Nnlerhallungsblatt des Horwärts

Nr. 182.

Donnerstag, den 1o. September.

1904

(Nachdruck verboten.)

Oie fluckt.

Voi? K. B a g r y n o w s k i. Jan klopfte auf den Deckel seiner Dose und reichte sie ihnen entgegen. Niehorski, der sich in seine Lektüre vertieft hatte. sah nur einen Augenblick auf; Alexandroff brummte etwas vor sich hin, und nur Krassuski ließ sich zureden. Es kommt vielleicht noch jemand mit? Vielleicht Pjetroff oder Samuel?" Nein, fordern Sie nietnand mehr auf, Jan. Ich bitte drum!" ..Jan hatte sich, nachdem er seinen Posten im Spital ein- gebüßt, jenseits des Flusses niedergelassen. In der Ortschaft Buruneck, die eine Meile vom Städtchen entfernt war, besaß ein Vetter seiner Frau eine alte Jurte, und dort wohnten sie nun. Dicht hinter der Hütte erhob sich ein steiler Berg, der bis zur Hälfte mit Lärchen und Birken bewachsen war. Vor der Jurte erstreckte sich eine große Wiese, die ein Waldstreif und dichtes Wcidengestrüpp vom Flusse trennten. Auf der Wiese blitzten hier und da gefrorene Wassertümpel oder funkelten sumpfige Lachen. Ein großer See, der lang und schmal wie ein Flußarm war, zog sich am Fuße des Berges hin. Als die Jäger am folgenden Morgen aus der Jurte traten, konnte Krassuski nicht umhin, den Freudenruf aus- zustoßen: Oh, Jan, der Tag wird wunderschön!" Eine weiße� Nebelflut bedeckte die Wiese, Inseln gleich waren Bäume, Sträucher und Heuschober darin verstreut, und in der Ferne bildete der Wald ein dunkles Ufer. Ueber den Nebeln durchzitterte der silberne Schein des Tagesgrauens die kalte Luft, die ein dunkelblauer, mit verglimmenden Stern- splittern übersäter Himmel einschloß. Im golddurchwirkten Osten glühte das scharlachene Morgenrot langsam auf. Von den Bergen, aus Schluchten und Klüften war die Nacht noch nicht völlig verscheucht: die Gegenstände warfen noch keinen Schatten, und die Umgegend lag lautlos und regungslos da, wie jemand, der schon erwacht, der die Augen schon weit ge- öffnet hat, aber seine Träume noch nicht abschütteln kann. Einen trockenen, hartgefrorenen Pfad entlang kamen die Jäger an den See und eilten glitschend über das durchsichtige, griinliche Eis. Lange, verschlungene Wasserpflanzen blickten zu ihnen auf. Die Flinten und die ganze Ausrüstung der beiden Männer waren dem Körper genau angepaßt und rückten und rührten sich nicht, so daß sie leise wie Schemen dahin- glitten. Zuweilen leuchtete in der dunklen Tiefe unter ihnen eine Funkcugarbe auf, die aufgescheuchte fliehende Fisch- schwärme hinter sich zurückließen: hin und wieder erschienen die häßlichen Köpfe der Wasserriesen dicht zu ihren Fußen, und dann konnten sie die Stirnen, die geöffneten Mäuler, die sich in regelmäßigen Atemzügen hebenden Kicmenschildcr und die runden, bernsteingelben Augen sehen, von denen sie mit maß­losem Erstaunen angeglotzt nmrden. Jan drohte ihnen mit der Faust, und sie bewegten die roten Flossen gemächlich, kehrten ihm den Schwanz zu und verschwanden zwischen den dichten Wasserpflanzen. Lange noch, nachdem sie dieselben gestreift, zitterten die Lilien und Wasserlinsen und wanden sich in schlangenartigcn Linien. Tie Jäger strebten den Bergen zu, auf denen nach und nach Wälder, Haine, einzelne Bäume, steile Abhänge und Steingeröll sichtbar wurden. Ich weiß hier eine Schlucht, wo's immer Haselhühner giebt. Erst müssen wir sie höher hinauftreiben und dann wieder bergab. Wir können ein ganzes Volk haben, wenn's gut geht. Aber: Tsur! nicht fehlschießen!" belehrte Jan Krassuski. Dichte, knorrige Bergweiden füllten den Boden der Schlucht, während ein hoher Lärchenwald die steilen Wände derselben hinanklomm. Am Eivgcmge in die Schlucht trennten sie sich: Jan ging nach links, Krassuski blieb rechts und spähte aufmerksam ins Gebüsch. Die Sonne vergoldete die Zleste der auf dem Gipfel wachsenden Bäume: aber unten, auf dem

