Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 186.

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Die flucht.

Mittwoch, den 21. September.

( Nachdruck verboten.)

Von K. Bagrynowski. Willkommen! Bitte treten Sie näher!" sagte der Js prawnik gelassener.

Der Geistliche rührte sich nicht von der Stelle. Im Rahmen der kirschroten Portiere, die über der Thür hing, sah er prächtig aus. Von einem neuen, glänzenden Talar, der die Farbe einer reifen Pflaume hatte, ging ein violetter Schein aus; das Ge­wand fiel in reichen, schönen, nach unten zu immer breiteren Falten zur Erde; der große Kopf mit dem grauen Haarschopfe war andächtig geneigt; der silberweiße Bart floß weit über die Brust hinab, bis an das filberne Kreuz, das an einer silbernen Kette darunter hervorblißte. Die langen, kaum aus den Aermeln hervorsehenden Finger spielten nachlässig mit dem Kreuze und der goldenen Uhrkette.

" Ho! Ho! Was seh ich da! Ein neuer Talar! Aber der ist ja noch ein Heide, noch nicht aus der Taufe gehoben! Wann wird er denn eingeweiht werden?" rief der sprawnik be­deutsam.

Schön! Schön!" murmelte der Doktor und wiegte den Kopf hin und her. Aber er sah den Popen nicht an, denn seine Luchsaugen waren noch damit beschäftigt, die Flaschen zu

zählen.

Was ist's, worüber die Auserwählten des Volfes Rat halten?" fragte der Pope ausweichend.

Wollen Sie nicht vor allem ein kleines, ein erstes" ver­suchen, ehrwürdiger Vater?" unterbrach ihn der Arzt. Die Gottesgabe ist nicht zu verachten, aber immer langsam voran! Sie traftieren mich schon an der Schwelle, gerade wie einen Bauer."

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" Ich bin eine aufrichtige Seele und gehe immer geraden­wegs auf mein Ziel zu Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht, und alles andre ist leerer Schall, Redensart und Zeitverlust." ,, Warum streitet Ihr? Trinkt auf einmal zwei und ver­söhnt Euch!" rief der Isprawnik.

"

Nach und nach kamen auch die andren Gäste: der Adjunkt schlich ganz leise herein, die Frau von Vater Akakri erschien im grünen Kleide, das Ehepaar Kosloff schritt würdevoll ein­her er in Schwarz, sie in Tomatengelb; die Lehrersfrau fam an der Seite ihres Mannes dahergeschwebt, und ihnen folgte mit fröhlichem Lärm die fashionable Jugend Dichur­dschnis Denisoff und Panteleon, Vater Akafris Sohn, ein schmächtiger Alummus, der die Weihen noch nicht empfangen hatte. Er war so blond, daß man versucht war, zu glauben, er habe gar fein Haar auf dem Stopfe.

Der Doktor nahm den entstandenen Trubel wahr und stürzte seine zwei auf einmal" hinunter, wobei er Vater Afafri mißbilligend ansah, der ihn in diesem schwierigen Moment im Stich gelassen hatte.

" Der hinterliftige Fuchs!" murrte der Aeskulap und beschrieb ungeheure Streise mit seinen ruhelosen Beinen.

Im Salon wurde es immer enger. Der Staat der Frau Lehrer, den sie sich aus allen möglichen, im Städtchen bekannten Farben und Schnitten fühn zu einer Art Rokokorobe zusammen­Tomponiert hatte, rief unter den Freundinnen, die auf dem Sofa saßen, ein neidvolles, aber bewunderndes Flüstern her­vor. Sie wurde mit herzlichen Stüssen und unzähligen Fragen empfangen.

"

Die Männer hielten sich in der Nähe der Flaschen und flüsterten einander die neuesten Nachrichten ins Ohr. Ihre Gruppe wurde immer größer. Der Kommandant" ein Rosalenbrigadier trat, die Hand an den fast offiziers­mäßigen" Säbel gelegt, auf sie zu; dann kam der kugelrunde Warlaam Warlaamowitsch mit seiner Frau, die in Violett auf trat; eine Schreiberseele von der Polizei glitt schüchtern ins Zimmer und brachte den Djatschof mit, einen armen Schlucker mit langen, bis auf die Schultern herabwallenden Haaren, der feiner schönen Stimme halber berühmt war; der Diakonus er­schien mit seiner romantischen, hageren Ehehälfte, die Madame Angot" genannt wurde und eine Rivalin und geschworene Feindin der Frau Lehrer war.

Die beiden Damen maßen sich mit den Blicken, und Madame Angot" wurde augenblicklich gelb, wie das kanarien­gelbe Band an ihrem taubengrauen Kleide.

