Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 170.
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Die flucht.
Dienstag, den 30. August.
( Nachdrud verboten.)
Von K. Bagrynowski.
Der verdutzte Hausknecht wollte ihm statt aller Antwort die Thür vor der Nase zuschlagen, aber der Kosak stemmte schnell den Fuß an den Pfosten.
Rindvich, was fällt Dir ein! Ich bin ganz durchfroren!.. Verstehst Du nicht: der Kaiser ist ermordet!.. Nimm das Pferd und bring' es unter Dach!"
Der Hausknecht zitterte und wich zurück, denn er glaubte noch immer nicht, einen wirklichen Kosaken vor sich zu haben, bis dieser die steifgefrorenen Riemen gelöst hatte und den Capuchon abnahm.
Eine Stunde später erzählten sich die Einwohner von Dschurdschnj in den verschneiten Häusern am lohenden Herde flüsternd die furchtbare Mär. Auf dem Polizei- Amte waren die Beamten, der Pope und die vornehmeren Bürger versammelt, bei Alexandroff aber die Verbannten.
Draußen tobte der Sturm noch immer.
„ Also es ist wahr, es ist wahr! Seit der Schlacht bei Kulikowo hat Rußland fein wichtigeres Ereignis erlebt! Meine Herren, für unser Vaterland bricht eine neue Aera an. Ihr braucht nicht mehr zu fliehen! Wir bekommen eine Verfassung... Freiheit!... Die Fesseln sind auf ewig gesprengt!" sprach Arkanoff erregt, indem er die Jurte mit hastigen Schritten durchmaß und die Hände ertatisch zusammenpreßte.
„ Endlich, endlich!... Die vielen Opfer! Der Erdengott, vor dem der russische Bauer demütig im Staube lag, ist gestürzt, gestürzt!"
Gewiß: das Ereignis ist für Rußland von der größten Wichtigkeit, aber wie wird es auf das Volk zurückwirken? Wer weiß, ob es aufhören wird, seine Gebieter zu vergöttern, ob es sie jetzt nicht bemitleiden und sich gegen die Thäter wenden wird? Wer bürgt uns dafür, daß es nicht eine noch trassere Reaktion zur Folge hat? Mit dem Namen des Erschlagenen ist die Befreiung von Millionen verknüpft Das Opfer ist schlecht gewählt worden. Dem Volke gegenüber war er einer der besseren Kaiser. Meiner Ansicht nach war die Ermordung eine politische Taktlosigkeit," sagte Pietroff griesgrämig.
1904
den Riemer wahrscheinlich nicht finden, der die Thürklinke erjezte. Krafsuski stieß die Thür auf. Auf der Schwelle erschien der Kosakenkommandant in Gala- Uniform, den Säbel an der Seite; den Kosaken, der ihn begleitete, ließ er draußen stehen und machte die Thür hinter sich zu.
„ Der Jsprawnik läßt Sie bitten, um acht Uhr aufs Polizei- Amt zu kommen."
Uns alle?" " Ja."
" Zu welchem Zweck?" „ Das weiß ich nicht."
,, Sagen Sie dem sprawnik, er möchte uns eine amf liche Aufforderung schicken mit der Angabe des Grundes," jagte Arfanoff, der im Vordergrunde stand, hochfahrend: Also Sie wollen nicht kommen?"
„ Wenn wir eine schriftliche Aufforderung erhalten fommen wir," faßte Samuel die Antwort in eine minder schroffe Form.
Der Unteroffizier dachte eine Weile nach, dann grüßte er und ging sporenflirrend hinaus.
Sie zerbrachen sich den Kopf, was das bedeuten könnte, und beschlossen, bis zum Morgen zusammenzubleiben. Alerandroff und Niehorski setzten ihren Gästen vorzüglichen Zwieback und gedörrtes Fleisch vor. Der immer wieder gefüllte Samowar dampfte ohne Unterlaß auf dem Tische. Bald kam ein Rosaf mit der offiziellen Aufforderung: Alle, die mit Namen und Vornamen genannt waren, sollten heute auf dem Polizei- Amte erscheinen, um die Eides formel, die dem neuen Kaiser zu leisten sei, zu unterschreiben. Die Ceremonie selbst sollte am andern Morgen in der Kirche stattfinden.