niedrigen Gesträuch, lagerten noch die grauen Schatten der abschüssigen Wände. Von der Dämmerung zu einem dichten Netz verwebt, bildeten die grauen Weidenzweige einen Schleier, den selbst das geübte Auge Krassuskis nicht zu durchdringen vermochte. Schon glaubte er, es sei kein Vogel in der Schlucht, als Jan ihn mit einem leisen Pfiff zum Weitergehen auf- forderte, und auf dies Zeichen hin einer der Zweige merk- würdig zuckte. Krassuski blieb wie festgebannt stehen und wandte den Blick nicht von jener Stelle. Auf dem Zweige saß ein Haselhuhn und sah ihn mit rubinroten Augen an. Aber ein Schuß war sehr gewagt, da der Vogel in dem kleinen" Fensterchen, das die launisch gewundenen Weidengerten bildeten, kaum zu sehen war. Der Jäger neigte den Kopf ganz leise, um zu sehen, ob es nicht möglich sei, ihm von einer andern Seite beizukommen; da trippelte plötzlich ein zweiter Vogel dicht vor ihm einen über den Weg hängenden Zweig hinan und blieb mit vorgestrecktem Halse an der Spitze stehen. Gleich darauf gewahrte er einen dritten, dann einen vierten und endlich ein ganzes Volk, das aufstand und die Köpfchen vorstreckte. Es war kein Augenblick mehr zu verlieren: schnell legte er an und gab Feuer. Ter getroffene Vogel flog empor und fiel wie ein Stein ins Gebüsch. Die andern flogen schwirrend davon und ließen die hellen Federn in ihren Flügeln aufblitzen. Ehe der junge Mann das Gewehr von neuem geladen und den Vogel aus dem Dickicht geholt hatte, feuerte Jan seine Flinte ab, und wieder schwirrte es und blitzte es weiß zwischen den Sträuchern auf. Aber diesmal schon höher oben. Ohne die Stelle aus den Augen zu verlieren, an der das Volk niedergegangen war, schritt Krassuski vorsichtig an der einen Seite vorwärts, während Jan sich an der andern einen Weg bahnte. Sie pfiffen sich von Zeit zu Zeit leise zu, um nicht zu weit auseinander zu kommen und suchten, soweit es möglich>var, gleichzeitig zu schießen. Ehe Jan das Ende der Schlucht erreicht hatte, rief er Krassuski zu, er solle den Abhang erklimmen und das Volk oben umgehen. Sie trafen auf dem Bergsattel zusammen. Jan war überglücklich: er hatte wohl an die zehn Vögel an feinem Gürtel zu hängen. Nun, sind wir nicht Mordskerle? Dafür müssen wir auch eineNiumutschka" haben. Aber warum machen Sie das Wild zu schänden? Ist das'ne Art? Ich Hab' gesehen, wie Sie eins angeschossen haben, und das ist auf- und davon- geflogen. Wenn fehlgeschossen wird, dann wird fehlgeschossen, aber wenn getroffen wird, dann wird getroffen. Jetzt wird es seinen Kameraden olles erzählen und sie aus der Schlucht fortführen. Das steht bombenfest! Sie lachen!... Lachen Sie nur immer zu, aber es ist fo! Auf dem Rückwege müssen wir sehr vorsichtig sein und nur bis an die Hälfte der Schlucht gehen. Die angeschossenen sind sehr scheu, wenn sie nicht draufgehcn. Wenn wir sie umgehen, müssen wir hoch hinauf, denn wenn die Haselhühner erst mal auffliegen, dann fliegen sie auch weiter. Wir können uns freuen, wenn sie uns auch nur dreimal zum Schusse kommen lassen. Und wenn wir damit fertig sind, dann trinken wir hier auf dem Sattel Thee. Na. sehen Sie wohl, wie lustig Sie jetzt ausschauen!... Hab' ich's nicht gesagt? Wald bleibt Wald! Am besten wär's, wenn Sie ganz zu mir zögen. Tann könnten wir Hasenfalleü stellen und fröhlich und guter Dinge sein. Die Tummköpfe, die uns unter dem Eise angeglotzt haben, würden auch dran glauben müssen! Das wär' schön, meiner Treu!" Sie würden mich nicht fortlassen aus der Stadt. Vor allem aber würde Ihnen die Polizei Umstände machen." Was können sie mir anhaben? Mich weiterschicken Bah, bin ich denn nicht überall König? Nur die Kinder thun nur leid und meine Alte... Denn warum sollen die leiden?" Er zerrte an seinem mächtigen Schnurrbart und sein Gesicht verdüsterte sich. Er seufzte. Ho! ho! ho! Das waren schöne Zeiten. Angst hatte man nur, solange man die Mütze nicht aufhatte. Aber wenn die erst auf dem Kopfe saß, dann war's vorbei damit, den hätt' ich dann sehen wollen, der mir Hütt' bange machen können! Na. los, Krassuski, sonst kommen die Hühner auf andre Gedanken und reißen uns am Ende aus." Als sie das Volk dem Ausgange der Schlucht zutrieben, flogen die letzten Vögel verwundert und erschreckt auf, ver- ließen das Gebüsch und suchten jenseits des Sattels Schutz.