Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 250.

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Ich bekenne.

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Mittwoch, den 21. Dezember. dail

( Nachdruck verboten.)

Roman von Clara Müller- Jahnke . Als ich aufsah von seiner Brust, lag ein eigentümliches, halb bitteres, halb triumphierendes Lächeln um seinen Mund. Ein Lächeln, das mir troß meiner seelischen Unfreiheit zu denken gab.

Vincenti, hast Du mich lieb?" Seine dunklen Augen flackerten. Närrin! Du weißt es. Aber Du weißt auch, daß ich Dich nicht lieb behalten werde, wenn Du nicht ganz mein bist, mit Leib und Seele."

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Meine Mutter Vincenti!"

Deine Mutter wirst Du noch inniger lieben, wenn Du fie im wahren Glauben umfaßt. Der Glaube verlangt Opfer, Geliebte. Und ein gottgefälligeres Opfer fannst Du nicht bringen, als das, was Dir auf Erden das Liebste ist. Dent' an Abraham!"

Eine rasende Furcht überfiel mich. Fester preßte ich mich in die Arme des Mannes. Vincenti, ich habe gelogen in einem fort."

Wenn Du ernsthaft bereust, wird Dir die Lüge vergeben werden um Deines Opfers willen, so wie auch meine Sünde mir vergeben sein wird um Deiner Seele willen.

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1904

und wurde mit der Zeit ordentlich stolz auf diese unheimliche Kraft in mir, die mich mit schmerzverzerrtem Munde über die heitersten Dinge plaudern und mit tanzenden Füßen über glühendes Eisen schreiten ließ.

Die Zukunft stand vor mir wie eine hohe, schwarze Wand." Was drüben lag: ob blühendes Land, ob schlangenbewohnte Abgründe oder ewige Nacht, ich mochte über diese schwarze Wand hinaus nicht denken.

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Als ich eines morgens an meinem Pult stand und einen politischen Artikel herunterschrieb, überfiel mich die erste Ohn­macht. Ich klammerte mich mit beiden Händen an die harten Santen des Holzes fest; in meinen Ohren brandete ein Meer. Mein Chef sah sehr erstaunt von seinem Schreibtisch auf.

Ich stammelte einige unzusammenhängende Worte, sinnlos und wirr. Und als der Schauder vorüber war, hab' ich meine Arbeit ruhig zu Ende geführt. Von jenem Augenblicke an wußte ich das Furchtbare. Aber ich glaubte es noch nicht.

Ich wollte es nicht glauben. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich gegen das grausame Gespenst, das mir das Blut aus den Adern zu trinken drohte, das mir näher und immer näher fam.

Die Schande!

O: die allein, die allein hätte ich gern getragen. Aber die Not, die neben ihr herging, hohläugig und grinsend... die Not und der Mord­

Denn ich wußte, daß meine Mutter das nicht ertragen würde von ihrem letzten Rinde. Ich wußte, daß eine solche Stunde die in den engsten gesellschaftlichen Begriffen alt­gewordene Frau töten mußte. Und ich hatte nicht den Mut, diefen Schlag zu führen.

Hatte er diese Worte gesprochen, hatte ich sie nur gefühlt? Ich weiß es nicht, Herze. Ich weiß nur, daß ich seine Stüsse duldete; weiß nur, daß der Mond in's Zimmer sah und felt­fam flackernde Schattenbilder an die weißgetünchte Zimmer­decke warf, weiß nur, daß die Wogen über mich hinweggingen, So log ich denn, wie ich seit Jahresfrist gelogen hatte, heiße, dunkle Fluten, in denen mir Sinne und Bewußtsein erloschen sind.

Und daß ich keine Wonne fühlte und fein Glück. Nur die Todesschauer des Ertrinkenden.

the Wie in jener vollmondlichten Winternacht.

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Der einzige Unterschied zwischen damals und heut: daß ich diesmal in mir war, nicht außer mir! Und daß ich diesmal nicht lachte, als er gegangen war. Daß ich vor dem Sofa ein rotgeblümtes Ripssofa mit fadenscheinigen Stellen, ich fönnte es zeichnen, Du! in die Kniee gestürzt war und mein tränenüberströmtes Gesicht in den Polstern verbarg. Daß ich betete- zu Gott, zu der heiligen Jungfrau, zu unbekannten Mächten? Was weiß ich denn?-Zu Dir habe ich gerufen, Du Unbekannter, Du Ferner, Du, der von Anbeginn bestimmt für diese Stunde war und den sein Schicksal durch Sturm und Nöte, durch grenzenlose Weiten geschleppt hat an jenem brennenden Tag.

