Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 17.

17]

Dienstag, den 24. Januar.

1905

" Ich kenne den Fall ja nur aus der Schilderung des ( Nachdrud verboten.) Herrn Baumeisters. Würden Sie mir persönlich Einsicht ge­statten?"

Der Baumeister.

Roman von Felix Holländer . Sie erinnern sich," wandte sich Keßler wieder an Steinert, ,, daß ich Ihnen von der Sache erzählt habe."

Dieser nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, was Keßler meinte.

" Ja, sehen Sie, mein lieber Herr Freitag, die Sache ist außerordentlich schwierig und muß sehr delikat angefaßt werden. Das sagt auch Herr Steinert, der in Geschäften sehr ver­fiert ist."

Steinert horchte auf. Keßler imponierte ihm immer mehr. Er wußte gar nicht, um was es sich handelte, und der Mann da tat, als ob er in alles eingeweiht sei.

Herr Freitag faute nervös an seinem Bart. " Das weiß ich ja," sagte er leise, darum habe ich ja gerade Sie gebeten."

"

" Ich bin aber so furchtbar mit Geschäften überhäuft." Das heißt mit anderen Worten- Sie wollen sich meiner Sache nicht annehmen Sie wollen mich im Stiche lassen?"

Herr Freitag erhob sich. Steinert mischte sich ins Gespräch. " Sie müssen das nicht so wörtlich auffassen," bemerkte er. Sie müssen bedenken," fügte er wichtig hinzu, daß Herr Baumeister soeben ein Terrain für achthunderttausend Mark gekauft hat, um ein Theater zu errichten... Bitte, überzeugen Sie sich selbst- hier sind die Verträge."

" Das glaube ich ohne weiteres," entgegnete Freitag. In meiner Sache stehen doch aber Millionen auf dem Spiele." Er nahm ganz unvermittelt Keßlers Hand.

-

Ich weiß nicht, wieso aber ich habe mir nun einmal fest eingebildet, daß Sie der einzige Mensch sind, der mein Geld retten könnte. Bitte, enttäuschen Sie mich nicht, mein Herr."

Steinert wurde ganz verwirrt von dem, was er hörte. Was hatte es mit diesem Herrn Freitag für eine Bewandtnis? War das ein Geistesgestörter, den der Baumeister nicht ernst nahm, oder kämpfte dieser Mann in der Tat um ein Ver­mögen? Er war in seinem Optimismus und in seiner Herzens­angst geneigt, daß lettere anzunehmen. Er blickte gespannt in die hervorquellenden, wasserhellen Augen Freitags, als wollte er in ihnen lesen. Am Ende waren aus diesem sonderbaren Kunden die fünftausend Mark herauszuschlagen, die man so dringend brauchte. Hier stand vielleicht der Retter in der Not und der naive Keßler ahnte es nicht einmal. Der Baumeister war überhaupt in seinen Augen ein großes Kind, der- eigensinnig und versessen auf seine künstlerischen Pläne, das Nächstliegende nicht erkennt.

-

Mit einer Frechheit, über die er sich selbst wunderte, warf er scheinbar unabsichtlich die Bemerkung hin:

" Ich bin allerdings der Ansicht, daß der Herr Baumeister der einzige Vertreter für Ihre Sache ist, die ich übrigens feineswegs für verloren halte."

-

Sehen Sie sehen Sie!" fagte Freitag triumphierend, und seine Augen glänzten, als ob er den Prozeß bereits ge­wonnen hätte.

"

Wenn wir nur nicht gerade jetzt mit unserem Baugeschäft in Anspruch genommen wären," nahm Steinert den Faden wieder auf. Und erklärend fügte er hinzu: ch bin nämlich der Generalbevollmächtigte und Vertreter des Herrn Bau­meisters."

Herr Freitag verbeugte sich sehr tief. Die in pompösem Ton gemachte Mitteilung hatte auf ihn außerordentlich stark gewirkt.

" So, so," murmelte er kaum hörbar. Da muß man sich ja an Sie halten."

,, Allerdings," entgegnete Steinert.

Seßler war über diese Unverschämtheit empört. Einen Moment beabsichtigte er, der ganzen Komödie ein Ende zu machen und diesen armen Narren aufzuklären. Aber Steinert, der Furcht hatte, daß seine Pläne durchkreuzt werden könnten, Ließ ihn nicht zu Worte kommen.

Darf ich mir eine Frage erlauben?" sagte er verbindlich. Herr Freitag niďte,

Wenn es Sie interessiert, sofort. Darf ich Sie bitten, mir einen Augenblick in mein Zimmer zu folgen? Sie wissen ia wohl, daß ich der Zimmernachbar des Herrn Bau­meisters bin?"

