Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 37. Dienstag, den 21. Februar. 1905 (Nachdruck verboten) 37] Der ßaumelfter. Roman von Felix Holländer . Keßler war vor seiner Wohnung angelangt und schloß die Entreetür auf. Was war denn das?.,. Ein freudiger Schreck durchfuhr ihn. Da, im Korridor hingen Grete Anders' Sachen. Mit ein paar raschen Schritten war er in seinem Schlaf- zimmer. „Bist Du noch wach?" fragte er in tiefer Freude. „Ja, ich bin wach!" Sie nahm seine Hand. Trotz der Dunkelheit vermochte er ihre Augen zu sehen, die weit geöffnet waren. Er setzte sich an den Rand des Bettes, beugte sich zu ihr herab und küßte sie stürmisch. Die Finsternis, die ihn umgab, tat ihm wohl. Es war ihm zumute, als ob er viel an ihr gutzumachen hätte. Dann erzählte er ihr von der großen Abfütterung und ganz nebenbei von Doris Frenzel. Es schien ihm jedoch, als ob sie nur zerstreut zuhörte, und auf einmal unterbrach er sich ängstlich und fragte sie, was ihr denn wäre...- So seltsam und verändert käme sie ihm vor. Da nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Arme und flüsterte mit dem ganzen Wohllaut ihrer weichen Stimme: „Ich habe ein Sind von Dir!" Und wie sie ihr Geheimnis gar nicht umschrieb, sondern wie eine große und schöne Wahrheit von sich gab, erschütterte es ihn doppelt. Selbst in dieser Stunde ging von ihr keine Unruhe und keine Angst aus. „Freust Du Dich denn mit mir ein wenig?" fragte sie. Er antwortete: „Ich sehe nur Dich und nichts neben Dir!" „Aber wenn es da sein wird, wirst Du Dich seiner freuen. Nun bist Du doch mit mir verknüpft." „Ja, das bin ich!... Und morgen spreche ich mit den Deinen!..." „Das wirst Du nicht tun," entgegnete sie,„es geht ja nur uns beide an." „Kind, ich begreife Dich nicht— Du bist mir rätselhafter denn je!" „Und doch ist alles so einfach," sagte sie verträumt und zog ihn mit ihren weißen Armen dicht zu sich heran.-., Vierundzwanzig st es Kapitel. Groß und majestätisch stand das Theater da. Der in Sandstein aufgeführte Bau wirkte in seinen strengen, einfachen Linien wie ein Feeupalast. Niemand ging an ihm vorüber, ohne voller Bewunderung das neue Haus zu betrachten, durch das die ganze Straße gehoben war. Dies Werk, es lobte seinen Meister. Die Zeitungen brachten Abbildungen der äußeren Front die Fachblätter beschäftigten sich eingehend nnt dem gleichsam aus der Erde gestampften Kunsttempel, und Keßlers Name war in aller Mund. Er war mit einem Schlage, wie es in Feuilletons hieß, in die vorderste Reihe der Architekten gerückt. Und drinnen schufen emsige Hände an der Vollendung der Biihne, die mit allen Vollkommenheiten der neuesten Technik ausgestattet wurde und an der Innendekoration, die an Glanz und Pracht alles Dagewesene übertreffen sollte. Frenzel war es gelungen, eine größere Bank für die Be- leihung heranzuziehen.' Allerdings hatte der Baumeister die knifflichsten Bedingungen akzeptieren müssen. Frenzel hatte von der Bank unumschränkte Vollmacht erhalten, nach welchem Modus das Geld an Keßler gezahlt werden sollte. So oft nun der Baumeister in Verlegenheit war� mußte er an Grenzet Wechsel geben, die dieser diskontierte. Diese Wechsel wurden vom Empfänger sofort versilbert und waren natürlich jedesmal höher als die Summe, die Keßler empfangen hatte. Dazu kamen noch die Privatdarlehen, zu denen sich die Firma Frenzel u. Maschke verstanden hatte. Keßler hatte sich hinter verschlossenen Türen derartige Paragraphen diktieren lassen, daß Steinert sich die Haare raufte. „Sie werden sehen, Herr Baumeister," jammerte er,„so- bald das Theater fix und fertig ist, werden wir beide ruiniert sein. Vorher waren wir so arm wie Kirchenmäuse, und nach, her werden wir mehr Schulden haben als Haare auf dem Kopf, Von dem Theater, dessen Besitzer Sie sind, wird kein Stein Ihnen gehören!"