Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 176.

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Die flucht.

Mittwoch, den 7. September.

( Nachdruck verboten.)

Von K. Bagrynowski.

Was machen Sie dort, Denisoff? Was ist los?" " Die Hunde! Verstehen Sie mich: die Hunde!" Er zeigte nach dem gegenüberliegenden Ufer des Sees, wo Alexandroffs Jurte lag. Eine Schar zottiger Hunde zerrte dort wütend an etwas herum, und einen Augenblick später sprang noch einer mit irgend einem Gegenstand im Maul zum zerschlagenen Fenster heraus.

Ich merke schon lange, daß dort nicht geheizt wird. macht den Eindruck einer vollständigen Einöde, und jetzt. was meinen Sie?"

Es

,, Sie haben so was von Gerste geredet, sie sollen jenseits des Flusses pflügen."

He, he! Lassen Sie sich doch nichts weiß machen! Ich denke: diese Gerste wird unsrem Pompadour" teuer zu stehen kommen. Wir werden was Neues erleben, ja wohl, was Neues! Meinen Sie, ein Alexandroff oder Niehorski seien im stande, sich so lange mit Bauernarbeit zu begnügen?"

Warum denn nicht? Krassusfi ist ein gebildeter Mann und befaßt sich trotzdem mit Schmiede- Arbeiten."

Mit Schmiede- Arbeiten?! Ach, Wertester, wir wissen wohl, was er schmiedet! Das ist nur ein Vorwand.. Dieser Lüstling, dieser Weiberfreund! Seine ganze Schmiederei ist nichts als eine Falle, die unsren Frauen gestellt wird, ein Mittel, sie in seine Hütte zu bringen. Jawohl, jawohl... Ringe, Ohrringe, Broschen, verschiedene Reparaturen Aber seine Haupteinnahmen fließen aus einer andren Quelle. Galfa hat mir erzählt, er habe eine Suh..

Der ehrenwerte Herr Denisoff fonnte seine Erzählung nicht zu Ende bringen, denn plöglich erblickte er.. ein Ge­spenst. Es hatte Augen, die flammten wie zwei Fackeln, und ein Gesicht, das so dürr und schwarz geworden war, daß es an einen Adlerkopf erinnerte. Ueber die Schulter hatte es eine Flinte hängen und am Gürtel ein Messer. Das Gespenst hatte ficherlich nichts gehört, aber es ging so schnell und hocherhobenen Hauptes an ihnen vorüber, daß Herr Denisoff, obgleich ihn die Erscheinung gar nicht zu sehen schien, eilig den wunderschönen Cylinder abnahm und denselben eine ganze Weile über seinem Kopfe hielt.

Haben Sie gesehen? Er ist bei Samuel eingetreten. Ich lauf zum Isprawnik, auf Wiedersehen!"

Die Freunde trennten sich, um die Kunde nach ver­schiedenen Seiten hin zu verbreiten.

Am Abend war das ganze Städtchen voll von der auf­regenden Neuigkeit, daß die Verbannten von jenseits des Flusses zurückgekehrt seien und Niehorski auf einer Tragbahre mitgebracht hätten.

Tscherewin eilte zu den Genossen.

Strank ist er! Hab ich's nicht gefagt? Sie wollten flüger sein als mein Großvater! Sie werden's auf den Bergen versuchen. Jetzt haben sie ihre Gerste. Ho, ho! Unfre Erde ist eine harte Nuß. Das ist sibirische Erde, nicht russischer Boden!" triumphierte Warlaam Warlaamowitsch.

Der Jsprawnik war in rosiger Laune. Für den kom­menden Sonntag kündigte er ein großes Fest an, und den Kranken ließ er durch einen Kosaken fragen, ob er ihn nicht mit Chinin dienen könne.

Der Adjunkt machte ein langes Gesicht.

Wie können sie geflohen sein, wenn sie da sind?! Dieser Esel von Kosloff muß mich immer hineinlegen!" dachte er melancholisch über seine letzte Denunziation nach, die nun wieder einmal falsch gewesen war Pech muß man haben!"

II. Band. 1.

Das trübe Licht eines regnerischen Tages war kaum im ftande, Alerandroffs Jurte einigermaßen zu erhellen. Der Gerätschaften und Gefäße beraubt, die zur Flucht gebraucht worden waren, sah sie noch dürftiger, noch unansehnlicher aus als sonst. Die dunklen, aus Rundhölzern aufgeführten Wände neigten sich düster über die niedrigen Bänke und hüllten alles

1904

in schmutzige Halbschatten. Das Papier, das die zerschlagenen Scheiben ersetzen mußte, war aufgeweicht und klatschte, vom Sturm hin- und hergezerrt, dumpf und eintönig durch das tiefe Schweigen. Graue Rauchfeßen, die der Sturm immer wieder zum Dfenloch zurücktrieb, hingen von der schwarzen Stubendecke herab, als wären's Wolken, die sich zum Dache hereinzwängten.

