Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 64. Donnerstag, den 30. März. 1903 (Nachdruck verboten.) 7t Eine Pilgerfahrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Dem Frühling folgte der Sommer. In den Freistunden beschäftigte sie sich in dem großen Garten. Ein starker üppiger Gras- und Laubgeruch erfüllte die Lust. Die Obit� bäume strotzten von Blüten. Zuweilen war es dort so still, daß sie vergaß, wo sie war, sie glaubte dieses kleine König - reich allein zu besitzen und schweifte in die Ferne. Ueber ihrem Kopfe flogen die Vögel, die unter dem Dache des großen Hauses nisteten. Das Laub schloß sich hinter ihr und sie setzte sich in's Gras und sah nur Laub und blauen Himmel, hörte nur Vogelstimmen und das ferne Rauschen des Baches. Und die ganze Welt mit den schlimmen ist' innerungen schwand weit hin. Als sie in dieser Weise eines Sonntags abends umher- ging, stand jemand auf der Veranda und beobachtete sie. Es war Flaten, aber sie sah ihn nicht, sie schritt ruhig hin und her, trug ein helles, lose sitzendes Kleid und einen breiten Schutzhut aus dem Kopfe. Potz tausend," dachte er,wahrhastig ein stattliches Weib." Er hatte bemerkt, daß sie in letzter Zeit zusehends wohler und röter aussah. Und unbewußt begann er die Mahlzeiten zu verlängern, weil er in ihrer Gesellschaft besser gelaunt war und sowohl Geschäftssorgen als trübe Erinnerungen vergaß. Jetzt rief er hinunter:Fräulein Asolt!" Sie blickte fast erschreckt aus. Sie hatte ihn noch nicht zurück erwartet und fühlte sich ertappt. Als sie über den Rasenplatz schritt, errötete sie unter dem Schutzhute und lächelte verlegen. Entschuldigen Sie," sagte sie und blieb abwartend am Fuße der Treppe stehen, sich auf eine Harke stützend. Er hatte sie angerufen, ganz auf's Gratewohl, und wußte im Augenblick nicht, was er sagen sollte. Aber wie sie in dieser Stellung stand, sah sie schön aus. Die Hand, die die Harke hielt, war braun und wohl geformt. Der Aermel war zurückgestrichen und entblößte einen runden weißen Arm, von dünnen goldgelben Flaumhaaren bedeckt. Sie hatte die blendende klare Haut, die junge Frauen kurz nach der Niederkunft bekommen und obendrein hatte der Sommer ihr einen Hauch von Sonne und Gesundheit ver- lichen. Die scharfen Züge hatten sich gerundet, das heimliche Leid verlieh dem kräftigem Gesichte einen durchgeistigten Schein. In ihrem hellen, lose sitzenden Kleide stand sie vor den grünen Laubbäumen und senkte die langen dunkeln Augen- Wimpern, während sie abwartend die Schuhspitze in den Sand scharrte. Endlich mußte er etwas sagen.Fräulein Asolt," be- gann er,mir ist bange, daß.Sie sich hier zu Tode lang- weilen. Morgen mache ich einen Ausflug nach Gothenburg , ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollten. Sie könnten sich etwas auslüften. Was meinen Sie dazu?" Sie blickte auf ihre Schuhspitze und überlegte kurz. Dann hob sie die langen Augenwimpern und lächelte:Vielen Dank, ich fahre gern mit Ihnen," sagte sie und errötete un- willkürlich. » Aber als sie ihm durch die Straßen der großen Stadt folgte, packte sie wieder die Angst, einen Bekannten an der nächsten Ecke zu treffen. Sie lachte sich selbst aus, ko/nte die Angst jedoch nicht fortlackzen�Sie verfolgte sie wie ein Schatten. Als sie wieder zurückkehrte, war ihr klar, daß sie während der ganzen Reise nicht fähig gewesen, sich zu amüsieren. Im täglichen Getriebe konnten unversehens lichte Stunden kommen. Aber sie vermochte sich nicht wissentlich, wie andere Menschen, zu erheitern, nein, da kamen die bösen Erinnerungen in die Quere und versperrten ihr den Weg. Und wenn sie bis an's Ende der Welt reist sie würden ihr folgen. Würden ewig und immer folgen. Der Schaukelstuhl stand still. Ja so, Regina. Und doch gehst Du umher und lügst täglich hundertmal, um