Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 157.

2]

1916 an

Die flucht.

Donnerstag, den 11. August.

( Nachdruck verboten.)

Von K. Bagrynowski.

2.

1904

mit umständlicher Sorgfalt. Seine Doppelflinte" nannte er nämlich seine große, sattelförmige Nase, deren mächtige, geblähte Nasenlöcher er denjenigen, mit denen er eben zu thun hatte, immer gerade ins Gesicht entgegenzustrecken pflegte. In dieser Doppelflinte" fand, wie er behauptete, ein ganzes Achtel" Play. Das bezog sich natürlich auf jene gesegneten Tage, in denen ihre Nüstern noch nicht von dem langen Kaßen­Sie wurden durch ein lautes Gepolter an der Thür ge- bart geziert waren, Herr Jan im Gouvernement Kaluga weetiemand klopte so laut und so lange und ausdauernd, diente und im Ueberfluß lebte. Jetzt, da ihm die Armut daß oronin, zum äußersten gebracht, endlich aufstand und plagte, war auch sein Prischen bedeutend zusammen­die higufhalte. Aber da er nicht im geringsten neugierig geschrumpft. Aber trotzdem leuchtete der Humor wie ehemals war zu erfahren, wer da sei, öffnete er die Augen nicht mal aus seinen kleinen, fornblauen Augen, und wie ehemals, und schlüpfte schlaftrunken wieder ins Bett, indem er seine sahen sie unter den buschigen Augenbrauen keck in die Welt. bloßenge vor der kalten Luft, die durch die offene Thür Sputet Euch, sputet Euch! Der Gottesdienst ist längst eindrang, zu schützen suchte. vorüber. Sie warten alle, trieb er sie beim Ankleiden an. und als Samuel die vorgeschrittene Stunde bezweifeln wollte, öffnete er die Thür energisch und ließ die Stimmen, die draußen erklangen, ins Zimmer dringen.

Von Dichten Dunstwolfen umgeben, trat ein klein ge­wachsener, untersetter Mann in die Jurte, der eine furze, mit schwarzem, schon sehr fadenscheinigem Tuche bezogene Joppe aus Hasenfell anhatte. Seine Füße steckten in weißen, haarigen Torbasen", wie sie die Jakuten tragen; den Kopf schütte eine alte Bibermüße. Als er sie abnahm, schien eine mächtige Glaze durch das Dämmerlicht des Zimmers.

,, Sie schlafen noch! Da soll doch gleich der Donner drein­schlagen!" sagte er laut in polnischer Sprache. Niemand ant­wortete, niemand regte sich. Da zog er das graue Tuch vom Gesichte, in das er bis über die Ohren eingewickelt war, trat an Woronins Lager und rief wiederholt mit flangvoller

Stimme:

Zum Kuckuck! Steht auf, Ihr Langschläfer!" Woronin regte sich nicht.

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Kuchen! Daraus wird nichts!... Ihr habt mir's Wort gegeben, also rin in den Korb," lachte er laut, faßte die Decke an einem Ende und begann daran zu zerren und sie von dem Schlafenden zu ziehen, wobei er die Stimmen aller mög­lichen Wald- und Haustiere nachahmte. Umsonst kauerte sich Woronin zusammer, verteidigte sich und hielt die Decke mit den Händen fest; der Angreifer zwickte und figelte, und peinigte ihn, die Decke immer wieder herunterziehend, ohne Erbarmen. Endlich kam der zerzauste Kopf des Langschläfers unter der Decke zum Vorschein.

Hören Sie, Jan, Samuel schläft auch noch; ich geb' Ihnen mein Wort, er schläft noch. Sehen Sie, wie fest er schläft, er hört nichts. The er sich ermuntert, will ich noch einen Moment, einen furzen Moment einnicken. Bei Gott, ich werde euch nicht warten lassen," schmeichelte er und kroch wieder unter die Decke.

Herr Jan lachte und wußte nicht, was er anfangen sollte; da meldete sich Samuel, der wach geworden war, der Bieder­mann ließ von seinem Opfer ab und ging zu ihm.

,, Habt Ihr denn gar kein Gewissen?" flagte er, indem er sich auf den Rand des Bettes setzte, Ihr schlaft, als müßte esso sein, und meine Alte will unterdessen aus der Haut fahren, und alle warten schon lange auf Euch."

,, Warten sie? Die ganze Gesellschaft? Also ist auch der err Doftor" da und der Geist des Bösen und des Wider­spruchs" und die auswärtigen Mächte?" Und sie haben sich och nicht gezankt? Schade!" scherzte Samuel und recte sich Jinage. nion, Bitte, reichen Sie mir doch den Tabak, lieber Jan. Wir wollen eine Cigarette rauchen und ein bißchen philosophieren, was meinen Sie? Und hre Gäste können sich unterdessen gegenseitig in die Haare fahren. Glauben Sie mir nur: das reizt den Appetit, und Ihre Frau hat sicher ganze Berge von eßbaren Sachen gekocht und gebraten. Wir haben uns lange nicht gesehen! Was giebt's Neues bei Ihnen, was haben Sie die ganze Zeit über gemacht?"