Die Verbannten saßen schweigend um den Mittagstisch. Die Stille wurde nur vom leisen Klappern der Holzlöffel unterbrochen. Krassuski wischte sich den Mund zuerst und stand auf. Alexandroff zog seine Pfeife und den Tabaksbeutel hervor. ,, Warum eßt Ihr kein Fleisch? Ich werde auch keins mehr essen. Das muß endlich mal aufhören! Ich bin gesund! Ich will nichts mehr von besonderen Rücksichten wissen!" brauste Niehorski auf.

Die andren sagten kein Wort, blickten aber beide unwill­kürlich das totenbleiche Antlig des Sprechenden an. " Ich muß schon gehen. Es wird bald dunkel werden!" sagte Strassuski halblaut.

"

Und wie wird's mit Thee? Laß es heute sein, bei diesem Unwetter wirst Du doch nichts schießen," meinte Alexandroff. ,, Laßt mir ein Glas Thee übrig; ich werde es trinken wenn ich wiederkomme."

Er nickte ihnen zu, zog die Pelzmüße über die Ohren und ging fort. Das schmußige, infolge des langandauernden Regens triefende Städtchen schmiegte sich wie ein durchnäßtes Rebhühnervölkchen an die Hügel rund um den See. Die bräunlichen, trüben Wellen des Düngermeeres" klatschten schläfrig an die aufgeweichten Ufer. In der Ferne zogen bleierne Wolfen dicht über der Erde hin und stäubten feinen Regen herab, während der sturmzerzauste und schon halb­entlaubte Wald wehmütig hin- und herschwankte.

,, Du schießt doch nichts!" dachte Krassuski verdrießlich. Ich kann diese Prophezeiungen nicht leiden! Dumm sind sie und nur dazu da, einem die Laune zu verderben. Und wenn ich wirklich nichts schieße? Die Vorräte sind verbraucht. Wieder müssen Arkanoffs oder Tscherewin in Anspruch ge­nommen werden. Sicherlich werde ich wieder zu ihnen gehen müssen. Oh, wie ich das hasse! Diese drei ausgenommen, hungern wir alle. Die auswärtigen Mächte" thun noch so, als besäßen sie Vorräte, aber auch ihre Nasen sind ganz spit geworden. Und der ist krank der Arzt verordnet ihm Fleisch, und im Städtchen ist kein Happen aufzutreiben. Wir müßten ein sealb oder eine ganze Kuh kaufen, aber daran ist nicht zu denken. Ich muß etwas schießen, und wenn's nur ein einziger Vogel ist. Wir Gesunden können uns mit Pilzen und Thee behelfen. Zu Arkanoffs geh' ich nicht- um nichts in der Welt!...

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Er schlug den Kragen hoch und wandte sich ins feuchte Gebüsch. Wenn er die Zweige streifte, troff ein Sprühregen auf ihn herab. Er überwand den ersten unangenehmen Ein­druck und drang tapfer durchs Dickicht, ohne der Zweige und Tropfen zu achten; nur sein Gewehr verbarg er sorgfältig unter der Joppe. Im Gehen war er warm geworden, die Jagd interessierte ihn und vertrieb die düsteren Gedanken. Er umkreiste die Seen der Reihe nach, lauerte im Möhricht, sprang von Insel zu Insel über Sümpfe und Moräste, kroch durch dichtes Gesträuch und horchte oft lange, mit vorgestrecktem Halse, von Wind und Regen gepeitscht, ob nicht irgendwo im Gemurmel des rings umher plätschernden Wassers und im Rauschen des Regens Entengeschnatter zu hören sei.

Aber er horchte umsonst: nur der Wind allein pfiff in allen Tonarten durch die nackten Zweige der Bäume und Sträucher. Die Vierfüßler hatten sich in ihre Höhlen ver­frochen, die Vögel im Grase versteckt. Aber überall, zwischen dem roten, herabgewehten Laub und den dunklen, feuchten Moosen leuchteten unzählige Mengen von Pilzen hervor. Sie wurden von niemand gesammelt, deshalb gab's auch solche unter ihnen, die ihre übermäßig großen Hüte kaum auf den schiefen Stielen halten, und ganz junge, die noch nicht aus der gelockerten Erde hervorlugen konnten. Aber alle sahen fie appetitlich aus; sie stroßten von Gesundheit und strahlten vor Freude über den Regen, der die Würmer von ihnen fernhielt.

Krassusti sammelte eine ganze Menge davon in ein Tuch. Er war sicher, er würde nichts weiter im Walde finden;