Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 211.
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Die flucht.
Mittwoch, den 26. Oktober.
( Nachdrud verboten.)
Von K. Bagrynowski. ( Schluß.)
,, uns allen so viel Kummer und Sorgen zu machen und soviel Zeit zu rauben! Und alles nur, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, zu Fuß nach Amerika zu laufen!" brummte Jan.
,, Und wenn er sich wirklich verirrt hat?" " Fällt ihm nicht ein! Ich kenne ihn! Und die Zündholzbüchse? Der Galgenstrick! Wahrhaftig, Sie müssen mir die Hand festhalten, Kamerad, wenn ich ihn sehe, sonst sett's was!" Strafsuski war auch ärgerlich, er schittelte zwar verneinend den Kopf, aber er blickte finster vor sich hin.
1904
Es war ein zerknittertes, gewöhnliches Papier, das mit europäischen Waren zu den Eingeborenen gewandert sein fennte. Es hatte zwar ein geheimnisvolles Loch in der Mitte und mit dem Nagel eingeritte Zeichen, aber die Verbannten waren nicht imstande, irgend etwas herauszulesen. Enttäuscht blickten sie in die dunkle, nebelige Tundra, in der sich die Spuren immer mehr verwischten.
„ Es ist umsonst! Wir müssen umkehren!" sagte Jan endlich. Und wir müssen eilen, denn der Nebel wird immer dichter." Der kalte Wind, der von der See her blies, wurde immer
heftiger. Sie sahen plöglich eine lange, weiße, den ganzen Horizont umspannende Nebelbank, die sich vom fernen Eise löste und auf sie zuwälzte. Die Himbeerrote Sonne war bis zur Hälfte in Dünste gehüllt. „ Vorwärts! Vorwärts!" trieb Jan, denn er muß gleich hier sein."
Die Sonne stand riedrig und wärmte nicht. Ein falter, heftiger Wind blies vom Meer. Die Gegend, die sie passieren Sie liefen quer übers Land, indem sie über kleine Bäche mußten, war ein verschlungenes Labyrinth von langen, hinwegsetzten, oder bis an die Achselhöhlen in tieferem Wasser moraftigen Landzungen, Teichen und seichten Sümpfen, die wateten. Der Wind war zum Sturme angewachsen. Der durch niedrige, bemooste Erdstriche voneinander getrennt Nebel kam schnell wie eine Sturmflut daher. Schon bewaren. Um nicht durch kaltes und stellenweise tiefes Wasser rührten seine ersten Feßen und Wölkchen die Füße der Jäger zu waten, mußten die Jäger oft weite Bogen machen. End- und trieben landeinwärts. Bald wateten sie bis an die Knie lich wurden sie eine kleine, trockene Anhöhe gewahr und gingen im Nebel. Jan riß eine Handvoll Haare aus dem Pelzfutter auf dieselbe zu, um sich in der Umgegend zu orientieren. seiner Joppe und verstopfte die Läufe und Pfannen seiner Schon von weitem wurden sie von einer großen Möwen- Flinte. Krassuski folgte seinem Beispiel. Der Nebel umEr verdeckte die schar, die den Hügel umkreiste, mit lautem Geschrei empfangen, fing fie schon bis an die Hüften. und als sie näher kamen, drang der ganze Haufen furchtlos Unebenheiten des Bodens vor ihnen und machte ihre Wande auf sie ein. Ein merkwürdiger Anblick- eine richtige Vogel- rung noch mühsamer. Immer wieder fielen sie in verstadt bot sich ihnen dar. Dicht aneinander gedrängt lagen räterische Wasserlachen. Bald reichte ihnen der Nebel schon dort Tausende von Nestern, die aus Gräsern und Zweigen er- bis an den Hals, endlich schlug er über ihren Köpfen zuDer Wind wütete und wirbelte und wälzte den baut waren, und darauf saßen ganze Legionen von Vögeln, die femmen. beim Anblick der Jäger nicht die geringste Furcht äußerten; Nebel wie Wasser um und um. Vom Sturm hin- und herihre Schnabel waren alle den trockenen, festgetretenen Gassen gerissen, von den kalten Dünsten wie von einem Schneegestöber zugekehrt, die an den Nestervierteln entlang führten. Auf gepeitscht, bis aufs Mark erstarrt, gingen die Verbannten den Gassen marschierten Schildwachen hüpfend hin und her. blindlings vorwärts, bis sie das Brüllen des Meeres hörten Die Jäger blieben stehen, denn es tat ihnen leid, die Nester und seine Wogen, die schwarz waren wie Tinte, ihnen an die übrigens hatten Füße prallten. Sie wichen zurück, denn sie