Unterhaltungsblatt des Worwürts Nr. 75. Freitag, den 14. April. 1805
(Nachdruck verboten.) is] Sine Pilgerfahrt, Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. XVIII. Im Sommer 1880 las man in den Zeitungen des Haupt- stadt folgende ungewöhnliche Annonce: „Vor zwei Jahren war im Monat März ein Ehepaar in der Entbindungsanstalt und erhielt ein Kind zur Adop- tion. Wer über diese Leute und deren gegenwärtigen Auf- enthalt Auskunft geben kann, erhält reiche Belohnung. Bitte Briefe unter„Mrk. R." an die Expedition dieser Zeitung." Ende Juni konnte man in dem hellgrünen Studenten- Wäldchen um die Mittagszeit stets eine junge schwarzgekleidete Frau unter den Spaziergängern einhergehen sehen. Sie war immer allein. Sie zählte zu den völlig Fremden der Stadt. Sie sah, daß die Leute sich begrüßten, aber niemand grüßte sie. Sie sehte sich auf eine der unbesetzten Bänke, wenn sie des Gehens müde war, und sie stand wieder auf, wenn sie des Sitzens satt war. Zuweilen schrieb sie mit dem Sonnenschirm einen kleinen Namen in den Sand, vor dem Weggehen wischte sie ihn jedoch sorgfältig aus. Die Musik spielt. Jung und Alt geht zusammen spazieren und lacht, aber alles gleitet fern und gleickhzültig an ihr vorbei. Sie zieht>ihre Uhr heraus, bald beginnt im Hotel das Atittagessen, dann folgte wieder ein sich hinschleppender Nachmittag, und gegen sechs Uhr kann sie eine neue Runde bei den Zeitungen beginnen und hören, ob heute vielleicht ein Brief gekommen sei. So führte Regina das Dasein der reichen fremden Dame in einem Hotel. Als sie eines Tages die Rechnung bekäme benierkte sie, daß sie schon einen Monat dort war. Nun ja, sie hatte ja noch Zeit, heute oder morgen kann etwas geschchen, man muß nur geduldig warten. Einmal kommt doch ein Brief. Bei Tische machte sie oberflächliche Bekanntschaften, mit denen sie über gleichgültige Dinge sprach. Sonst lebte sie wie hinter einer Mauer. Jetzt, da sie die Maske abwerfen und sich freigeben konnte, konnte sie sich selbst nicht wieder- finden, und außerdem— trug sie nicht fernerhin Dinge in ihrem Innern, die vor aller Welt verborgen werden mußten? Sie hatte die Geschichte des Kindes dem Advokaten an- vertraut, der ihr Vermögen verwaltete, und er hatte auch alles in Bewegung gesetzt, um es zu finden. Aber er hatte ihr gleichzeitig klar gemacht, auf welche Zufallsspiele sie dabei rechnen müsse. DaS Kind kann tot sein, die Pflegeeltern verstorben oder ausgewandert. Ter Mann oder die Frau kann gestorben sein, der Ueberlebende kann sich wieder verheiratet und ein eigenes Kind bekommen haben, das Adoptivkind kann in andere Hände übergegangen sein. Täglich kann sie ihren Knaben in einem Kinderwagen auf der Straße treffen, aber sie erkennt ihn nur nicht. Er kann in einem Hinterhofe im Schmutze herum- kriechen, weil er seitdem durch soundsoviele Hände gegangen ist. Er kann auf einem Bauernhofe in einem Gebirgstale gelandet sein, oder auf einer Insel wohnen— niemand kann's wisse». Aber angenommen, er sei noch das reiche Adoptivkind, dann haben sich ja die Eltern längst daran gewöhnt, ihn als ihr Eigen zu betrachten und würden unglücklich sein, ihn zu verlieren. Weshalb sollten sie sich dann zu erkennen geben, selbst wenn sie wüßten, daß eine fremde, ihnen nicht nahe- stehende Frau überall herumsucht? Reckitlich gehört er ihnen ja, sie hatte ihn ja freiwillig abgetreten. Unter allen Um- ständen war es wohl das beste, sich auf langes Warten vor- zubereiten. Vielleicht können Annoncen erfolgreich wirken. „Ja," dachte Regina,„so muß ich also warten." Und sie warf alle diese zufälligen Möglichkeiten hin und her. Ter Advokat erfuhr, daß weder die Tante im Hochland, noch die Tante im Nordland ein Adoptivkind habe. Eine Lichmng weniger. Jeden Morgen, wenn sie aufstand, zitterte sie voller Spminung. Was würde heute möglicherweise geschehen? Ihr Leben in Schweden tvar ein unheimlicher Traum ge- Wesen, sie kämpfte, um ihn zu verscheuchen. Sie wollte nur der Zukunft leben, träumte die alten Träume von dem Augen- blixke, da sie wieder mit ihrem Kinde vereint würde. Us de-
