Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 245.

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Ich bekenne.

Mittwoch, den 14. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Clara Müller- Jahnke . Als am Spätnachmittag Franz Leonhard die Kontor räume betrat, um seine Angestellten zu begrüßen, ging das Geschäftsuhrwerk schon wieder seinen alten Gang. Der zweite Chef zeigte sich als ein sehr liebenswürdiger Mensch, wenn auch von dem sonnenhaften Wesen seines Bruders nicht viel an ihm zu verspüren war. Er verstand es, huldvoll zu lächeln, und sein Händedruck war warm und sympathisch. All diese Vor­züge aber vermochten mein Vorurteil gegen ihn nicht zu zer­stören. Als er an mein Bureau trat und mir mit einem freundlichen Grußwort die Hand entgegenstreďte, lief's mir wie ein Schauer den Rücken hinab, und ich zog die Hand so eilig zurück, als habe sie aus Versehen die glatte Haut einer Schlange berührt.

Da ging ein leichtes Lachen um die Mundwinkel des Gewaltigen, und in seinen tiefen, schwarzen Augen blitte ein grünlicher Funke auf. Kleines Fräulein," sagte er leichthin, ,, Sie werden Ihre Sache gut machen. Ich weiß es. Na und im Interesse für das Geschäft wollen wir allzeit gute Kameraden sein!"

za, Herr Leonhard," erwiderte ich so kühl, wie es die ganze innerliche Entrüstung meiner sechzehn Jahre erlaubte, ,, ich werde mich ehrlich bemühen, allzeit für das Geschäft inter­essiert und tätig zu sein."

Wieder das fatale, halb gutmütige, halb spöttische Lachen, das mich zur Wut reizte. Ich ballte in den Falten meines Kleides die Hand zur Faust. Als ich aufsah, lachten mich von dem Stehpult her zwei lustige, blaue Augen an; und, an die Barriere gelehnt, unterhielten sich die beiden Chefs über die neuesten Erfindungen unseres Musterzeichners.

Am Abend schrieb ich an Lotte. Ich schilderte ihr mein erstes Zusammentreffen mit Leonhard und beschrieb ihr die Frau. Sie sollte es wissen, daß dieser Mann sie um elendes Gold verraten hatte. Um Liebe gewiß und wahrhaftig nicht! Wer Lotte gekannt hatte mit dem blühend feinen Gefichtchen, Lotte mit den wunderbaren, klugen Augen, und diese Frau dann sah, der wußte Bescheid. Ich wollte sie trösten und ihren Stolz aufstacheln. Und diese Bemühungen ließen von all' den in mir tosenden Empfindungen mich die eine klar erkennen: wenn mich je ein Mann verriete, sei's um Gold, sei es um Liebe, sei's aus Feigheit, ich würde ihm keine Träne nach

weinen!

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Am Sonnabend pünktlich erstattete mir Julius Leonhard die sehnsüchtig erwarteten fünfzig Mark zurüd, so daß, als ich am Nachmittag Herrn Herrig über die kleine Stasse Rechnung legte, alles auf Heller und Pfennig stimmte. Von diesem Zeit­punkt ab trat ein fameradschaftliches Verhältnis zwischen Julius und mir in seine Rechte, das freilich oft genug erneute Attacken auf meine kleine Kasse zur Folge hatte.

Ob ich Unrect tat, ihm zu geben? Ach, Herze, ich weiß es nicht! Vom rechtlichen Standpunkte aus gewiß. Aber ich half dem tollen Jungen aus peinlichen Verlegenheiten und be­wahrte ihn durch Gewährung von kleinen Summen, die ich im Notfalle jederzeit aus meinem Gehalt hätte ersetzen können, vor der Gefahr, in Wuchererhände zu fallen, vielleicht auch noch bor Schlimmerem. Bodenlos leichtsinnig war der Bengel! Der Chef half ihm wohl oft mit größeren Summen aus; gerade darum aber schämte sich der junge Mensch dieser immer wieder­fehrenden kleineren Verlegenheiten dem reichen Bruder gegen

über.

1904

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Hand noch nicht berührt. Ich dürstete danach, mein Herz aus­zugeben, um denen zu helfen, die zu trösten, die meine Schwestern und Brüder waren und im Elend meinten, ich dürstete nach etwas ungekanntem, sehr Hohem und sehr Schönem, von dem ich keine Vorstellung hatte. Und ich begann, die Fesseln, die meine Seele einschnürten, und die dicken Kontobücher, die meine Gedankenwelt ersticken wollten, aus glühendem Herzen zu haffen. Wenn ich abends nach Hause fam, war ich so müde, daß ich kein Buch, teine Zeitschrift mehr anrühren mochte. Auch die Vergnügungen meiner Kameraden lockten mich nicht. Schon aus finanziellen Gründen hätte ich sie mir verweigern müssen. So legte sich allmählich ein dumpfer Bann auf mein Haupt, und nur die lechzende Sehn­sucht nach Freiheit war es, die mich lebendig erhielt. Aus jener Zeit kein Zied

Und die Tage gingen, die Tage kamen.