... Frenzel hatte sich nicht allein damit begnügt, den Geld- agenten zu machen— er hatte auch Keßler die Fabrikanten vor- geschrieben, von denen die Teppiche, Fauteuils, Kronleuchter, elektrischen Anlagen, der ganze Schmuck des Hauses bezogen werden mußte. „Es ist mal im Leben so," hatte er gesagt,„eine Hand wäscht die andere!" Bevor die Bank das Geld bewilligt hatte, mußte Keßler eine Rentabilitätsberechnung ausarbeiten. Als er sie Frenzel brachte, zuckte dieser mitleidig mit den Achseln und gab sie ihm lächelnd zurück. „Daraufhin kriegen wir noch nicht einen Sechser, mein Verehrter! Kommen Sie, wir wollen die Sache gemeinsam deichseln!" „Deichseln" war ein Lieblingsausdruck Frenzeis— er „deichselte" alles. Und ohne mit dem Baumeister viel Umstände zu machen, zog er ihn in sein Privatkontor, das er hinter sich zuschloß. Es verging eine Stunde, ehe die Aufstellung fertig war, in der die tollsten Zahlen figurierten. . Sehen Sie, mein Lieber, das nennt man eine Reuta- bilitätsaufstellung, die sich gewaschen hat. Und nun unter- schreiben Sie schleunigst, damit das Ding abgehen kann!" Keßler stutzte. „Diese Unterschrift," sagte er mit schwerer Zunge,„kann ich mit meinem Gewissen nicht verantworten. Ich soll meinen Namen unter eine Berechnung setzen, die vom ersten bis zum letzten Buchstaben falsch ist! Wie ist das zu rechtfertigen?" „Sehr einfach! Nämlich der Witz ist der, daß ohne der- artig„frisierte" Aufstellungen von zehn Häusern noch nicht neun beliehen werden würden. Glauben Sie denn wirklich, daß die Bank diese Zahlen ernst nimmt?" „Dann sehe ich nicht ein, weshalb ich durchaus zum Fälscher werden soll!" Frenzel knöpfte sich seinen Nock zu. „Um Gottes willen, brauchen Sie nicht immer so große Worte! Die Sache ist deshalb notwendig, weil im Aufsichtsrate einer jeden Bank irgend ein Nörgler und Querulant sitzt, dem man das Maul stopfen muß." Keßler trat der Angstschweiß auf die Stirn. „Wenn ich mich dazu entschließe," sagte er leise und blickte sich scheu im Zimmer um,„so mache ich mich nicht nur nach außen hin einer unehrlichen Handlung schuldig-- ich bin auch vor mir selber unten durch!" „Wenn Sie unter jolchen Skrupeln leiden, mein Lieber, so kann ich Ihnen nicht helfen— dann müssen Sie eben das Theater an Ihre Gläubiger ausliefern-- Wie kann ein moderner Mensch nur so veraltete Anschauungen haben!" „Ich habe bisher mit Geldangelegenheiten wenig zu tun gehabt." „Nu sehen Sie, daran liegt es eben!" Keßler trat an das Fenster und überlegte. . Ist es absolut notwendig?" fragte er,„daß ich unter- schreibe... Könnte es nicht an meiner Stelle Steinert tun, der ja'in allen Dingen mein Geschäftsführer ist und von kaufmännischen Usancen im kleinen Finger mehr versteht als ich?" „Ich bedaure lebhaft! Wer ist für die Bank Herr Steinert? Sie könnten ebensogut sagen X, 3), Z soll statt Ihrer seine Unterschrift geben. Die Bank kam: sich in der Sache nur an den Bauherrn halten, und der sind Sie in diesem Falle, nicht aber an irgend einen entlaufenen Buchhalter—; denn, nehmen Sie mir's nicht übel, weiter ist doch Ihr Steinert nichts!" „Verzeihen Sie— Steinert hat bereits einmal ein Theater geleitet." „Desto schlimmer! Dann ist er also nicht einmal e'm ordentlicher Buchhalter, sondern ein verkrachter Komödiant... Im übrigen, mein Verehrter, geht mich das wirklich nichts a»
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22 (21.2.1905) 37
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