Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 8.
8]
Der Baumeister.
Mittwoch, den 11. Januar.
1905
( Nachdruck verboten.) In zwei Tagen kann ich mich schon im Krankenstuhl niederlassen, und am vierten Tage soll ich im Verbande zu laufen anfangen! So alte Knochen darf man nicht rosten lassen! meinte er. Aber mun bitte," unterbrach er sich, möchtest Du Dich nicht ein wenig mit unserem Gaste beschäftigen?"
Roman von Felir Holländer. ,, Treten Sie nur näher, Sie Wohltäter der Menschheit,"„ Der Herr Baumeister wird einsehen, daß Du mir vorsagte der Kranke. Bitte sehr, Sie sind mein Wohltäter," gehst," entgegnete sie in einem Ton, der halb drollig, halb ernst schnitt er Kepler das Wort ab, der offenbar etwas erwidern flang. Und entschuldigend fügte sie hinzu:„ Sie müssen wissen, wollte. Wenn Sie nicht gestern meiner Tochter begegnet daß wir fast nie in die Lage kommen, Besuche zu empfangen. wären, wer weiß, ob ich dann noch unter den Lebenden wäre! Nur ein paar gute Bekannte lassen sich sehen, vor denen wir Sie müssen wissen, ich hatte schon eine ganze Weile besinnungs- uns nicht zu genieren brauchen. los dagelegen. Nun, es wäre nicht schade um mich gewesen. Aber sehen Sie, die Frauensleute hätten Zeter und Mordio geschrien. Und ganz unter uns ich lebe auch noch gern ein bißchen. Die Leute schimpfen immer so auf das Leben, aber ernstlich davon wollen nur ein paar Sonderlinge!"
Kepler sagte:
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" Ich freue mich, Sie so guter Laune zu treffen. Ein Beinbruch ist schlimm, aber es kann einem schlimmeres zuStoßen."
,, Das habe ich meiner Alten grad' so gesagt. Die Weiber berlieren immer gleich den Kopf. In meinem Alter kriegen die Leute einen Schlaganfall. Ich breche nur ein lumpiges Bein. Im schlimmsten Falle werde ich humpeln. Man kommt auch humpelnd durch die Welt," schloß er lachend.
Keßler fühlte etwas wie Neid. Dieser Mensch in seiner Gelassenheit und seinem Humor imponierte ihm. Dennoch hörte er nur mit halbem Ohre zu. Seine Gedanken zogen ihn zu Grete Anders.. Wo steckte sie nur?...
Ihm selbst befremdete sein Zustand. Was für ein Interesse hatte er an diesem wildfremden Wesen, er, der niemals sich um die Frauen gefümmert hatte?!
Schließlich konnte er die Frage nicht unterdrücken, ob das Fräulein nicht zu Hause wäre?
Wo denken Sie hin?" erwiderte Frau Anders.„ Sie hat sich ohnehin heute verspätet. Sie ist nicht eher ins Geschäft gegangen, bis der Verband angelegt war."
"
Ah, das Fräulein betätigt sich?" sagte Reßler.
" Das will ich meinen! Von früh bis abends," gab Herr Anders zurück.„ Man kann auch im Blumenwinden eine Künstlerin sein," sezte er hinzu.
,, Aber Papa!" sagte vorwurfsvoll die alte Frau.
"
Papperlapapp! Sie soll ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Dabei hat Ihnen das Mädel ein Gehör- phänomenal! Ein Jammer, daß die Stimme nicht größer ist. Aber Sie müssen Sie singen hören.- glockenrein, sage ich Ihnen. Wundervoll! Etwas für den Kenner! Das Mädel überhaupt..
,, Wie kannst Du nur so reden!" mischte sich Frau Anders in das Gespräch. Was soll der Herr von uns denken? Der Mann wird wie närrisch, wenn auf seine Tochter die Rede tommt," meinte sie erklärend zu Keßler.
Der Herr wird sich überzeugen, daß ich kein Wort zu viel gesagt habe. Und Du, Alte, schilt mich nicht! In diesem Punkt und in manchem anderen ist an mir nichts mehr zu ändern. Im übrigen sie ist in das Mädel genau so verliebt wie ich!"
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Draußen ging der Schlüssel, und alle drei horchten auf. Eine Sekunde später trat Grete Anders auf die Schwelle.
Sie blieb verdugt stehen, und auf ihr Gesicht trat ein Ausdruck maßlosen Erstaunens und eine tiefe Röte.
Keßler wurde verwirrt durch den Blick dieser tiefen, durchdringenden Augen.
