Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 236.
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Ich bekenne.
Sid 1904
Donnerstag, den 1. Dezember. sid
( Nachdrud verboten.)
Roman von Clara Müller- Jahnke . Die Birke, aus der wir unseren Honig sogen, ist längst berdorrt, und meine Lüge hat der Wind verweht. Ich weiß nicht mehr, ob wir den Birkenwein wirklich getrunken, viel weniger noch, wie er geschmeckt hat. Ich weiß nur, daß der Sommertag zu Ende ging und daß ich müde und bestaubt den abenddunklen Weg nach Hause wanderte. Dort fand ich alles in Tränen aufgelöst. Mein Vater, dem mein Wiedererscheinen bereits gemeldet worden war, erwartete mich im Wohnzimmer voll schweigenden Zorns.
Ich blieb auf der Schwelle stehen, weil die Luft in dem
Bimmer mir merklich dumpf und unheimlich vorkam. ,, Komm näher," sagte mein Vater.
Ich rührte mich nicht
" Na wird's bald?"
"
seitig mit zahnlosem Mund und neiden sich den Pfennig, den irgend ein gnadebedürftiger Bauer in das Gabebüchslein an der Tür gesteckt, oder beschuldigen einander gar in blinder Wut und Habgier des Diebstahls.
Und eine von ihnen bewahrt den Schlüssel zum
Friedhof.
Am
Das wirft alle Jubeljahre mal ein Trinkgeld ab. Sie vertrinkt es freilich nicht, sie kauft sich Kautabak dafür. Ich klopfe leise an die Tür. Und sobald sie mich erblickt, kommt sie lächelnd, knigend und dienstbeflissen heraus. Gitter lohne ich die alte Here ab. Sie geht mit einem noch vergnügter grinsenden Gesicht und um einen Grad dienstbeflissener davon, als sie herbeigeeilt ist.
Lange, weiche, feuchte Friedhofgräser. Von links her grüßt ein
Nun komm, Du. Die Gräser knicken unter unserem Fuß.
einfaches Kreuz ich gehe nicht vorbei. Die dort ruht, war wohl ein treues Herz. Sie hat im alten Glauben und in alter " Anhänglichkeit ihrer Herrschaft über vierzig Jahre gedient. Sie hat diesem Dienste ihr Lebensglück und ihre Frauenseligkeit geopfert und ist glücklich gewesen in ihrem Wahn. Eine Palme auf ihr Grab: grüße sie! Sie war die Beschüzerin meiner Kindheit.
Da fragte ich ganz kleinlaut, was ich denn eigentlich solle. " Prügel sollst Du haben, unnüße Göhre Du. Wie zu Stein geworden stand ich da, bis eine dritte, sehr entschiedene Aufforderung, näher zu treten, mich aus meiner Erstarrung emporriß. Die Zumutung, daß ich mir die zugedachten Prügel selbst holen sollte, erschien mir so komisch, daß ich plötzlich in ein lautes, unbefangenes Lachen ausbrach. Damit war der drückenden Situation ein Ende gemacht. Wenn der Berg nicht zu Mahomet kommen will, so geht Mahomet eben zum Berge
Mitunter verspüre ich die damals empfangenen Schläge noch heute im Vormitternachtstraum; die blauen Flecke freilich hab' ich längst verwunden, das Bewußtsein einer Zeit ist mir geblieben, in der meine Kraft noch ungebrochen war. Seitdem, o Du, seitdem..
Lege mir für einen Augenblick nur Deine segnende Hand über die Augen. Und nun komm: ich führe Dich die holprige Dorfstraße hinauf.
*
Auf beiden Seiten der Straße grüßen uns die stattlichen Bauerngehöfte. Das blanke Schild am Tor mit dem Adler darüber kennzeichnet den Schulzenhof. Links davon in dem verfallenen Kätnerhaus mit seinem Gewirr von blauen und roten Wicken um den Staketenzaun hat die schöne Mine gewohnt. Ich habe sie gesehen, als sie noch, das Scharlachtuch um den dunklen Kopf gewunden, in der Abendstunde am Zaune stand und mit blizblanken Augen die Dorfstraße hinabspähte. Schulzenbraut" riefen ihr die Buben höhnend zu. Sie wandte nicht den Kopf um nach dem Gassengeschrei, sie sah mit ihren stillen, leuchtenden Augen unverwandt auf die Straße hinaus. Wie ein frem er, schöner Vogel erschien sie mir, der sich aus verträumten Märchenwäldern auf die pommersche Dorfstraße verflogen hatte.
Und ich habe sie später gesehen, als sie lang und steif mit weitoffenen schredhaften Augen auf einem Bettgestell im Armenhause lag, als aus dem gelösten schwarzen Haar die hellen Wassertropfen rieselten und klitsch, klatsch auf dem Steinernen Fußboden aufschlugen.
