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Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 205.
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Die flucht.
Dienstag, den 18. Oktober.
( Nachdruck verboten.)
Von K. Bagrynowski.
" Ihr Diener, gnädige Frau!" rief jemand.„ Auch Sie sind gekommen, sich dies Spiel des sibirischen Eises anzusehen! Ein interessanter Anblick, nicht wahr?"
,, Und es bietet noch mehr des Belehrenden, als des Interessanten," ließ sich eine zweite Stimme vernehmen.
Am Rande standen der neue Isprawnik und der Lehrer. " Sehen Sie mal, dort treibt etwas Schwarzes. Ich glaube, es ist ein Mensch; er muß gefallen sein, hat die Arme ausgebreitet.... Wirklich, ein Mensch! Wirklich, ein Mensch! Laufen Sie und befehlen Sie den Kosaken, dem Unglücklichen beizustehen!" schrie der Bezirkshauptmann, indem er nach den Kleidern Krassuskis wies. Aber der Lehrer sah nicht mal hin, denn er hatte das Kleid seiner Frau eben in der entgegengesetzten Richtung zwischen den noch unbelaubten, schmächtigen Sträuchern durchschimmern sehen, und ein Paar Männerstiefel daneben.
Wie sollte ein Mensch dahinkommen! Das ist sicher ein Fell oder abgebröckelte Erde... Oder vielleicht ist's' ne Stuh? Und wenn's wirklich ein Mensch wäre, den könnte höchstens den könnte höchstens der Teufel aus dieser Hölle retten!" bemerkte er mißmutig. Indessen bemerkte Eugenie, daß ihr Mann nicht mehr neben ihr war und schlug den Weg zur Stadt ein.
Sie fand Arkanoff auf dem Bette liegen. Er hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und rührte sich nicht, als sie ein
trat, antwortete auch nicht, als sie ihn anrief.
Ach, wieder das elende Schmollen. Und in welch einem Augenblick!... Im Angesicht des Todes!" Sie war so entmutigt, so erschöpft von dem Vor gefallenen, daß ihr alles gleichgültig war. Sie fegte sich in den Sessel ihres Mannes und senkte die Stirn. Bruchstücke geschauter Bilder, Feßen nicht ausgedachter Gedanken schossen ihr wie im Fieberwahn durch den Sinn. Sie fonnte sich ihrer nicht erwehren und war nicht imstande, sie zu einem Ganzen zu verbinden. Die ganze Welt kam ihr vor wie ein furchtbarer, bodenloser Abgrund, in dem ihre Seele, jedes Gedankens, jedes Gefühls bar, planlos umherirrte und ber gebens nach einem Halt suchte. Sie sehnte sich danach, jemand neben sich zu fühlen, um wenigstens weinen zu können. Sie schleppte sich also an das Bett ihres Mannes, setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter; er aber stieß sie zurück und wandte sich nicht einmal nach ihr um.
So blieb sie denn eine Weile zusammengefauert sigen und sah mit heißen Augen in einen leeren Winkel der Stube; dann brachte sie, um nur irgend etwas vorzunehmen, um das letzte Fünfcher Mit, den letzten Rest Gesundheit zu retten, den Samowar ins Kochen, brühte Tee auf und trank ihn, stark und schwarz wie Tinte, in hastigen Zügen.
1904
mehr an diesem Ort der ewigen Qualen und Foltern. Was ist hier mit uns vorgegangen, was ist vorgegangen und was ist aus uns geworden? Bin ich noch dieselbe, die ich früher war? Ist Artemij noch derselbe? Sind auch die anderen dieselben geblieben? Ihre Seelen haben nur diejenigen unbefleckt behalten, die keinen Augenblick aufgehört haben, zu kämpfen. Ach, schnell, nur schnell, in die weite Welt hinaus, zu fruchtbringender Arbeit und fruchtbringenden Opfern!" Plöglich sah sie Rauch in Krassuskis Jurte.
,, Er ist wieder da!" rief sie, erregt ins Zimmer stürzend. Sie griff nach Müze und Mantel, aber Arkanoff sprang auf und vertrat ihr den Weg.
Wohin?"
,, Erfahren, wann... wir aufbrechen."
„ Das ist nicht nötig. Wir brechen gar nicht auf!" er wiederte er falt.
Sie wich erstaunt zurück.
„ Weshalb?"
„ Höre, Weib, habe endlich den Mut, auf den Grund Deiner Seele zu schauen, und sag' mir offen wie Du Deinem Beichtvater antworten würdest, denn das ist nicht nur für mich, sondern für Euch alle von der größten Wichtigfeit, jag' mir, warum willst Du fliehen?"
weil ich Dich... Eine merkwürdige Frage! Weil ich leben will weil ich Dich... weil ich mich... retten will!" sprach sie
verwirrt.