,, Das hätten Sie nicht erwartet," sagte er, daß ich selber kommen würde, um meine Schuld einzukassieren?"
,, Nein," erwiderte sie, das hätte ich nicht erwartet!" Dann reichte sie ihm freimütig die Hand und wendete sich sofort dem Kranken zu, und als ob kein Fremder im Zimmer wäre, beugte sie sich tief zu ihm hinab.
Reßler sagte:" Ich wünschte, Sie täten es auch vor mir
nicht."
Da warf sie den Kopf ein wenig zurück und blickte ihn mit so stolzer Zurückhaltung an, daß ein großes Gefühl der Beschämung sich seiner bemächtigte.
Es trat eine peinliche Stille ein, die dadurch bald wich, daß Frau Anders mit einer halbvollen Flasche Wein und mehreren Gläsern ins Zimmer trat.
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,, Bitte sehr, Herr Baumeister," sagte sie und reichte ihm eine Glas, während das andere der Patient erhielt. „ Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Anders!"
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„ Und ich auf das meiner Tochter und meiner Frau!" Sie stießen an, während Grete Anders sich abwendete. ihre weiße, flare Stirn hatten sich Falten gegraben, und Augenbrauen hatte sie zusammengezogen.
" Ich darf mich leider Gottes nicht länger aufhalten," sagte Kepler, der das Peinliche der Situation empfand und wohl herausgemerkt hatte, daß sein Besuch gegen das Gefühl dieses Mädchens war.
,, Machen Sie doch nicht so ein böses Gesicht!" sagte er, als er ihr zum Abschied die Hand gab.
Sie gab keine Antwort und begleitete ihn zur Tür, während der Musiker und seine Frau ihn freundlich aufforderten, seinen Besuch zu wiederholen.
Draußen im Entree nahm er ihre Hand, die sie ihm mit den Worten entzog: „ Lassen Sie das! Und hier ist auch das ausgelegte Geld zurück," fügte sie kurz hinzu.
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Wenn Sie mich mit so bösen Augen ansehen, muß ich es meinen armen Kutscher entgelten lassen," sagte er hastig.
,, Sie haben es nicht besser verdient," entgegnete sie unmutig. Verzeihen Sie, aber Ihr Besuch wirkt auf mich wie ein Ueberfall."
Er biß sich auf die Lippe. Dieser Ton verdroß ihn. Als er aber sah, daß der Zorn ihrem Gesicht neue Reize verliehen hatte, stieg ein heißes Gefühl in ihm auf.
Ich hatte den Wunsch, Sie wiederzusehen," sagte er. Ist das wirklich ein so großes Vergehen?" Um ihren Mund zuckte es.
,, Sie haben mich verstanden. Ich möchte darüber kein Wort mehr verlieren."
,, Und darf ich nicht wiederkommen?"
"
"
Nein!" antwortete sie furz und kalt.
Er verbeugte sich mit der Haltung eines Offiziers steif und förmlich und verließ sie.
Sie blieb nachdenklich eine kleine Weile stehen, dann strich fie sich das Haar aus der Stirn zurück und trat wieder in das Krankenzimmer. Sie setzte sich auf den Bettrand und starrte still vor sich hin, während der Musiker beständig ihre Rechte streichelte.
Aber Kind, was ist Dir denn in die Krone gefahren?" fragte der Alte. Wer uns beide sieht, muß Dich für den Patienten halten!"
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Sie lachte leicht auf. ,, Du hast recht, Vater," sagte sie. Aber soll man denn nicht verstimmt sein, wenn jemand, der einem einen kleinen Dienst geleistet, sofort die Quittung berlangt?"
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Mädel, sei doch nicht so mißtrauisch, es kann sich doch Nun sage mir, Väterchen, hast Du noch Schmerzen? auch anders verhalten. Der Mann hört, daß ein großer UnWie geht es Dir? Ich habe es vor Sorge nicht ausgehaltenfall mir zugestoßen ist, denkt vielleicht, daß wir uns in einer ich mußte zu Dir!" Notlage befinden, und kommt in menschenfreundlichen Gedanken hier herauf."
Der Musiker nahm ihren Kopf zwischen beide Hände. ,, Solange diese Augen hell und klar sind," antwortete er, geht es mir vortrefflich. Ein Beinbruch. Davon so viel Wesens zu machen! Und weißt Du, was der Doktor gesagt hat?
,, Vater, Du bist ein großes Kind," entgegnete sie leise. Ja, ein großes Kind bist Du, und aus Deinem lieben Herzen, das teine krummen Wege kennt, beurteilst Du die anderen.