Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 206.

51]

war.

Die flucht.

Mittwoch, den 19. Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Von K. Bagrynowski.

20.

3

Die Stunden bis zur Abreise schienen den Eheleuten ein qualvolles, langsames Sterben. Sie gingen einem Etwas entgegen, das sie mit Furcht, Schmerz und Verzweiflung erfüllte, das, einmal geschehen, weder zu ändern noch gut zu machen Und doch zählten sie die Minuten, die sie noch von diesem Augenblicke trennten, denn die verworrene Last, die ihre Seele bedrückte, war noch tausendmal unerträglicher. Mechanisch trafen sie die Vorbereitungen zur Reise, indem sie kurze, leere Worte miteinander wechselten, hinter denen fich tiefes Leid und der ungeduldige Gedanke verbarg: Ach, wenn's nur erst vorbei wäre!"

Eugenie geleitete ihren Mann an die Fähre. Sie gingen einen wohlbekannten Pfad entlang, zwischen aufblühendem Gebüsch, das voller Düfte und Wärme war. Die Sonne, die niedrig am Himmel stand, schien durch die Zweige. Das Tal murmelte schlaftrunken. Aus der Ferne schlug das neue, feinen Augenblick verstummende Rauschen des mächtigen, er­wachten Flusses an ihr Ohr. Endlich erblickten sie ihn; er war stahlgrau und gewölbt, wie der muskulöse Rücken eines Riesen, der eine übermäßige Rast vor sich hinschiebt.

Eugenie blieb stehen.

Höre, Artemy! Es sinkt niemand so tief, daß er sich nicht erheben könnte; es gibt keinen Fehltritt, der sich nicht fühnen und der sich nicht gutmachen ließe... Ich sehe wohl ein, daß etwas Abstoßendes darin liegt, mit Menschen, an die wir nicht heranreichen, auf kameradschaftlichem Fuße zu verkehren. Wir wollen den Genossen alles beichten und die Last gemeinsam tragen."

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Sie sprach ruhig, ihre Augen waren trocken, aber ihre Stimme bebte und versagte fast. Arkanoff erhob den Kopf. Sie sprechen von Sühne? Ich bin mich feiner Schuld bewußt. Sind Sie so naiv oder wollen Sie mich ganz zu grunde richten? Sie sehen jetzt, wie leicht es ist, anderen Menschen gute Lehren zu geben, ihnen Tapferkeit und erhabene Gefühle zu predigen."

Eugenie erbleichte.

1904

durchsichtigen, weichen Körper, der sie umfing wie die Luft und ihre Bewegungen unsicher machte. Sie nahm alle ihre Sinne zusammen und sah unverwandt zu Boden, um nicht zu fallen, aber auch die Zweige, die über den Weg hingen, und die Rufe, die aus der Ferne vrangen, und die Dornen, die an ihrem Kleide zerrten, und die letzten Strahlen der Sonne, die sich hinter den Bergen verbarg, mußten beachtet werden. Es kam ihr vor, als sähen sie die Menschen, die ihr begegneten, ganz besonders an, als gewahrten sie das ge­heimnisvolle, weſenlose Leichentuch, das ihr nachschleppte, und sein, und das Gesicht in die Kisser zu drücken, um ihr Leid ihr den Atem nahm. Sie sehnte sich danach, zu Hause zu ihr den Atem nahm. Sie sehnte sich danach, zu Hause zu ausweinen zu können. Aber ihre Augen blieben trocken.