,, Gewiß, das weiß ich," log Steinert.

Keßler war an das Fenster getreten und Klopfte im Taft an die Scheiben. Er tat, als ob ihm das Gespräch nichts an­ging. Er schien es auch zu überhören, daß Freitag und Steinert das Zimmer verließen. Er erinnerte sich plötzlich an jene nächtliche Unterredung, die er mit seinem Zimmernachbar ge­habt hatte, und an die verwegenen Hintergedanken, die da­mals in ihm aufgetaucht, aber sofort wieder zum Schweigen gebracht worden waren. Alles kam ihm in dieser Stunde so seltsam und verwickelt. vor, daß er sich in diesen Wirrnissen kaum noch zurechtzufinden vermochte. Was konnte er tun. Er war es ja gar nicht, der die Fäden in der Hand hielt. Gr ichob nicht, sondern wurde geschoben. Sein Schicksal rollte auf unsichtbaren Schienen und er war ein willenloser Zu­schauer. Dunkel hatte er damals schon geahnt, daß Freitag in der Komödie feines Lebens eine Rolle spielen würde ebenso wie er davon überzeugt war, daß sich die Dinge ohne die Begegnung mit Grete Anders völlig anders gestaltet hätten. .. Und nun war dieser Herr Freitag Steinert geradezu in die Arme gelaufen Steinert, dessen findige Nase jeden Braten roch, Steinert, der so leicht niemanden locker ließ.

-

Reßler begann sich selbst zu beruhigen. Ich bin doch daran ganz unschuldig-dachte er. Ich habe nichts getan, um die beiden zusammenzukuppeln. Es wäre doch töricht von mir, wenn ich mich zwischen sie stellen wollte. Ich lasse die Maschine laufen. Ich werde sie weder in Bewegung seben, noch bremsen. Aber trotz aller dieser Selbstbeschwichtigungen Klopfte sein Herz unruhig. Seine Neugier und Ungeduld wuchs von Minute zu Minute. Was für ein Resultat würde die Unter­redung der beiden haben?

Er trat an die Tür, um zu horchen, er verstand jedoch kein Wort. Die Zeit des Wartens erschien ihm wie eine Ewigkeit. Wer weiß, ob der ihm jetzt nicht den Hals zuschnürt. Und ich stehe dabei und lasse es geschehen.

-

-

Er suchte seine Gedanken abzulenken. Was würde ihm wohl der heutige Abend bescheren? Grete Anders," flüsterte er vor sich hin. Ihr Name flang ihm wie eine reine, schlichte Melodie. Was ist mir eigentlich mehr wert das Theater oder ihre Seele? fragte er sich. Er wußte sich keine Antwort. Aber daß sie nicht mehr von ihm losfam, fühlte er in tiefer Freude. Sie hat mir das Glück gebracht sie allein! der auf seinem Strantenlager Noten friselte er sah die rundliche kleine Frau, deren liebende Blicke an dem schönen Mädchen hingen. Und dann tauchte der Blumenladen vor ihm auf, in den Grete Anders so wunderbar hineinpaßte. Er schrak zusammen.

Er sah die enge Hofwohnung, er sah den alten Mann,

Steinert und Freitag traten wieder ein.

--

Nun," fragte er trop aller Selbstbeherrschung, was haben Sie miteinander vereinbart?"

Wir sind zu einem Resultat gekommen," erwiderte Steinert, und seine Stimme schlug vor Erregung über. Herr Freitag zahlt an Sie fünftausendfünfhundert Mark, die in die dritte Hypothek des Theaters eingetragen werden. Wir dagegen verpflichten uns, seine Sache zu führen und sofort mit den nötigen Recherchen zu beginnen. Obwohl Herrn Frei­tags Beteiligung nur eine fleine ist, rate ich dennoch, sie an. zunehmen.... Ich bin fest überzeugt, daß sein Prozeß ge wonnen werden muß. Es fommt also nur noch auf Sie an, Herr Baumeister, ob Sie Herrn Freitag mit dieser Summe beteiligen wollen."

Keßler war eine kleine Weile sprachlos.

Er blickte auf Herrn Freitag, der in abwartender, be scheidener Haltung dastand, und von ihm auf Steinert. Und wider sein Wollen mußte er das sonderbare Lächeln auf Steinerts Miene erwidern. Und in diesem Lächeln beider lag eine Welt des Verstehens.

Keßler wurde von einer tiefen Scham ergriffen. Er hatte sich unbewußt durch dieses Lächeln an Steinert verraten,