1904

Der Jsprawnik ging von einer Gruppe zur andren, hieß die Gäste willkommen und nahm diesen oder jenen beim Arm, um ihn durch die portierenverhängte Thür in ein Kabinett zu führen, wo geraucht wurde. Bald waren die Herren fast alle dort versammelt.

Worauf warten wir? Fehlt noch jemand?" " Tscherewin," meinte der Adjunkt.

Der hochnäsige Patron läßt immer auf sich warten!" brummte Kosloff.

,, Auch die Frau Doktor ist noch nicht da," sagte Denisoff halblaut.

Der Arzt schob den Kopf zur Portiere herein. ,, Tscherewin ist da, und meine Frau trinkt nicht," rief er freudig. Wir können anfangen, Herr Isprawnik! Wir ver­lieren unnüß Zeit."

Aber der Hausherr hatte es nicht so eilig; er strich die Asche sorgfältig von seiner Cigarre.

Wissen Sie nicht, Ercellenz, was Ihre Frau Gemahlin so lange zu Haus zurückhalten könnte?" fragte er, und seine Augen leuchteten neckisch auf.

Das weiß ich nicht! Mit solchen Kleinigkeiten zerbrech' ich mir nicht den Kopf."

Ich habe gehört, sie habe den Schlüssel zu ihrer Kommode verloren und Strafsuski jetzt rufen lassen, der ihr einen neuen machen soll." Der Doktor riß die Augen auf und schwieg; er wußte nicht, wo der Isprawnik hinaus wollte, aber die Gesichter um ihn berum sagten ihm, daß er böse werden müsse.

Warum nennen Sie mich Ercellenz? mein Titel ist nur: Hochwohlgeboren!" braufte er auf und wurde puterrot. " Ich will damit sagen, daß ich Ihnen ein baldiges Avan­cement wünsche.

"

Der Doktor sah die Anwesenden der Reihe nach an. Das sind Vorurteile... Nicht wahr. Tscherewin.,.? Kommen Sie mal her

"

Tscherewin begrüßte die am Tische sitzenden Damen. Herr Kollege, Herr Kollege.. ächzte der. Arzt. ,, Sie fommt!" rief Denifoff plötzlich dazwischen. Er war auf Sundschaft ausgeschickt worden und trat nun wieder in den Salon.

Lautes Geräusch erhob jih; die Männer drängten sich aus dem Rauchzimmer 1d bildeten Spalier, die Damen heiteten ihre Blicke auf den Eing- ing.

Bald darauf trat die Frau Doftor, von Tenisoff und Banteleon begleitet, ins Zimmer Sie hatte ein schwarz­seidenes, lang herabfallendes Kleid an, das den Hals ein wenig frei ließ, und in diesem Anzug erschien ihre Gestalt noch schlanker, ihr Gesich: bleicher, die dunklen Augen und Brauen aber leicht verschleiert. hr friider, etwas größer und weit­eiferre mit dem Purpureot der Korallen, die ihren schön. geformten weißen Hals ungaben. Sie mußte gang ffeine Schritte machen, dern das leid, das äußerst eng war, hemmite ihre Bewegungen. Ihre traurigen Augen streiften das Ge­sicht ihres Mannes mit einem unruhigen Blid, trafen dann unbemerkt mit deren Ticherewins aniaminen und wandten sich endlich den Damen u. Ein schwaches Rot überhauchte ihre schmalen, marmorweißen Wangen.

"

Die Männer ilüsterten beifällig, denn die Frau Doktor war ein Staatsweib", die Damen aber waren entzückt von ihrer Toilette, einer Toilette, die wirklich aus der Hauptstadt" stammte; der Umstand, daß sie schon seit langen Jahren in Dschurdschni war, beeinträchtigte den Eindruck feineswegs.

Der Jsprawnik eilte auf die schöne Frau zu, reichte ihr galant den Arm und führte sie an den zurückweichenden Herren vorbei geradenwegs an das dunkelrote Sofa. In demselben Augenblick gab er der Wirtin, die den Kopf zur Thür herein­steckte, einen leisen Wink.

Nun bekam die Unterhaltung eine ernsthafte Wendung. Wie geht es Ihnen?"

Ich danke.. So so, la la!"

"

"

Und Ihrer werten Frau Gemahlin?"

Ich danke, auch nicht zum besten!"

Und Ihren Kindern?"

Ich danke Uebrigens

es ist nicht alles, wie es sein sollte. Und wie geht es Ihnen?" revanchierte sich der Gefragte nach einem minutenlangen Schweigen.