Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 66.
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Sonntag, den. April.
Sonntag, den April. dr thin sim
( Nachdrud verboten.)
Regina frug: Kommt der Arzt nicht?"
1905
Die andere antwortete:„ Wir haben zu ihm geschickt. Aber er kann erst des Abends kommen."
Das Warten erschien ihr endlos. Das Zimmer wurde dunkel. Napoleon vor Moskau wurde zu einem häßlichen Autorisierte Uebersehung von Adele Neustädter. Vogel. Die Zimmerdecke begann zu rollen, daß ihr schwindelte, Lage und Wochen wartete sie in voller Spannung. Aber dann versant sie in glühendheiße Finsternis, sant immer tiefer. der Professor blieb stumm.
" Ja so, Regina, man glaubt, es sei nur eine Marotte. Man hat Dich behandelt wie ein Zier, dem man das Junge nimmt, und man glaubt, Du vergißt es nach einigen Tagen. Ja ja, vielleicht behalten sie Recht. Vielleicht bist Du duch nicht viel besser." Und sie lächelte gespannt, während der Schaufelstuhl
stillestand.
Aber nach diesem ersten Schritte mußte ein zweiter getan werden. Doch-wo sollte sie hin? Alle Wege führten über den Professor. Und wenn er sich weigerte, den Aufenthalt des Kindes zu verraten? Was dann? So glückte denn das Spiel, das man gegen fie aufgenommen hatte, und sie fonnte wohl niemals ihr Verbrechen gutmachen. Aber wenn sie jezt zum Professor reiste, bat, drohte? Und wenn er unerschütterlich war? Was dann? Regina, was dann? Was hast Du angerichtet?"
—
Sie hielt den Schaufelstuhl an und faßte sich an den Kopf. Sie sah den Tag kommen, wo sie den Verstand verlieren könne. ,, Regina, was hast Du angerichtet?"
ström stand vor ihrem Bette. Er sprach mit angenehmer, geSie erwachte, als Licht angezündet wurde; Doktor Lind dämpfter Stimme. Sie war ganz wirr, einen Augenblick bildete sie sich ein, er sei ihr eigener Sohn. Saßen sie nicht jeden Sonntag zusammen in der Kirche und begleitete er sie nicht stets und ehrte sie?
Man legte einen Thermometer unter ihre Armhöhle. Dann wollte er ihre Brust untersuchen. Aber da erwachte sie fief erschreckt:" Dann wird er ja sehen, daß ich ein Kind gehabt habe!" dachte sie und begann frampfhaft ihr Hemd mit beiden Händen festzuhalten.
Aber er lachte, zog ihre Hände fort und knöpfte auf. Sie mußte fich setzen. Als er fertig war, fagte er, sie müsse fest zugedeckt liegen bleiben, und als er auf dem Korridor war, hörte sie ihn zum Großhändler sagen, der draußen wartete, daß sie Lungenentzündung habe.
Sie dachte nicht darüber nach, dachte bloß immerfort: " Hat er etwas bemerkt? Erzählt er es?"
Eine Kleine Lampe wurde angezündet, eine Zeitung vorgehängt, daß das Licht der Kranken nicht die Augen blenden
dies
Und jetzt begannen einige merkwürdige Tage. Sie befand sollte. fich in peinlichster Unruhe, entwarf einen Plan nach dem anWährend der Nacht irrte Großhändler Flaten, in seinen deren. Sie geriet in immer heftigere Wut gegen denjenigen, Schlafrock gehüllt, planlos durch alle Zimmer. Er war aschder ihr das Kind abgelistet hatte, ihre Schuld bedrückte sie schwerer und schwerer, ihre Feigheit erschien ihr stets schlimmer. grau im Gesicht. In der letzten Zeit hatte er geglaubt, daß Die Grübeleien ließen ihr feine Ruhe. Ihre Sehnsucht nach sie vielleicht sterben konnte, jetzt... daß es überwunden werden könne. Aber jetzt, da dem Kinde wurde immer brennender. Aber was sollte sie tun? sie vielleicht sterben konnte, jetzt... Und inmitten dieses aufreibenden Gemütszustandes be- mit dem Trauerflor stehen, wagte jedoch nicht, hinauf zu Zwischendurch blieb er manchmal vor dem großen Bilde gann in ihrem Innern ein Glücksgefühl zu entbrennen, fie bliden und flüchtete in ein anderes Zimmer. Dann stand fühlte sich fräftiger und empfand neue Lebenslust. Die Zu- er wieder oben vor dem Zimmer der Kranken und lauschte funft schien verlockender. Der nächste Tag verursachte