Nnlerhattmgsblatt des Horwärls Nr. 72. Dienstag, den 11. April. 1905 lNachdmck verboten.) isz Eine pilgerfakrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Um zu schlafen, griff Regina nach einem Schlafmittel. Am nächsten Tage tvar sie bleich und schlaff, blieb bis gegen Mittag im Bette liegen, und allmählich vermochte sie sich überhaupt nicht mehr zu beherrschen, ihre schreckliche Laune trat inuner sichtbarer hervor. Aber Flaten ertrug es mit gewohnter Nachsicht. Er wußte, daß junge Frauen zu Beginn einer Schwangerschaft fast gemütskrank werden können und erhoffte, daß hierin der Grund liege. So erwartete er den seligen Augenblick, wo sie ihm ins Ohr flüstern würde, daß er Vater werde. Diese Nachsicht begann sie zu irritieren. Ihr graute vor jeder seiner Liebkosungen, weil sie befürchtete, sie könnten ihr zu Herzer. gehen und sie wieder machtlos machen. Die Nacht im gemeinsamen Schlafzimmer wurde ihr zur Marter. Und wenn er seine gewohnten Reisen nach Gotenburg machte, er- tappte sie sich auf dem Wunsche, ein Unglück möge ihm zustoßen. Sie saß dann mit geschlossenen Augen und malte sich den Augenblick aus, wo sie frei wurde... Eine Woche darauf würde dann das Ltind auf ihrem Schöße liegen, und sie würde ein neues Leben beginnen, diese widerliche Maske abwerfen und ihr wahres Gesicht zeigen können. Aber Flaten kam unversehrt zurück, lächelnd und voller Ungeduld, sie in die Arme zu schließen, und brachte immer irgend ein Geschenk mit. Dieser Mann, der im Verkehr mit Männern so tüchtig und klug tvar, wurde einer jungen Gattin gegenüber plötzlich blind. Seine Geschenke bedrückten wie neue neue Bande, neue Demütigungen. Aber sie nahm sie an und lächelte, um nicht in Tränen auszubrechen: sie dankte, um sie ihm nicht ins Gesicht zu werfen. Und die Zeit verstrich. Sie dachte und überlegte und grübelte den lieben langen Tag. Aber alle Wege führten über Flatens Glück hinweg. Ihm alles offenbaren, der Gedanke war lächerlich. Aber dieses Leben fortsetzen... dieses Leben fortsetzen!... Sie begann sich vor ihren eigenen Träumen zu fürchten. Sie waren finster, sie tropften von Blut. Und sie ertvachte im Angstschweiß, freute sich dann, daß alles nur ein Traum ge- wesen. Und sie schmiegte sich dann liebkosend an ihn, als wolle sie alles sühnen. Als er eines Morgens auf dem Bettrande neben ihr saß, ehe er aufs Bureau ging, machte er sich endlich Luft:Höre," sagte er,Du hast jetzt verdächtige Anzeichen." Sie erbebte. Hatte sie im Traume gesprochen? Erriet er ihre Gedanken? Da beugte er sich herab und flüsterte in ihr Ohr: Bereitest Du uns wohl gar einen kleinen Erben vor?" Sie brach fast in ein Hohngelächter aus. Weiter fehlte nichts. Ja, das fehlte noch gerade. Da kam sie auf den Ein- fall, ihn zum Narren zu halten, und sie zwang sich zum Lächeln und sagte:Du errätst doch auch alles." Er preßte sie an sich und tanzte förmlich hinaus. Von jetzt an arbeitete er noch emsiger, er mußte ja seinem Erben ein Vermögen sammeln. Und immerfort sprach er von dieser glücklichen Hoffnung. sEr wurde noch nachsichtiger, noch verliebter. Und sie ließ sich in die Unterhaltung über-dieses Kind mitschleppen, weil sie ihre Unwahrheit jetzt nicht zugestehen vermochte, und weil es sie mittlerweile amüsierte, ihn zum Narren zu halten. Doch einmal würde es ja entdeckt werden? Aber zuvor kam es vielleicht zu einer Lösung, und sie mußte kommen, sie mußte kommen! Sie begann wie im Schlafe herumzuwandeln. Sie fühlte, daß sie dem Finsteren entgegentrieb, und sie versuchte, sich zu wehren. Wenn sie allein durch die Zimmer schritt, konnte sie oft stehen bleiben und eine Handbewegung machen, als verjage sie etwas Unheimliches vor den Augen. Und je mehr sie sich sinken fühlte, umsomehr klammerten sich ihre Gedanken an ihr Kind. Sie sah es krank, und nie- mand Pflegte es. Sie sah seine Arme um den Hals einer Frau gelegt, die von ihr gehaßt wurde. Sie erlebte die Szene, da sie eintreten und es wiedernehmen würde, sie begann die Stimme des Kindes zu hören, dessen Gesichtszüge zu sehen, dessen Lächeln, die Hände, die sich ihr entgegenstreckten.