Als die Junisonne in den blühenden Tiergarten hinab­lachte und auf dem grauen Hofe vor meinem Kontorfenster der Sommerwind den Staub in Wirbeln trieb, da war mir's oft 3u Mute, als müsse ein schweres Fieber über mich kommen, um mein Blut, das so träge und blaß durch meine Adern schlich, zu frischem Leben zu erwecken. Und eine wahre Gier nach diesem Fieber pacte mich

Und die Nächte so heiß, so heiß! Im Bett konnte ich's nicht aushalten, die Federdecke erstickte mich. Dann sprang ich hinaus und legte mich ins Fenster, das ich zum Entsetzen meiner Stubengenossinnen stets öffnete, sobald sie eingeschlafen waren. Es waren zwei fremde Mädels, Du. Anna Nicolai mar glänzend durchs Examen gefallen und Mary Deife war in einem Tapisseriegeschäft in Stellung, wo sie gleichzeitig Pension hatte. hatte. Um die neuen Genossinnen fümmerte ich mich wenig. Tagsüber sahen wir uns nicht, und des Nachts schliefen sie. Und ich lag im Fenster und sah in den Mond. Ueber meinem Haupte wölbte sich der helle Himmel, der Himmel, der nicht dunkel wird in der Juninacht. Die Sterne waren wie fleine, flimmernde Punkte nur, fie strahlten nicht, und tief unten im Westen lag ein rotgoldener Schimmer, ein Schimmer bom ewigen Tag.

Die hellen Nächte!

Auch sie haben mir keine Kühlung gegeben.

Heiß, heiß, heiß schrie mein Blut

Dazu kam, daß Franz Leonhards Freundlichkeit be­ängstigend wurde. Sie ging so weit, daß er, der mich scharf beobachtet haben mußte, eines Sonnabend abends, ehe die Lohnauszahlung begann, dicht an mein Pult herantrat und mir einige Goldstücke hinschob mit der kurzen Bemerkung: Es sind viele bedürftige Frauen unter meinen Arbeiterinnen, Fräulein Wilma. Ich lege die Hülfe in Ihre Hand."

Ein Schwindel drohte mich zu packen. Fest krampften meine Finger sich um das blinkende Gold. Ehe aber meine Blicke wieder flar wurden, hatte Franz Leonhard die Kontor­türe schon hinter sich geschlossen.

Dieser Sonnabend abend, Liebling! Die Männer lohnte ich ab wie immer. Ich hatte das Recht nicht empfangen, auch ihnen mitzuteilen. Stoglin war längst entlassen wegen unheil­barer Trunksucht. Was aus ihm geworden, in welchem Winkel er verkommen ist, davon habe ich nie gehört. Aber den Frauen durfte ich geben. Jenes arme Weib, dessen noterpreẞte Bitte mir einst Herrn Herrigs erste Rüge zugezogen, trat nach ihrem Wochenbett zum ersten Male wieder an die Barriere. Sie tat den Mund mir gegenüber nicht mehr auf, aber das blasse, hohläugige Gesicht, der zusammengefallene Körper redeten eine sehr deutliche Sprache, und ich schob ihr, unter den Talerstücken verborgen, eine blinkende Doppelkrone. zu. Bitternd strichen ihre schmalen Finger über das Geld. Blöblich öffneten sich ihre Augen weit, wurden glänzend und starr.

Die größte Qual waren mir die Sonnabend- Abende. Der anfängliche Widerwillen in meiner Seele gegen die graue, Stumpfe Masse, aus der sich keine lebendige Individualität her aushob, verwandelte sich in ein tiefes, flutendes, egoistisches Ich beobachtete sie gespannt und sah deutlich, wie ein Mitleid. Denn je öfter ich dort an der Barriere stand und je Würgen in ihre Kehle kam, und während der Dauer eines öfter das Geld unter meinen Fingern in kleine Münze zer- Augenblickes eine stumme, furchtbare Qual in ihren Gefichts­schmolz, die kaum für den Lebensunterhalt des Einzelnen auszügen fich ausbrägte. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, reichte, desto lebhafter fühlte ich mich dieser Herde des Elends fie schob das Goldstück zurück und sagte mit tonloser Stimme: berwandt. So gierig, wie ihr Leib nach Brot und Labung, ,, Sie haben sich verzählt, Fräulein."

so hungrig wurde meine Seele nach geistiger Speise, nach Wachstum und Frische, so durstig wurde mein Herz nach Genuß. Den Becher mit dem roten Trank zwar hatte meine

Ich wollte rasch erwidern; da aber sah ich, wie andere Gesichter sich mit dem Ausdruck von Neugier, Habsucht und Schadenfreude über die Schultern der Wermsten beugten, und