gethan hat. Meine Frau interessiert sich noch immer für Sie. Wenn Sie sie wieder einmal besuchen wollen, es wird sie gewiß freuen."
bitten."
Danke, Herr Witte, ich wollte Sie eben selbst darum
Sie sagte mir, Sie hätten schon einen Posten. Das ging rasch. Sie gehören schon zu den besseren Arbeitern." ( Zu den gelernten," korrigierte Fritz.
" Da haben Sie auch einen ordentlichen Lohn?" " Es thut's momentan. Die Fabrik hat große Aufträge und da wir Metallarbeiter gewerkschaftlich gut organisiert sind, haben wir keine Lohndrückerei zu fürchten. Freilich, wie lange wir noch so d'rauflos produzieren werden, kann man nicht wissen, gewöhnlich giebt's da einen Krach."
" Ja, die Unsicherheit der Existenz," bemerkte Witte mit einem schweren Seufzer. Aber er richtete sich sofort wieder auf, im Gefühl seiner Würde:" Ihr Arbeiter lebt überhaupt nur von einem Tag auf den andern. Heut' habt Ihr Arbeit und morgen feine."
Frizz zuckte die Achseln.„ Es geht allen so. Ueberarbeit und Arbeitslosigkeit wechseln ab, wie Ebbe und Flut, als müßt' es so sein."
„ Es muß auch so sein und wird immer so sein," belehrte ihn Witte, im Tone der Ueberlegenheit.
,, Entschuldigen Sie, Herr Witte, wir wissen schon, daß es nicht so sein muß und nicht immer so sein wird," sagte der Arbeiter ruhig.
,, Was können Sie davon wissen. Ich bitte Sie, lassen Sie sich doch nichts weiß machen, etwa von diesen privilegierten Volksverführern. Halten Sie sich ruhig an Ihre Arbeit und denken Sie ein bißchen ans Sparen jetzt können Sie's noch. Aber Ihr seid alle so, wie es Euch gut geht, werdet Ihr übermütig, da wachsen Eure Bedürfnisse."
Friz hatte ein gutmütiges Lächeln. Der alte Bruder Leichtsinn predigte ihm Enthaltsamkeit. ,, Natürlich wachsen fie," rief er munter, sie müssen wachsen, das ist Fortschritt, das ist Kultur, unsre Ausbeuter wollen das freilich nicht einsehen."
„ Das ist wahr," rief Witte. Es schien ihm einzuTeuchten, es stimmte zu seiner Erfahrung, und wie von plößlichem Grimm erfaßt, rief er:„ Die Ausbeutung ist eben blind, absichtlich blind, wollt Ihr sie sehend machen?" " Wir wollen sie abschaffen."
1904
„ Und gerecht und zufriedenstellend honoriert?" fragte Friz, ihn fest darauf ansehend.
Witte senkte den Kopf.„ Nein," sagte er kurz und schroff.
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Witte atmete schwer und beklemmt. Die letzte Unbill, die ihm widerfahren, vor zwei Tagen erst, die er niemanden bisher gesagt, lastete auf ihm. Zorn und Grimm über das erlittene Unrecht wollten ihm schier die Brust zersprengen. Und plötzlich, stoßweise, in furzen Absätzen, löste sich's von seinen Lippen, von seinem Herzen.
Was war's, das ihn drängte, dem Manne, den er in seinen Standesvorurteilen tief unter sich rangierte, zu gestehen, was er noch keinem gestanden, ihm seine Lage zu schildern, ihn gleichsam als Richter anzurufen in seiner Sache? Es war die Gemeinsamkeit ihrer Aus= beutung, die Gemeinsamkeit ihres Grolls. Es war das sichere Gefühl, der wird deme Erbitterung begreifen, er wird sie teilen, es sollte ihm eine Lust sein, durch die eigne Empörung die des andern zu steigern. da, mein lieber Frizz... zwanzig Jahre für die Firma gearbeitet, meine Muster haben auf allen Märkten Furore gemacht... sie waren die gesuchtesten Artikel... die Firma hat ihr Renommee mir zu verdanken mir! Erhöhung der Gage war mir seit langem zugesichert... die Chefs wußten sie immer hinauszuschieben Als die Secession ihren Einzug hielt, fingen die Seccaturen an.. ich hab' sie getragen, hab' mir alles gefallen lassen, ich wußte, als Alter war ich gegen die Jungen im Nachteil. Haha, ein Junger zu sein ist heutzutage allein schon ein Vorzug und ein Verdienst... ich hab' es mir vor die Augen gehalten, ich wollte mir meinen Bosten erhalten. ich habe das Menschenmögliche gethan, umsonst... ich bin gekündigt... nach zwanzigjähriger Dienstzeit mit sechswöchentlicher Kündigung entlassen. ... was fagen Sie zu dieser Niederträchtigkeit?" Friz sah erschreckt aus. Abscheulich!" murmelte er. Weiß es Ihre Frau?"