> Aber sie streckten sich vergebens aus sie ging ja hier umher, Des Nachts begann das Kind auf ihren Schultern zu liegen, tagsüber kroch es auf dem Boden herum, es wurde so unheimlich lebendig, daß sie sich beim Durchschreiten der Türen plötzlich umblicken konnte, um zu schen, daß seine Finger nicht geklemmt würden. Die Wintertage nehmen ab, Weihnachten nähert sich, die Sonne dringt bisweilen noch durch und bestrahlt Schnee» Ebenen und weiße Wälder: ein Eisenbahnzug eilt weit unten im Tale dahin, und weiter oben kreuzen sich die Straßenwege der Fabrikbetriebe am Flusse. Die Gartenbäume sind weiß und beugen sich unter funkelnder Schneeschicht. Es kommen keine Besuche, weil die Hausfrau niemand empfängt und nie ausgeht. Ein Tag gleicht dem anderen. Flaten arbeitet länger und länger in den Abend hinein: es ist zu Hause nicht mehr so gemütlich. Wiederholt steht sie des Morgens auf und denkt:Nein, heute muß es geschehen. Dies halte ich nicht länger aus." Sie konnte davonlaufen, ober dann mußte sie von vorn be» ginnen. Sie konnte um Scheidung bitten, aber solche der» wickelte Dinge konnte sie jetzt nicht in Gang� bringen. Zu­weilen. dämmerten Gedanken auf, daß sein Geld nicht not- wendig sei; aber sie ahnte, daß späterhin Reue und wiederum eine ganze Revolution folgen würde, so daß sie wieder von vorn beginnen müsse. Das vermochte sie nicht. Auf den ersten Schritt hatten sich so viele Schichten gebildet. Das Ganze umwerfen nein, sie vermochte es nicht. Am besten blickte man gar nicht zurück. Gar nicht denken, nur vorwärts eilen, vorwärts. Sie ertappte sich auf Gedanken über die verschiedenen Todesursachen, und jedesmal erschreckte sie sich weniger. Ein bestimmter Gedanke setzte sich ganz fest und gewann immer mehr Macht. Er begann:Begehe ich nicht besser ein Ver- brechen, um loszukommen und mein Kind zu finden, so daß ich mich dann sofort bekehren kann. Denn jetzt? Jetzt be- gehst Tu ja nutzlos Verbrechen ins Unendliche." Eines Tages überraschte sie Flaten vor dem Bilde seiner Frau. Es hing jetzt ohne Trauerflor in seinem Privatbureau, und wie er es stehend anblickte, war seine Miene nicht miß- zuverstehen. Regina blickte ihn spöttisch an, und der alte Herr er- rötete, als werde er auf einem Verbrechen ertappt. Aber jetzt bemerkte sie, daß er außerordentlich blaß und! daß die runde, korpulente Gestalt ganz erschlafft war. Wie war er gealtert! Das Haar war so dünn und weiß und das! Gesicht war so fahl geworden. Einen Augenblick wurde sie gerührt.Du guter Gott," dachte sie,wie mußt Du diesen Mann gequält und gepeinigt haben." Und an diesem Tage mußte sie wieder gut und liebe- voll gegen ihn sein. Da tritt etwas ein, was ihr die ganze Zeit hindurch als unmöglich erschienen war. Sie entdeckte, daß sie wiederum Mutter werden solle. Und mehrere Tage blieb sie jetzt im Bette liegen, wie gelähmt durch einen Feind, der sie hintere rücks überfiel.* Wohl war sie tief gesunken, aber bisher war ihr Mutter- gefühl heilig und unbefleckt gewesen, der Gedanke an ihrem Sprößling war ihr zu einem kleinen Tempel geworden, worm sie Schutz suchte. Aber jetzt? Jetzt? Und dieser Mann, gegen den sie sich versündigte, der ihr böses Gewissen war, den sie zu töten bereit tvar! Er zwang sie, einen neuen Flaten zu gebären, vielleicht einen, der sich eines Tages erheben und seinen Vater rächen würde! Wev konnte es wissen! Und dieses Kind sollte sie jetzt gebären, für dieses Kind sollte sie leiden, es sollte vielleicht ihr erstes Kind beiseite schieben und füt's Leben an Flaten fesseln! Sie warf sich im Bette hin und her. Die letzten Wärme» reste schienen sich in Eis zu verwandeln, und ein ungeduldige j Haß begann sie wie ein Fieber zu erfüllen,''