kein an der Tür, wollte jedoch nicht hineingehen. Ging dann Grausen, er konnte eine Gabe bringen. Aber warum blieb sie wieder auf lautlosen Filzpantoffeln und mit dem Lichte in der noch hier, da ihr der Boden doch unter den Füßen brannte. Sand die Treppe hinunter, während der Wintersturm die ganze Sie benahm sich wie ein lebenslänglich verurteilter Gefangener, Stacht hindurch pfiff und heulte. der plötzlich einen Ausweg zur Flucht und Freiheit entdeckt - und doch zögert. Weshalb? És kostet nämlich einen um nachzufragen, und als die Magd sich wieder zu Bett legen Es kostet nämlich einen Dann schickte er ein halbbekleidetes Dienstmädchen hinauf. Sprung, einen kühnen Sprung ins Dunkle. Sobald sie ihr sind zu suchen begann, konnte es nicht wollte, flingelte er wieder, und sie mußte von neuem hinauf länger verborgen bleiben. Der Weg zur Mutter bliebe auf immer versperrt. Auch die Familie... die Tanten, die Cousinen., ein Mann, die Achtung aller Welt. Eine Menge schlimmer Wurzeln mußten ausgerissen werden, und ihr ganzer bisheriger Kampf, um es zu verbergen, würde also vergebens gewesen sein.
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Aber die Wahl bedrückte. Einerseits Lockte das Kind Eine Mehrheit von Stimmen widerriet andererseits. Bei dem Kinde drohte die Schande der Welt gegenüber, dort der Schimpf sich selbst gegenüber. Die Nächte erschienen endlos. Sie empfand einen Heißhunger, diesen Negen der Lüge und Verstellung zu entkommen. Für ihr Kind konnte sie vielleicht
alles erdulden.
Und die Tage verstreichen. Der Winter ist gekommen.
IX.
Gegen Weihnachten kehrte Regina eines Tages von einem Spaziergange zurück und hatte starken Schüttelfrost und Kopfschmerzen. Sie mußte sich sofort zu Bette legen und bekam im Laufe des Tages hohes Fieber.
Wie sie in ihrem Zimmer lag, befiel sie wieder das bedrückende Gefühl des Alleinseins. Und wenn sie jetzt totfrank wurde? Mutter konnte nicht herkommen. Und wenn sie starb, wie würde es ihrem Kinde ergehen? Hier lag ste unter böllig Fremden durch eigene Schuld.
Während die Zähne unter Frostanfällen flapperten, begann sie zu jammern, und ein stechender Schmerz ging ihr durch die Brust.
Eins der Dienstmädchen kam herauf und setzte sich zu ihr. Es war das grauhaarige bleiche Mädchen aus Norwegen , das bei dem Großhändler seit dessen Verheiratung war.
gehen.
Wie geht es jetzt?"
„ Sie phantafiert weiter."
Dann irrte er wieder durch die öden Räume mit dem Licht in der Hand. Am nächsten Tage ging er nicht auf's Bureau, und als Doktor Lindström am nächsten Vormittag von der Kranken herunterkam, bebte die Stimme des Großhändlers, als er den Arzt ansah und frug:" Nun?"
Der Arzt hoffte, es sei anzunehmen, daß sie mit ihren iugendlichen Kraft die Krankheit überstehe.
Zweimal vierundzwanzig Stunden lag Regina zumeist besinnungslos. Das alte Mädchen blickte oft das junge halb tote Gesicht mit der weißen Stirn an und dachte:" Gott weiß, wie das abläuft."
Während das Mädchen eines Nachts vor dem Bette saß, schlug Regina die Augen auf und starrte es wirr an. " Hören Sie," sagte sie unnatürlich laut, Sie sollen einen Brief schreiben."
„ Einen Brief? Ja, das will ich gern. Vielleicht an Ihre Mutter?"
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Die Brust der Kranken ging schwer, sie stierte vor sich hin Mutter nein, sie ist tot. Sie sollen schreiben an ich werde Ihnen etwas anvertrauen, was sonst niemand wissen darf. Hören Sie ich ich... ich habe Aber weiter fonnte sie wohl nicht, sie versank wieder in die schlaffe, schwere Betäubung und schloß die Augen.
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Was hatte sie gemeint? Das alte Mädchen blieb fiben und sann nach. Aber mitten in der Nacht begann die Kranke plößlich zu schluchzen:
"
Gebt es mir!" sagte fie und stredte bie dünnen Arme hoch, gebt es mir wieder."