Hört Ihr?"

Das Gezwitscher der kleinen Gefeller übertönend, dröhnte die ernste Stimme der großen Glocke von Dschurdschuj, als riefe sie gemessen:

., Gott ist geboren! Gott ist geboren! Gott !" Denn der erste Weihnachtsfeiertag war da. An diesem Tage erhebt sich die Sonne in diesen Breiten zum ersten Mal völlig über den Horizont. Ihre Scheibe hatte sich eben von der Erde gelöst, als Herr Jan mit Samuel und Woronin auf die Straße traten. Ein Strom des hellen, lang vermißten Lichtes überflutete die Gegend; der Schnee funkelte, die noch von rosiger Dämmerung durchtränkten Nebel ballten sich in den Vertiefungen des Thales, in der Ferne traten die blassen Um­risse der Berge hervor. Das fahnengeschmückte Städtchen saly mit seinen in der Sonne blinkenden Fenstern wie ein Beamter in Gala- Uniform aus. Die Glocken läuteten flangvoller, ein Ruf erscholl von fern, ein Fluch oder ein Lied, und die in Pelze gehüllte, pauspäckige Kinderschar, die von den flachen Dächern nach der Sonne ausblickte, zwitscherte wie ein Vogel­schwarm. Ueberall waren Neugierige aus den Häusern ge­treten und sahen, die Augen mit den Händen beschattend, gegen Süden. Auch einige Jakuten, die von den hellen Strahlen in der Mitte des Sees überrascht worden waren, wandten ihr Gesicht dahin. Sie waren festlich gekleidet; jeder trug einen weißen, gelben, oder schwarzen Balachon", der an den Schultern bauschig, am Gürtel reich gefaltet und schwarz oder rot eingefaßt war. Die Männer entblößten ihre kurzge­schorenen Köpfe, die Weiber neigten die Spitzen ihrer hohen Bibermüßen zur Erde. Alle ehrten sie den weißen, sonnigen Gott" mit dem Zeichen des Kreuzes und andächtigen Ver­beugungen.

Herr Jan führte seine Begleiter quer über den See in eine demselben parallel laufende Straße". Am Ende derselben stand das Hospital, in dem Herr Jan, der den Posten eines Hausdieners versah, seine Wohnung hatte. Die letztere machte im ersten Augenblick den Eindruck einer greulichen Höhle, aber er behauptete, sie sei gar nicht so übel". Am Eingang umzog ein weißes Netz von eisigen Instruktionen die Wände und die Decke mit einem phantastischen Rahmen. Weiter öffnete sich ein tiefer, dunkler, abenteuerlich ausschauender Raum, der setzt von dem purpurnen Scheine des Herdfeuers beschienen wurde. Die Fenster waren nicht aufzufinden, so klein waren sie, und die Schatten der schrägstehenden, schwarzen Wände waren so groß, daß sie alles auffogen, was der Kreis des vom Herde strahlenden Lichtes nicht umfassen konnte. An dem erhellten Blaze waren die Anwesenden versammelt. Nur zwei Frauen befanden sich darunter: Jans Frau, eine polizeiwidrig häßliche Jakutin, die sich prätenziös in ein Kattunkleid von russischem Schnitt geworfen hatte, und noch eine Jakutin in volkstümlicher Tracht. Das Mädchen verschwand immer im Schatten, hinter dem Herde, und nur wenn sie das Feuer Kann ich Ihnen mit einem Prischen dienen?" fragte er schüren, oder eine Kohle in dem am Boden summenden Samo­plöglich. Samuel sah den Tabak mit erheucheltem Schrecken war" werfen mußte, tam ihre lange, bronzefarbene Hand und an." Nein nein, dante ergebenst! Ihr Prischen liegt mir ihr anmutiges Zigeunergesichtchen mit den großen silbernen noch von damals her im Magen. Ich muß schon niesen... Ohrringen zum Vorschein. Weg damit!" Jans Gattin war damit beschäftigt, die auf dem Herde Jan tauchte seine dicken Finger mit einem zufriedenen stehenden Kasserollen, Kesselchen und Bratpfannen, in denen die Lächeln in das duftende Pulver und lud seine Doppelflinte" in Dschurdschuj üblichen Leckerbissen kochten, auf und zuzu­

Statt aller Antwort zog Herr Jan eine umfangreiche Tabaksdose aus Birkenrinde aus der Tasche, klappte sie auf und reichte sie Samuel.