Das Grabesschweigen der verödeten Zimmer, die Wahn­gebilde, die in ihrem Hirn entstanden, das Herzklopfen, das sie fast vor Schmerz aufschreien ließ, der Dämmerschein des anbrechenden Abends, alles das scheuchte sie bald aus den Hause und auf die Straße. Ziellos ging fie langsam vor sich obachtete, wie sich die Gebäude des Städtchens in lange hin, lauschte den immer leiser werdenden Stimmen und be­Schatten hüllten und das Tageslicht immer bleicher wurde. doch alles von heute ab so ganz anders geworden war, so er­Sie wunderte sich), alles so unverändert zu finden, während füllt von einer ereignisreichen Vergangenheit. Sie wußte selbst nicht, wie sie an Alexandroffs Jurte kam und die Türe mechanisch aufstieß. Dumpfig hauchte das öde Haus sie an. Sie machte Feuer auf dem Herde, setzte sich daneben, und empfand jetzt erst mit grausamer Deutlichkeit, wie furchtbar einsam sie war. Sie wollte nicht an die Vergangenheit denken, und ihr war, als hätte sie feine Zukunft mehr. Sie saß auf dem Schemel, den Blick auf die Flammen geheftet, und in der Jurte huschten die Erinnerungen umher, die sie tapfer zu bannen suchte. O! In diesen Jurten, in der ganzen Stadt, in der ganzen Welt war ihr nichts geblieben, nichts, als Sehn­sucht und Schatten! Und so mußte es ihr Leben lang bleiben! Nein, es ist doch undenkbar, daß sie so herzlos dagelassen werden könnte! Sie kennt sie doch, sie ist überzeugt, daß fie umfehren werden, daß sie jetzt überall nach ihr suchen. Sie muß sie sehen, und wäre es mur, um Abschied von ihnen zu nehmen. Weshalb ist sie eigentlich so hart bestraft worden? Was hat sie verschuldet? Ihre Schuld liegt darin, daß sie sich erlaubt hat, ihren persönlichen Gefühlen zu folgen, daß sie sich nach Glück gesehnt hat und ihrer Liebe bis ans Ende der Welt gefolgt ist, statt im Stampfe um die Freiheit und das Glück aller Menschen zu fallen. Ihre Schwäche und ihre Un­erfahrenheit haben ihren Mann, haben sie selbst ins Verderben gestürzt. Jetzt wird sie das alles wieder gut machen. Sie wird die Abwesenheit der Genossen verheimlichen, wird die Polizei hintergehen, wird die segnen, die sie verlassen haben. Seid frei, seid gut, seid tapfer und makellos wie früher. Jetzt muß sie nach Hause zurückkehren und die Spuren der Flucht verwischen. Sie verließ die Jurte, aber plößlich ging fie, statt die Richtung nach ihrer Wohnung einzuschlagen, an den Fluß. Von dem unwiderstehlichen Wunsche getrieben, sie alle noch einmal wiederzusehen, schritt sie immer schneller quer durch den Wald, an Wiesen vorbei, dem Vorsprunge zu, an dem die Flüchtlinge vorbeikommen mußten. Je näher sie kam, desto schneller lief sie; sie sah weder nach rechts noch nach links, ließ ihren Tränen freien Lauf, schluchzte laut und drückte das Taschentuch an den Mund, um das Weinen zu ersticken. End­lich gelangte sie an den Rand des Vorsprunges, wo die Lärchen, den Wald verlassend, in einzelnen, dünngesäten Reihen ans Und Du läßt Deine Frau allein zurück? Und fürchtest Wasser treten. Und fürchtest Wasser treten. Sie blieb an dem letzten Baume stehen, der Dich nicht? Sie ist die einzige unter Euch, und Ihr seid sich dicht am Rande des Ufers zum Flusse hinabneigte. Zu alle jung. Willst Du lange am anderen Ufer bleiben? Du ihren Füßen wälzte sich der graue Strom, auf dessen Wellen gehst wohl zu Jan?" schwatzte Galfa, indem er die Ruder hob. der rosige Abglanz des Abendrots und die leisen Schatten der Eugenie konnte die Antwort nicht mehr hören, denn sie ihn umrahmenden Wälder vorbeiglitten. Am anderen Ufer wurde vom Plätschern des Wassers und dem Rauschen der zeichnete die fable Wand des Weidengesträuches eine perlgraue Wellen übertönt. Langsam machte sie sich auf den Heimweg Fährte auf den fahlen Wasserspiegel, den ein dünner Lichtstreif und sah, sich immer wieder umsehend, Arkanoff aus dem Boote vom Bande trennte. Hinter dem Weidengebüsch lugten die steigen, das steile Ufer mit dem Bündel auf dem Rücken er- Berge hervor, in denen die Verbannten im verflossenen Jahre tlimmen und im Gebüsch verschwinden. umhergeirrt waren. Der Fluß trat aus dem Gesträuch und umbog weiter unten einen rotfarbenen, hohen, waldumkrönten, starren und düsteren Felsen. Alles schwieg, selbst die Vögel schliefen. In der Luft zitterte nur das leise Rauschen des Flusses.

,, Uebrigens würde das zu nichts führen! Es wird doch alles beim alten bleiben. Ich fühle es," fügte er gepreßt hinzu. Gehen wir weiter! Wir müssen uns trennen. Lebe und sei glücklich! Wenn es mir gelingt, mich zu retten, komme ich Dich holen, ohne die anderen! Der Fährmann ist gerade am Ufer und wird gleich abstoßen!"

Galfa saß schon im Boot, aber er sah sie kommen und wartete. Sie nahmen hastig Abschied voneinander, denn die Gegenwart des Kosaken und einiger Eingeborenen, die am Ufer standen, legte ihren ohnehin gefesselten Gefühlen noch mehr Zurückhaltung auf.

Wie, Du bist jetzt auch Fährmann?" fragte Arkanoff den Kosaken.

Nein, aber der Isprawnik haben mir befohlen, hier zu fizen und über alles zu berichten... damit die Tataren nicht in der Stadt stehlen..." fügte er diplomatisch hinzu.

Und plötzlich überkam sie ein Gefühl, als sente sich ein wunderlicher, durchsichtiger Vorhang auf sie herab, der sie von der ganzen Welt absonderte. Selbst zwischen ihren Sohlen und dem Pfade, den sie verfolgte, fühlte sie einen