Schulzenbraut!" sagten wieder die Gassenbuben, die sich hinzugedrängt hatten. Und die alten zahnlosen Weiber wiesen mit den Fingern über den Staketenzaun in das Nachbargehöft. Jetzt hat der Schulzensohn den Hof des Vaters übernommen und fit als Gemeindeältester mit seiner behäbigen Bäuerin allsonntäglich unter der Kanzel auf dem vordersten Platz. Von Minens Ende aber singen die Unkenbasen im Teich ein Lied nach alter Melodie.
Droben, hart an die sandige Wand des Friedhofhügels gepreßt, steht das Armenhaus. Dort wohnen die alten Weiber, die kein Unterkommen mehr finden im Dorf. Zu vieren oder fünfen hausen sie da in der engen Stube mit den rauchgeschwärzten Balken, dem ausgetretenen Backsteinboden und dem von kleinblütigen, starkduftenden Geranien verstellten Fenster, durch das kein Bursch mehr schaut, wenn er des Sonntagnachts aus dem schräg gegenüberliegenden Wirtshaus vom Tanze heimkehrt.
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Und haben alle einst gelacht und geliebt und gejauchzt und geweint. Und nun hocken fie im Armenhäuslein, lästern sich gegen
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Und hier, mein geliebter Mann, liegen meine Toten. Da unten war Unraft und flutendes Leben, hier oben ist Friede. Und Jahre sind verrauscht, Jahrzehnte in die Tiefe gesunken, feit ich mit Dir in den blühenden Pfarrgarten schritt und meine Eltern lächelnd grüßte. Und immer wieder ist es Lenz.geworden, auch heute will der Trauerrosenstrauch auf meinen Gräbern frische Knospen treiben.
Wir wandeln wie im Märchenland. Zeit und Raum verfinken. Ein Eschenbaum bleibt übrig noch und eine Trauerrose. Und ein fünffacher Hügel. Mein Vater und meine vier Geschwister schlafen hier in Frieden. Und rings um die RuheStätte der Toten dehnt sich, sanft abfallend, das Ackerland, flach, unübersehbar, fruchtbar: die pommersche Ebene. Harte Halme sprießen aus brauner Scholle empor, und warmgoldene Fluten gießt die Märzsonne über knospende Flur. Aus Tod und ErStarrung erwacht das Leben.
Und nichts ist übrig geblieben mehr als Du und ich. Das ist das Leben. Mögen die Meinen denn in Frieden schlafen: mein Vater unter dem schützenden Efeudach im heimatlichen Dorfe, meine Mutter im wehenden Sande der Ostseeküste... Du und ich, wir leben, und wir fühlen in uns die Ewigkeit.
Du hältst mich für weichmütig, Liebling. Und alle haben mich für weichmütig gehalten, von jeher. Der Anschein spricht dafür: ich fann ein Geschöpf nicht gut leiden sehen, am allerwenigsten ein Tier. So oft ich, durch Zufall gezwungen, Beugin geworden bin der rohen Behandlung eines wehrlosen armen Hausgenossen, so oft hat die Empörung mir das Blut in jähen Wellen zum Gehirn getrieben, so oft hat meine Hand sich geballt, um die rohen Rangen niederzuschmettern und so oft bin ich, außer stande, dem Gequälten zu Hülfe zu komment, in irgend einen Winkel geflüchtet, um, mit den Zähnen Enirschend, den gellenden Aufschrei meines Herzens hinunterzuwürgen.
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Die Tatsache schon, daß meine Hand sich hebt, um Geschöpfe zu zerschmettern, die, von der gütigen Natur vielleicht gütig bedacht, im Elend der Tiefe verroht sind, dies sollte zum Beweise genügen, daß ich nicht weichmütig bin.
Das ist es:
Als Kind schon hatte ich eine leidenschaftliche Liebe zu den Tieren und hielt mir unter anderem Viehzeug auch einen ganzen Stall voll Kaninchen. Die zierlichen Geschöpfe mit den hellen, klugen Augen waren meine Luft, und jede freie Viertelstunde brachte ich bei meinen Lieblingen zu. Unter der Herde befand sich ein besonders schöner englischer Bock mit dem weißesten Fell und den flügsten schwarzen Augen der Welt. Aber sonderbar: während die übrigen Tiere meine Pflege mit Bärtlichkeit vergalten und mir nachliefen wie junge Hunde, hatte der Hans eine seltsame Scheu vor mir; es war, als wittere er Blut an meiner Hand. Zu meinen Kameraden da. gegen ging er gern und bezeigte seine Freude, fie zu sehen, durch Männchenmachen und allerhand Possen. Oft schlich ich heimlich in den Stall, um dem Hans zu schmeicheln und ihm die