Nnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 254. Mittwoch, den 28. Dezember. 1904 (Nachdruck verboten.) 20t Ich bekenne. Roman von Clara Müller-Jahnke . Ueber die Stunden, die mm folgten: zwanzig Stunden eines Martyriums, das sich zu zwanzig Ewigkeiten voll un- erhörter Qualanstrengungen ausdehnte, last mein Herz einen Schleier breiten! Und mein Gedächtnis auch. Das ist die unendliche Barmherzigkeit der Natur und ihre grausamste List: dast sie genossene Freude in der Erinnerung ins Un- ermessene wachsen macht, während sie die Erinnerung an er- duldete Schmerzen so schnell verwischt. Wenn die Vorstellung der erlitteneu Qualen in der Stärke der Empfindung uns er- halten bliebe, so würde kein irdisches Weib, weder durch inneren Trieb noch durch irgend eine äußere Macht, zu bewegen sein, zum anderen Male ein Kind zu empfangen. Und weil sich die deutliche Vorstellung der Schmerzen, die ich erdulden mußte, so rasch in mir verwischt hat, deshalb wünsche ich heut mit allen Kräften meiner Seele, mit allen Fibern meines Leibes: ein Kind von Dir von Dir! Ach! wie mich heute dies Verlangen peinigt in der Er- innerung an genossenes Glück! Denn ein Glück ist es doch gewesen, ein Glück ohne Masten nach Stunden der Qual und Kraft, nach Einsehung des eigenen Lebens: das Triumphgefühl der Siegerin! Mein Auge war klar und mein Ohr geschärft, als ich den ersten Laut meines Ltindes vernahm. Ein Mädel," sagte Elfricdens Stimme. Die Wärterin, die am Kopfende meines Lagers das dampfende Wasser in die Wanne goß, murmelte einige Worte, die ich nicht verstand. Dann trat eine Pause so voll köstlicher, fast abgestorbener Ruhe ein, wie ich das nur ein einzig Mal in meinem Leben empfunden hatte: in den Krisisswilden meiner Typhus- krankheit. Als sie mir das Kind zeigten, das kleine, rote Gesichtchen mit dem platten Näschen, den ganzen Kopf voll schwarzer, krauser Haare, in Linnen und Betten eingehüllt, ging ein Gefühl grenzenloser Enttäuschung durch meine Seele. Ich hatte etwas Großes, ein Ueberwältigendes erwartet, eine Empfindung, vor der mein ganzes bisheriges Leben in Staub zerfallen sollte. Und als ich das Kindchen mit den Händen berühren durfte, empfand ich nichts, nichts... nichts... Oder doch: ein Gefühl der Abneigung. Das war Vincentis Kind! Vincentis Kind losgelöst von mir und meinem Empfinden, meinem Sinn entrückt. Mochte er sein Kind denn nehmen: ich hatte mein Teil daran reichlich abgetragen. Wenn sie mich nur in Ruhe ließen... Ich wollte mich zur Seite wenden, aber die Kräfte ver- sagten mir. Elfriede Günther beugte sich über mich und rückte mir die Kissen zurecht... Sie dürfen sich nicht rühren. Wilma," sagte ste mit leiser Stimme, aber in sehr bestimmtem Tone zu mir.Sie dürfen sich mindestens achtundvierzig Stunden lang nicht rühren. Sie haben sonst eine Blutung zu befürchten." Ein Gedanke durchschoß mein Gehirn. Gut! Ich wollte mich achtundvierzig Stunden lang nicht rühren, wollte alles tun, was nötig war, damit ich gesundete. Aber vorerst: Nach- richt geben nach Hause! Darf ich nicht für Sie schreiben?". Nein, nein meine Mutter muß meine eigene Hand- schrift sehen!".... Sie mochte es fühlen, daß sie mir in diesem Augenblicke nicht widersprechen durfte. So schob sie mir einen Briefbogen auf einem Buche unter das Kinn und gab mir einen Bleistift in die zitternde Hand. So schrieb ich, ohne einen Biichstaben zu erkennen. Schrieb mit fliegenden Händen von der Operation, die ich bestanden habe und die glücklich verlaufen sei. Ich log an der Schwelle deS Todes. Die Adresse schrieb Elfriede. Dann trat eine tiefe Erschöpfung ein. Mer kein Schlaf. Ich blieb wachend drei Tage und drei Nächte hindurch, immer wieder emporgerüttelt durch das jämmerliche Schreien des kleinen Wesens, das