Sie versuchte ein Lächeln, aber ihr zitternder Mund ver 30g fich nur zu einer Grimasse.
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Aha weil Du leben willst! Das glaube ich, aber Du
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liigst, wenn Du sagit, Du wolltest mich... retten. Ich durchschaue Dich ganz und gar und werde mich nicht von schönen Worten hinter's Licht führen lassen. Hast Du je eine meiner Bitten erfüllt? Hast Du je etwas einzig und allein um meinetwegen getan? Niemals! Immer hast Du mich anderen zum Opfer gebracht. Du hast es vorzüglich verstanden, Deinem Tun und Lassen die schönsten Namen zu geben, bald war es Pflicht, bald Nächstenliebe, bald Ehrgefühl. Aber als dieser dieser... in die Flammen sprang, da hast Du gerufen: Laßt alles zugrunde gehen!... Und was ist heute am Flusse mit Dir vorgegangen? Ich glaubte, Du würdest auf der Stelle tot umsinken. Das ist zu viel... Das ist zu viel. Eine Frau, die mein Geld und meinen Beistand dazu benützt, um von mir zu fliehen das ist zu viel, das ist zu viel. kann keine Doktrin beschönigen... Sie bleiben hier!"
"
Das
,, Aber... nicht bei Ihnen. Das steht fest! In der Tat, das ist zu viel!" antwortete sie, indem sie sich aufrichtete und ihre Ruhe wieder gewann. Bitte, geben Sie mir den Weg frei!" Er rührte sich nicht, wandte die Augen nicht von ihr, schloß Lider nur ein wenig.
die
,, Nein, Sie werden dies Haus nicht verlassen!" ,, Dann wird man mich holen kommen!"
Sie setzte sich und knöpfte den Mantel auf.
Auch ihrem Manne stellte sie eine Tasse davon hin und Tegte eine Schnitte Brot mit etwas faltem Fleisch daneben. Lange stand er so da und betrachtete sie von der Seite. Er rührte sich nicht, aber als sie auf die Treppe trat, um einen Mag er kommen, dann schieß ich ihm, ohne viel FederBlick auf das Städtchen zu werfen, hörte sie, wie seine Stiefel lesens zu machen, eine Kugel vor den Kopf, und die ganze den Boden berührten, und als sie eine Weile später zurück- dumme Geschichte ist auf einmal aus," sagte er leise und fam, sah sie, daß er aufgegessen, was sie ihm hingestellt hatte. Aber seine Lider blieben gesenkt, und düster und fast bis zur Erde gebückt saß er da.
„ Er ist tot. Was soll nun werden?" fragte sie leise. Onein! Er lebt und... die Welt steht noch, ist nicht aus den Fugen gegangen," gab er sarkastisch zurück.
"
Warum hast Du's mir denn nicht gesagt?" rief sie freudig und zornig zugleich. Also ist er hinübergekommen, ist gerettet!"
Er maß sie mit bösen Blicken und schwieg. Auch sie verstummite, als sie sah, daß wieder nicht ihr Gatte vor ihr saß, sondern... jener andere.
Ich muß ihn austoben lassen... das wird wieder einen Auftritt geben!" dachte sie, indem sie sich auf die Bank vor dem Hause niederließ. Also er ist nicht tot, und alles ist beim Alten geblieben. Wir fliehen. Morgen, in zwei Tagen, in wenigen Stunden... sind wir vielleicht nicht mehr hier, nicht
langsam.
Sie rührte fich nicht, den Kopf immer halb von ihm weggewandt.
„ Sie glauben, ich würde es nicht tun. Sie glauben, auch diesmal würden sentimentale Redensarten das Ende vom Liede sein? Sie irren sich, Sie haben keine Ahnung, wie ich diese... Heuchler, Tartüffes und Phrasenhelden hasse.. Diese ungebildeten, verbohrten Köpfe voller Hochmut und Dünkel. O, ich werde es tun, darauf können Sie Gift nehmen. Ihr Liebhaber kennt meine Entschlossenheit und weiß mich höher zu schätzen als Sie. Er glaubt sogar, ich sei imstande, die Polizei zu benachrichtigen. Das Rindvich! Er hat keine Ahnung davon, daß es ein anderes Ding ist, Feuer an die Darre zu legen, oder sich eigenmächtig Genugtuung zu verschaffen. In seinem vernagelten Gehirnkasten ist kein Roum für den Gedanken, daß es moralische Nuancen gibt." Eugenie bedeckte ihr Gesicht aufstöhnend mit den Händen.