Anterhallungsblatt des Worwärls Nr. 239. Dienstag, den 6. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) et Ick bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke . Eine gute Partie! Du, ich werde bitter. Fasse mich fest in Deinen Arm. Langsam, ganz langsam ist mein Denken und Empfinden prostituiert worden durch dieses furchtbare� begehrliche Wort. Und doch, mein Geliebter: den Kern meines Wesens haben sie nicht getroffen. Der schlief, mir selber un- bewußt, jahrzehntelang unter einer festen grünen Knospen- hülle, die erst in Deinem Kusse sprang. Eine gute Partie! Das ist das Ziel all' meiner Jugendgefährtinnen gewesen. Für die gute Partie schnürten sie sich und putzten sie sich, sangen und tanzten sie, wenn ihnen sterbenselend zu Mute war.' Um der guten Partie willen logen und heuchelten sie, schlugen sie die Augen zu Boden und erröteten züchtig, während ihnen das rasende Jugendver- langen im Blute lohte. Der guten Partie wegen VerHeim- lichten sie es scheu wie ein Verbrechen, wenn sie in ihren Muße- stunden für irgend ein Tapisseriegeschäft Tischläufer stickten; ein Mädel, das für Geld arbeitete, konnte doch unmöglich An- spruch erheben auf eine gute Partie! Auf die gute Partie wurden sie abgerichtet wie junge Hühnerhunde auf die Jagd. Und auf die Jagd gingen sie vom ersten Augenblicke an, in dem sie das Ktnderkleidchen mit dem Schlepprock vertauscht hatten. Ach und dieseguten Partien"! Die erste aus der Reihe meiner Gespielinnen, die das große Los gezogen hatte, kehrte in das Elternhaus zurück nach kaum einem Jahr des Eheglücks mit gealtertem, blassem Gesicht, ein Baby auf dem Arm. lieber den Verbleib ihres schwer erkämpften Gatten hat man nie etwas gehört. Die andere war nach sechs Wochen Witwe. Die Partie war gemacht, aber länger als sechs Wochen hatte der schwindsüchtige Mann sein Glück nicht ertragen. Die Frau blieb in guten Verhält- nissen zurück, doch nach Jahresfrist hatte sie den Verlust von zwei nachgeborenen, schwächlichen Kindern zu beklagen und war siech ihr Leben lang. Die Dritte? Sie heiratete einen Professor, der von seiner ersten Frau geschieden war und den alle Welt dieser bitteren Erfahrung wegen innig bemitleidete. Die Verfemte war nach England geflüchtet, wo sie ihren Verführer geheiratet hatte und glücklich mit ihm geworden war. Der verlassene Gemahl tröstete sich auf seine Weise. Und vier Wochen nach seiner zweiten Eheschließung brach seine Kraft zusammen. Beurlaubt und abermals beurlaubt, krank und durchseucht, er- hielt er endlich, nach monatelangen Badereisen, den unwill- kommenen Abschied mit Pension. Die vierte, Herz, beneidet die Welt noch heut. Sie ist allzeit bildhübsch, bliydumm und außerordentlich liebenswürdig gewesen und repräsentiert die Dame der höheren Gesellschaft in der würdigsten Weise. Sie hat drei bildhübsche, wohl- erzogene, blitzdumme Kinder. Daß sie nicht mehr bekommen hat, verdankt sie den Schatten der Vergangenheit, die schwer und dunkel auf ihres Gatten Wegen liegen. Ilnd heute noch blickt der Herr Landesgerichtsdirektor mit heimlicher Besorgnis in die blühenden Gesichter seiner Kinder, als suche er dort einen Spuk vergangener Zeiten oder sähe ein Gespenst der Zukunft schleichen. Die Frau aber lacht und weiß sich keinen Rat. warum ihr Mann besorgt ist. Und die fünfte und die sechste.... O du lieber Gott, die meisten haben ja die gute Partie gemacht! Einige sind auch sitzen geblieben in ihrem Altjungfernstübchen, verkümmert und verbittert, mit tiefen Falten in dem schmalen, verzehrten Gesicht. Die sticken noch heute für Geschäfte, ohne das indessen so ängstlich mehr zu verbergen wie ehedem. Das ist der graue, trübe Herbst; der Herbst, der ohne Früchte kommt. Und daß ich nicht war wie all' die anderen, in deren Treiben ich damals freilich Schimpfliches nicht erblickte, daß ich mich nicht verkauft habe mit Leib und Seele: das verdanke ich einzig meiner Jugendliebe. Darum