"
"
Nein, sie soll es auch nicht erfahren." ,, Gewiß nicht. Und Ihre Töchter?"
Sie haben keine Ahnung, die armen Kinder... und gerade jett
,, Gerade jetzt... wo noch Schlimmeres droht," sagte Friz, einen andern Gedanken verfolgend.„ Sie gehören feiner Gewerkschaft an, Herr Witte, keiner Krankenkasse?" ,, Wie kann ich als Künstler."
„ Sie gehören auch nicht der Künstlergenossenschaft an?" " Da hätt' ich auch was davon. Ihr Pensionsfonds ist noch nicht ins Leben getreten; die haben für ihre Witwen und Waisen noch nicht einmal gesorgt"
" Sie entbehren also jeder Hilfe, Sie sind schlimmer daran als ein Proletarier," fuhr Frizz schmerzhaft heraus. Da erhob sich Witte aus seiner gebeugten Haltung, er fand diese Gegenüberstellung höchst unpassend, er hatte den Hochmut seiner Klasse wieder gefunden.
„ Ich werde der Hilfe nicht entbehren, Herr Hofer, ich habe Freunde, reiche, vornehme Freunde, die mich mit Wohlwollen überhäufen. Schon eröffnen sich mir neue und lukrative Aussichten, die Familie Brandt meine ich, kann einem Künstler schon etwas bieten."
Die Familie Brandt?"
„ Sie werden schon von den Brüdern Brandt gehört haben, zählen zu unsren bedeutendsten Großindustriellen." " Ich kenne sie, ich stehe bei ihnen in Arbeit."
" Ah, das giebt's nicht, das sind Träume, Albernheiten. Von der Sucht nach Gewinn ist noch keiner furiert worden. Jeder will reich werden, jeder schindet seine Leute, so viel er kann; jeder sucht nach seiner Weise auszubeuten, seiner Stellung gemäß, und nach seiner Weise muß sich da jeder zur Wehr sehen, das ist erlaubte Notwehr, das kann einem niemand bei verübeln. Ihr aber greift sofort zu den extremsten Mitteln, Ihr insceniert Streiks, Ihr rebelliert gleich en masse, das ist gefährlich und wird verboten. Was habt Ihr dann davon? Strafen, Entlassungen-"
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Witte machte große Augen. Wie, Sie sind als Monteur Brandts engagiert wie kommen Sie dazu? Das ist ja ein besonderer Glücksfall. Ich gratuliere."
Er ermahnte ihn noch, sich ordentlich zu verhalten, damit er sein Glück nicht verscherze, und fügte hinzu, ihn gleichsam verabschiedend:" Sie werden jetzt rascher fahren wollen." ,, Aber wenn nur durch den engsten Zusammenschluß, Sie waren aus den engen, wenig frequentierten Straßen durch die Solidarität eine Besserung erreicht werden kann? der alten Wieden herausgekommen, der herrliche SchwarzenKeiner dürfte sich ausschließen. Sie müßten es geradejo bergplatz breitete sich vor ihnen aus. machen."
" Ich? Ich bin kein Lohnarbeiter, mein lieber Friß, ich bin ein Künstler, ich habe separate Abmachungen, ich werde nach meinen Leistungen honoriert."
Witte blickte um sich Sie befanden sich in der Nähe von Ferdinands und Pauls Wohnung, eine Begegnung wäre leicht möglich... Wenn einer von ihnen ihn mit einem ihrer Arbeiter so vertraulich beisammen sähe diese Leute sind so
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