Das war das Entsetzlichste in jenen Tagen, daß ich mir selbst verloren und verfallen erschien. Wenn ich nur einen Funken Glauben an mich gehabt hätte, so würde wohl auch Kraft und Mut in mir gewachsen sein.

Und dennoch, Du: Kraft hab' ich eine übermenschliche gehabt, wenn auch nur eine passive Kraft und nicht die Kraft zum Guten.

Was gut, was böse ist? Damals hab' ich viel über die uralte Menschheitsfrage nachgedacht. Ich trotte und log und schleppte mich mit heiterem Lächeln von Stunde zu Stunde... Es war mir gelungen, wieder eine Stellung in einem Redaktionsbureau zu erlangen für ein Honorar, für das ich mir kaum meine Kleider kaufen konnte. Als ich einen schüchternen Versuch machte, fünf Mark monatlich mehr her­auszuschlagen, versicherte mich mein Chef allen Ernstes, die Frau sei anspruchslos von Natur und sie müsse aus pädago­gischen Gründen in dieser Anspruchslosigkeit erhalten bleiben. Mein Chef war ein hochfreisinniger Mann, der mit allen Neuerungen Schritt hielt und bei der Vierkanne Junker' und Sozialdemokraten als rückständig oder wahnwißig herunterriß. Er war dabei ein gutmütiger Mensch und konnte feiner Fliege ein Leid antun Ich werde sein Andenken in Ehren halten. Meine fünfzig Mark Monatsgehalt mußten also für die Ansprüche meiner Mutter und meine eigenen genügen. Sie mußten. Ich stand vom frühen Morgen an vor meinem Pult und schrieb und schrieb: Seite um Seite, Bogen um Bogen.

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nur schlauer, bedachter, raffinierter noch. Ich wurde langsam frank, ohne deswegen meine Stellung aufgeben zu können. Die mußte ich halten um des lieben Lebens willen bis zum letzten Augenblick. Tief gebückt über den breiten, bücherbedeckten Tisch

faß ich sechs Stunden lang täglich und schrieb, schrieb, schrieb. Und nachts auf meinem zerwühlten Bette: nicht eine Stunde ununterbrochenen Schlafes! Liebling, diese Nächte! O Ich glaube nicht, daß ich ein vollkommen klares Bewußtsein meiner Lage hatte. Es war wie ein schwerer Fieberzustand. Das überangestrengte Gehirn vermochte nicht mehr, die Wirk­lichkeit von Traum und Delirium zu trennen. So verrann mir alles in einem grauen, schattenhaften Gewog. Und nur die Wand, die schwarze hohe Wand, die zwischen mir und der Welt stand, war der einzige Gegenstand, den meine brennenden Augen mit schaudervoller Deutlichkeit erkannten.

Dann schrieb ich ihm. Einen schweren, angstvollen Brief. Einen Schrei um Errettung, aber ohne Hoffnung auf Hülfe, Ich hatte keine Liebe zu ihm, feinen Glauben und kein Ver­frauen. Die Antwort, die sofort tam, entsprach dem Tief­stande meiner Erwartungen vollkommen, ja, sie unterbot ihn noch.

Vincenti war feige. Feig' wie ein geprügelter Hund. Er stand soeben im Begriff, sich mit seinem Bischof zu versöhnen. Er sollte wieder seinen Erlöser verkünden, sollte den reuigen Sündern ihre Sünden vergeben dürfen. Und er hätte es wohl gern gesehen, wenn die Wiedereinseßung in sein geistliches Amt mit meinem feierlichen Uebertritt in seine Kirche zusammengefallen wäre.

Dann hätte ich Pfarrersköchin werden können und Ritaneiendichterin.

Und nun steckte ihm ein einziger, unvorhergesehener Blitz­strahl alle seine Schlösser in Brand.

,, Liebe Wilma ! Dein Brief hat mich sehr erschreckt. Das fann ja gar nicht möglich sein. Wir wollen fleißig zur gnaden­reichen Muttergottes beten und wollen hoffen, daß Du Dich getäuscht hast. Wenn es aber doch wahr sein sollte, so mußt Du die Strafe des Himmels in Demut auf Dich nehmen. Der Herr züchtigt, den er liebt. Die Strafe soll, wie alle Dinge, die Dir geschehen, nur zu Deinem Besten dienen. Trage Sorge, daß niemand das Nähere erfährt. Wenn es wirklich zum Aeußersten kommt, so werde ich Dir helfend zur Seite stehen, obgleich mir das nach diesem langen, demütigenden Jahre sehr schwer fallen würde. Den einen Punkt aber mußt Du immer im Auge behalten: daß es eine Strafe ist, die mit Neue und Opferwilligkeit getragen werden soll, und daß, um des guten