fürchteten, von zu zerstören und die Eier zu zertreten, übrigens hatten Füße prallten. Sie auch keine Zeit, sich lange zu besinnen, denn immer größere den ungeheuerlichen, schaumbedeckten Zungen von der Erde Haufen von Möwen drangen auf sie ein. Die Vögel hoben hinweggerafft zu werden. die Flügel und flatterten behende auf ihre Köpfe nieder und bedrohten sie mit Schnäbeln und Krallen. Von den GewehrKolben verscheucht, beschrieben sie Bogen in der Luft und flogen auf, um wieder auf die Feinde niederzustoßen. Ihre Krallen hatten Jans Müße und Schultern schon mehrmals berührt. Das durchdringende Geschrei und das Schlagen der Flügel Wieder kam ein so heftiger Windstoß, daß sie fast umregten die Jäger auf und hinderten sie an einer freien Um- fielen. Das Ufer erzitterte von dem Anprall der Wellen. schau. Um sie zu verscheuchen, feuerten sie ihre Flinten ab. Aber das Pfeifen des Sturmes und das Rauschen des in der Aber das erschlimmerte ihre Lage noch. Mit unbeschreib- Nähe tanzenden Wassers und das Stöhner der davon gelichem Lärm, Kreischen und Rauschen erhob sich der gefiederte peitschten Erde alles verhallte in dem immer heftiger anSchwarm und flatterte um die Angreifer herum. Was be- schwellenden Brausen der offenen See, die in der Ferne deuteten ein paar erlegte Möwen diesen Tausenden gegen- wütete. über? Mit gekrümmten Rücken flohen die Jäger, und die Vögel hackten mit den Schnäbeln nach ihnen und schlugen mit den Flügeln an ihre Schultern. Endlich ließ der Lärm nach und der Schatten des dichten Schwarms über ihren Köpfen wurde durchsichtiger. Nur noch ein kleiner Haufe der eifrigsten Verfolger flatterte ihnen nach oder umfreiste unruhig den Hügel.
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,, War das aber ein Sturm!" lachte Jan.„ Wartet, wir werden schon wiederkommen. Dann wird Euch Mußja ausgeliefert und wir nehmen einen Haufen Eier mit! Weißt Du, Krassuski, wir wollen die Stiefel ausziehen und direkt durchs Wasser gehen, sonst dauert's noch lange, bis wir an Ort und Stelle sind. Sieh, es ist schon Nacht und Nebel steigen von der See auf!"
Nachdem sie noch eine halbe Stunde gewandert waren, erreichten sie die rauchende Stelle. Die verlassene Feuerstätte berglimmte schon, aber Mußja war nirgends zu sehen. Sie durchsuchten das ganze Terrain aufs sorgfältigste, fanden benagte Entenknochen, konnten aber nicht erkennen, ob Mußja hier gewesen war oder in der Umgegend wohnende Jäger. Es fam ihnen nur vor, als wären viele Menschen dagewesen. Endlich stieß Jan einen Freudenruf aus, denn er fand ein Stückchen Papier zur Seite liegen.
Was mun? Wie finden wir unseren Nachen?" fragte Strassuski, der vor Kälte mit den Zähnen klapperte.
Was soll uns der Nachen? Es wäre denn gerade, um nachzusehen, ob ihn das Wasser nicht fortgeschwemmt hat," antwortete Jan mißmutig.
Kommen Sie, Jan, sonst ist unser Nachen sicher verloren!" sagte Krassuski, indem er den in tiefen Gedanken versunkenen Jan am Aermel zerrte.
Wo sollen wir denn hin- ohne Augen!" antwortete dieser grob. Weißt Du, nach welcher Richtung wir gehen müssen, wo er liegt? Warte... Ich muß ein wenig nachdenken; ich muß das auskalkulieren. Leg' Dich hin, sonst erfrierst Du ganz! Ich will ein bißchen nachdenken und ausruhen. Ein Hundewetter!"
Sie legten sich in eine kleine Mulde und schmiegten sich fest aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Jan stüßte den Kopf auf die Hand und horchte dem Stöhnen der Erde, achtete auf den über ihnen ziehenden Nebel, auf den Wind, der sich langsam, aber unaufhörlich drehte.
„ Hör, Krassuski, er war schon gestern so verdreht! Hol' ihn der Teufel!"
,, Wen? Den Wind?"
„ Na, ja! Er bläst jetzt aus einer anderen Richtung; als wir vom Fluß kamen, wehte er uns entgegen. Jezt müssen wir nach der anderen Seite am Wasser entlang gehen. Komm, wir wollen in den Nachen kriechen, da wird's doch wärmer sein." Wieder peitschte sie der Wind, und der Nebel schlug ihnen ins Gesicht und blendete sie.