Diese Forderung traf die Verbannten unvorbereitet. „ Die Ejel! Was für einen Wert hat mein Eid, zum Beispiel der Eid eines Menschen, der keine Religion hat," sagte Tscherewin und zuckte die Achseln.
,, Sie weigern sich also?"
" Oh nein! So naiv bin ich nicht, mich in so plumper Weise auf den Leim führen zu lassen. Es ist doch klar, daß das eine Falle iſt."
„ Möglich aber... ich kann nicht... obgleich ich theoretisch nichts dagegen haben kann. Aber es ist etwas Ungeheuerliches dabei... Ich kann nicht, und sollte min 3wangsarbeit deswegen drohen..." stieß Pietroff aufgeregt hervor. „ Ich denke, es unterliegt keiner Diskussion," begann
„ Doch!" " Ja!" „ Nein!"
,, Einer der besseren Kaiser? Und die Waisenteile?| Arkanoff. Und die Landpolizei? Und das Chikanieren der Selbstverwaltung, des Schulwesens?.... Uebrigens . Uebrigens was bedeutet das Volk das Volk, die ungebildete, sllavische Herde, auf der eine Handvoll Beamte herumtritt," gab Arkanoff zurück.
Das Volk wird sich entweder passiv verhalten, oder über die herrschenden Klassen herfallen... Jedenfalls wird's Unruhen geben," warf Alexandroff ein.
Eine Verfassung werden sie vielleicht nicht geben, aber jedenfalls müssen sie Konzessionen machen," sagte Tscherewin ungewöhnlich energisch.
„ Das hängt davon ab, was weiter geschieht... Ob die Partei start genug ist, sie zu erzwingen," meinte Nichorski. Die Unterhaltung wurde immer lauter, denn jeder war in dieser Hinsicht andrer Meinung und beeilte sich, dieselbe auszusprechen. Selbst Gliksberg hielt Woronin an einem Knopfe fest und redete leidenschaftlich auf ihn ein, während dieser nur wiederholte:
"
Ja.. ja, gewiß... Das ist richtig!"
Wie richtig? So hören Sie doch!" rief Gliksberg. Endlich übertönte Arkanoffs tiefe Stimme alle andern: Meine Herren! Erheben Sie sich doch nur einen Augenblick über die Nichtigkeiten des alltäglichen Lebens, Lassen Sie die philiströsen Gewohnheiten fallen, verlangen Sie nicht, daß alles gleich bar bezahlt wird. Seit der Hinrichtung Ludwigs XVI. ist in unserm Jahrhundert..." Still! es fommt jemand
Mag er kommen!
Aber trotzdem schwieg der Redner vorsichtig. Im Flur dauerte das Geräusch ziemlich lange; der Eingetretene konnte
zu
„ Lakt ihn reden!"
Die Stimmen wurden immer erregter.
„ Also Ihr denkt, mein Mann wäre im stande, den Eid leisten!" rief Frau Arkanoff ganz verzweifelt.
Im Gegenteil, ich denke," wiederholte Arkanoff eigenfinnig, daß ihn keiner von uns leisten wird, daß es nicht der Mühe wert ist, darüber zu reden. Die Frage ist nur, in welcher Form wir unsern Protest ausdrücken wollen."
" In keiner Form! Wollt Ihr durchaus mit„ jenen Herren" reden? Die Sache ist klar genug: wir kommen nicht, also wollen wir nicht!" sagte Alegandroff.
,, Das genügt nicht! Das verstehen sie nicht!" warf Samuel ein.
Sie sind im stande zu denken, daß wir Angst haben vor ihnen," fügte Krassuski hinzu.
,, Laßt sie denken! Was geht Euch das an, was der Isprawnik von Dschurdschnj von Euch denkt? Wie, mit keinem von ihnen, nicht mal mit einem Minister, würde ich über meine Grundsäße sprechen. Es ist zu komisch, sich einzubilven, daß man die mit etwas anderm überzeugen könnte, als mit dem Argument der Gewalt," meinte Alexandroff.,
„ Aber wir müssen doch etwas sagen; es ist nicht um ihretwillen, aber um der Massen, um der Geschichte willen," wiederholte Arkanoff.
„ Natürlich! Die Massen haben ja nichts andres zu thun... Ich sag' Euch, jede Rederei schadet nur der Sache und nügt den Feinden. Jedesmal erfahren sie was Neues