alles zu verbergen. Würd« es viel schlimmer sein, wenn Du die Maske abrissest?" Aber sie fuhr auf und errötete sofort. Nie! Du mußt es aushalten! Mutter darf diesen Kummer nicht tragen! Und Du selbst? Bist Du nicht genug gedemütigt?" Das Benehmen des Großhändlers wurde immer auf- fälliger. Einige Augenblitze verwirrten sie. Seine Besorgt- heit um sie erschien fast lächerlich. So oft er von seinen Reisen zurückkehrte, erhielt sie Geschenke, als sei sie seine Gatün. Da erwachte ein peinlicher Gedanke in ihr:Gib acht, dies ist eine Einleitung. Eines Tages schleicht er sich an Deine Türe und klopft an. Die Männer gleichen einander. Wer weiß, vielleicht ist alles von Anfang an geplant?" Und ein wildes dumpfes Hohngelächter stieg in ihr auf, mußte jedoch unterdrückt werden, bis sie des Abends allein war. In den Zimmern benahm sie sich, wie früher, wenn sie ihn jedoch anblickte, dachte sie tiefinnerlich:Ja, komme nur! Ich werde Dich am Kopfe fassen und die Treppe hinunter werfen." In einem Zimmer hing ein großes Bild der Frau Flaten, mit Trauerflor umzogen. Der Großhändler stand öfter, als je, davor und starrte hinauf, als wollte er sie deutlich in seiner Erinnerung heraufbeschwören. Ost saß er auf einer Chaiselongue unter dem Bilde und blickte hinauf, als wolle er darunter Schutz suchen und die Versiorbene bitten, ihn nicht loszulassen. Der alte Witwer kämpfte auf seine Weise. VII. Wie lange wirst Du hier bleibe�? Wo wirst Du später hingehen? Kannst Tu nächstes Jahr Deine Mutter wieder- sehen und kannst Du jetzt schon einen bestimmten Tag, eine Woche oder einen Monat herbeisehnen? Nein, Du kannst es nicht. An dem Tage, da Du ihr unbefangen in's Auge sehen kannst, bist Du frech, wie eine Straßendirne. An dem Tage, da Du die Wahrheit sagst und alle Deine Lügen enthüllst, tötest Du sie. Es gibt keinen Mittelweg. Du kannst sie nie wiedersehen. Sie fühlte sich wie zu harter lebenslänglicher Strafe verurteilt. Wann es ihr richtig zum Bewußtfein kam, konnte sie plötzlich) die Teller zu Boden fallen lassen. Was half es, daß man sie hier achtete, wenn niemand in ihre Seele blicken konnte? Lange Abende hindurch stierte sie wie auf ein Rechenbrett und wiederholte stets das gleiche Spiel:Wenn Du damals im Hochland so oder so gehandelt hättest. In dieser Welt muß inan vorsichtig und richtig spielen. Man darf ihn nicht in's Zimmer treten lassen muß den Riegel vorschieben, dies reizt ihn, aber er achtet Dich höher. Manche haben gute glückliche Eltern, gute Erziehung und Brüder, die ihnen zur Ehre gereichen, lind wenn man sich dann in jemand verliebt. so heiratet man ihn, und wenn das Kind kommt, so freut sich alle Welt darüber, und man braucht es nicht für Geld zu verkaufen. Entweder besitzen diese Menschen die Gabe, richtig zu spielen, oder der liebe Gott spielt für sie. Aber einzelne machen einen Fehlzug und das ganze Leben ist verloren verloren verloren, und ewig verloren." Und sie begann ihr Spiel von neuem und strengte sich an, richtig zu spielen. Wenn sie so gehandelt hätte... und so... Die Briefe der Mutter drangen ihr wie ein warmer Hauch zu Herzen. Und weil sie in der Zukunft nichts Lichtes gewahrte, begann sie ihre Zuflucht zu lieben Erinnerungen zu nehmen, beschwor das Bild der Mutter heraus, das kleine Haus auf der Insel, die Seevögcl, das Meer. Wie um der Mutter ein Opfer zu bringen, begann sie wieder ein Abendgebet zu sprechen, sie kam ihr dann so seltsam nahe und glaubte beinahe mit ihr� zu sprechen. Dann be­gann sie in die Kirche zu gehen, hier trat die kindliche Un- schuld noch lebendiger hervor, sie glaubte wieder zwischen Vater und Mutter zu sitzen. Die Kirche war klein und ärm- lich, und die Gemeinde bestand zumeist aus Fabrikarbeitern. Die Leute begannen sich an das junge, schwarz gekleidete Weib