ich der Welt gegeben hatte. Diese schwachen, erbarmenheischenden Laute während der langen, langen Nächte stahlen sich mir in das Herz... * » Am dritten Tage ließen sie Lydia Nakowicz zu mir. Und noch eine andere Frau, die Vincentis Schwester mitgebracht hatte: eine ansehnliche, saubere Person mit einem gutmütigen Lächeln um die herabhängenden Mundwinkel. Sie wollte das Kind nüt sich nehmen, es pflegen und erziehen gegen ein ge- ringes Entgelt. Lydia ließ ihre ganze Beredsamkeit fluten. Sie war so erregt, daß die polnischen Brocken sich häuften in ihrem Rede- ström und ich kaum die Hälfte von dem verstand, was sie sagte. Nein, Du, ich verstand eigentlich gar nichts, ich empfand nur... empfand klar und deutlich das eine: daß ich mich nicht trennen konnte von meinem Kinde, es nicht in fremde Hände geben durfte um keinen Preis der Welt. Angerufen, plötzlich, mit überwältigender Wucht war das Muttergefllhl da. Die Frau ging, gekränkt und verletzt, wie es mir schien. Sic mochte es gut gemeint haben mit uns beiden. Lydia schlug die Hände zusammen.Aber, Panna! Besser hätten Sie es ja gar nicht finden können! Panna, ich Hab' gebetet für Sie und das süße Kleine. Haben Sie Nachricht gegeben an Vincenti?" Wie ein Blitzstrahl schlug der Name in meine zerrissene Seele. New. ich hatte ihm keine Nachricht gegeben, hatte kaum noch gedacht an ihn-- Soll ich ihm schreiben, Panna? Wie hübsch und an- sehnlich das Kleine ist?" Ich wehrte mit der Hand ob. Ich wollte selber schreiben. Zwischen Vincenti und mir war jetzt ein Band geschliingen, das zu zerreißen ich nicht das Recht besaß. Als Elfriede eintrat, ließ ich mir das Kind reichen. Ich durste mich zum erstenmal ein wenig aufrichten, um das kleine Wesen aufmerksam betrachten zu können. Ja, das waren seine Augen, die Form seiner Nase. Und doch hatte ich dieses Kind lieb! Ich küßte die kleinen, zusammen- geballten Händchen und wischte heimlich die Träne fort, die auf die faltige Stirn des hülflosen Geschöpfchens fiel. Dann schrieb ich ihm. Von meinen Qualen nichts: desto mehr von seinem Kinde. Ich hoffte, sein Gefühl zu rühren, wenn ich mit der Stimme der Natur zu seinem priesterlichen Herzen sprach. Lydia bewunderte das Neugeborene:Panna, Sie können Gott nicht dankbar genug sein. Alles so wohl überstanden und so ein hübsches, wohlgewachsenes Kindchen!" Dann ging sie. Am Nachmittag kam Helena, die mir einige Apfelsinen brachte. Obwohl sie ruhig sprach, und ihre Worte vorsichtig wählte, erfuhr ich doch aus ihren Reden, daß Lydia sofort nach meiner Entfernung aus ihrem Hause, sowie auch am Tage nach der Geburt an ihren Bruder geschrieben hatte. Er wußte also bereits, daß ihm ein Kind geboren war, -- und ich hatte noch keine Zeile von ihm! Trotzdem machte ich mir keine unruhigen Gedanken dar- über: sein Schweigen tat mir nicht einmal weh. Die große Körpcrschwäche unterdrückte alle Regungen meiner Psyche. Sonst hätte ich auch wohl bemerken müssen, wie sorgsam meine Umgebung mit dem kleinen Wesen umging: erst nachträglich ist mir das alles ins Bewußtsein gekommen. Den einzigen starken Eindruck von allen Lauten um mich her machte daS Schreien des Kindes auf mich, das so jämmerlich und anhaltend durch die Stille der Nächte drang. Dann, nach langen, trüben Tagen, teilte mir Elfriede in schonender Form mit, daß das Mädelchen krank sei. Irgend etwas am Rückgrat sei nicht in Ordnung. Sie habe mir daS nicht früher sagen wollen, um mich nicht zu erschrecken. Jetzt aber müsse sie das Kind zum Arzt bringen. Ich war noch nicht fähig, zu erschrecken oder mich zu ängstigen: ja, ich sühlte nicht einmal das Verlangen, mir daS Kindchen genau anzusehen... erst, als sie es mir reichten vor der Fahrt zum Arzt, legte ich es einen Augenblick fest an mei» Herz.