segne ich sie. Obwohl sie mir ein tiefes Leid gebracht hat: die erste schmerzliche Erkenntnis. An einem Frühlingstage erhielten wir Albrechts Ver- lobungsanzeige. Oft schon hatte ich mir im Geiste diesen seligschmerzlichen Moment mit tausend bunten Farben ausgemalt, hatte ihn in meiner Kinderphantasie durchkostet und erlebt. Nun war er da. Da stand auf feinein, rosa getönten Papier mit kurzen alltäglichen Worten:Meine Verlobung mit--" Meine Lieder hatten längst von seiner Braut geschwärmt. Ich hatte es angebetet« das holdselige, süße, kluge Geschöpf, das seine feurige Mannesseele in goldenen Fesseln halten würde, dies knospenhafte Geschöpf mit den Märchenaugen und der Rosenkrone im blonden Haar. Und nun? Neunundzwanzig Jahre alt, häßlich wie die Nacht, dumm nebenbei, Rittergutsbesitzertochter mit sechzigtausend Mark barer Mitgift und einer Ausstattung von Gerson. Tann kam er: lächelnd, geschmeichelt, lieb. Und ließ sich gratulieren. Vierzehn Tage nach der Verlobung. Ja, und denken Sie, Frau Pastor, meine Braut spielt Klavier. Ich war ganz entzückt, als sie neulich abend eine Beethovensche Sonate gespielt hat. Entzückt und überrascht hatte ja keine Ahnung davon gehabt! Und ich liebe Musik." Er liebte Musik und hatte keine Ahnung davon gehabt, daß seine Braut Klavier spielte! In der Nacht war ich wie verrückt. Ich weinte um einen großen seligen Glauben. Der Sturm rüttelte an den Fenster- lüden und zerrte die letzten Clematisblüten vom Spalier... Da beugte sich ein gütiges, geliebtes Gesicht über mein Bett. Und eine weiche Hand ergriff die meine. Kind, was ist Dir nur, was hast Du?" Ich schluchzte und schluchzte. Krampfhaft griff ich in die bauschende Bettdecke hinein und schluchzte. Was um Albrecht?!" Die Kehle war mir zugeschnürt. Doch in dem grenzen- losen Jammer« der mein Herz durchwühlte, schrie ich auf nach Trost. Ich warf die Arme um den Nacken meiner Mutter und stammelte wirre, unzusammenhängende, bejahende Worte. Meine liebe Mutter, Du mußt mir schon verzeihen, wenn ich hier eine Pietätlosigkeit begehe. Ich spreche zu meinem Manne, der die Wahrheit von mir gefordert hat. Meine Mutter schalt. Sie war gekränkt, daß ich mich verliebt" hatte, ohne ihre Zustimmung einzuholen, daß ich so müßigen und fruchtlosen Gedanken hatte nachhängen können, die doch nie ein Ziel gefunden hätten. Diegute Partie"...! Und sie schalt, weil ich kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte! O, diese Nacht, mein Liebling! Ich glaube. Du, wenn ich ein Kind hätte, ich würde mich bemühen, seine Seelenregungcn zu verstehen. Ich würde nicht mit rauher Hand junge Heckenrosenranken als Unkraut aus- jäten wollen aus seinem Herzen. Meine arme, liebe Mutter. Heute liegt mein Leben in einem anderen Lichte vor mir als im Dänunerdunkel jener Nacht. Ich sehe jetzt, und ich weiß, daß s i e keine Schuld getragen hat an der Lieblosigkeit jener Stunde. Ihre Zeit war es, die sie geprägt. Am anderen Morgen stand ich sehr ruhig auf. Ich hatte einen großen Tag. Die Schule meines Heimatstädtchens besaß erst von der dritten Klasse an einegehobene Töchterschule". Bis zur dritten Klasse waren die höheren Töchter genötigt, mit der Plebs gemeinsam ihre Weisheit einzusaugen. Das war bitter. Mehr als das: unerträglich. So hatte sich denn eine junge Dame gefunden, welche die jüngstenhöheren Töchter" ihrem Stande gemäß, abgeschlossen vom Volke, zu unterrichten und für die gehobene Schule vor- zubereiten bemüht war. Und diese junge Dame hatte sich eine unglaubliche Pslichtvergessenheit zuschulden kommen lassen. Sie hat sich mit einem Petersburger Juden verlobt, und was das allerwahnwitzigste war, sie heiratete ihn! Zwar hat sich diese Ruchlosigkeit später bitter gerächt. Der Petersburger Jude geriet in 5lonkurs und wurde Literat... na ja, und die arme junge Frau... Sechs Kinder, im Rollstuhl, und der Mann Literat! Er hat sich freilich taufen lassen müssen während der