gann sich zur religiösen Idee auszugestalten, mit dem Kinde sollte sie gleichzeitig Friede und Erlösung ihrer Seele finden. Mit dem Kinde würde sie ein neuer Mensch werden, das Böse bereuen, ihre Sünden würden ihr vergeben werden, und sie wollte allen, allen nur Gutes erweisen und nicht einmal Dan? verlangen. Aber die Zeit fließt hin, die so teuer erkaufte Million hilft nichts, nichts. Das Vertrauen wird dunkler und dunkler, statt dessen steigen die Angst und die bösen Erinnerungen auf« Dies darf nicht geschehen. Dies darf nicht geschehen. Endlich, da sie eines Morgens in eine Zeitungsexpeditioitz tritt, lächelt die Dame hinter dem Tische und sagt: „Heute haben wir etwas für Sie, gnädige Frau." Es waren zwei Briefe. Sie mußte sich setzen, während sie öffnete. Es war einer dieser Augenblicke, die über Leben oder Tod in der nächsten Minute entscheiden. Ihre Hände bebten. Ein Brief war aus Christiansand, der andere aus Rorns- dalen. Beide Schreiber teilten mit, sie hätten das Betreffende gefunden. Eins mußte es also sein. Auf die durch langes Warten Erschöpfte wirkte dieses Ereignis überwältigend. Sie zitterte am ganzen Körper. Diesmal nicht voller Angst, es war ein neues Gefühl— es war das Glück. So fühlte man sich also glücklich. Sie warf dem Mädchen hinter dem Burcautische eine Banknote zu und eilte ins Hotel, um zu packen. Sie warf alles bunt durcheinander in den Koffer, Zuweilen hielt sie ein, um Atem zu schöpfen und lächelte. Schließlich standen die Augen voller Tränen. Dann brach sie in Schluchzen aus und mußte sich setzen. So fühlte man sich also, wenn man glücklich war? Es kam ihr vor, als sei sie bisher aus Eis zusammen» gesetzt gewesen, das jetzt zu schmelzen begann. Denselben Abend saß sie an Bord des großen Bergenser Dampfers, der durch den Fjord seine Furche zog. Biels Reisende waren an Bord, und Regina hatte sich glücklich einen bequemen Rohrsessel gesichert, worin sie nun, mit einem Schal um den Schultern, auf dem Salondeck zurückgelehnt lag. Wer nach langer Abwesenheit zum väterlichen Hof zurück- kehrt, erblickt erst den Schornsteinrauch, wenn er zu Hause an- gelangt ist. Auch Regina glaubte jetzt ihr Ziel erreicht zu haben. In den zwei Stunden, seitdem der erste Lichtstrahl zu ihr gedrungen, hatte die Freude sie förmlich erschöpft. Das Kind saß schon auf ihrem Schöße, sie hörte es schwatzen und lachen, sie hob es empor, sie blickte in seine Augen und empfand eine glückselige.Empfindung, daß ihre Sünde ihr jetzt vergeben, sie wandelte jetzt aus einer neuen Erde, wo kein böses Gewissen, keine ihrer früheren Handlungen sie erreichte. Es war einer dieser Juni-Abende, die den Christianiafjord in ein Feenlaicd verwandeln, lind Regina, die des Morgens in einem finsteren Keller gesessen hatte, war plötzlich in diesem lichten, schönen Sommer zum Mittelpunkte geworden. Der Fjord war ein klarer Spiegel in gold und blau, weil der Himmel golden und blau schimmerte, beide strahlten jedoch ausschließlich für Regina. Auf die Fichtengipfel, die den Fjord umschlossen, streute die Sonne ihr fröhlichstes Licht, und selbst die blauen Schatten, die sich längs des Strandes lagerten, lächelten. Die weißen Badehäuser und Villen längs der beiden Strandlinien winkten ihr zu. während sie sich im Wasser spiegelten. Die Inseln« die mit Villen und duftendem Laub- und Nadelwald vorbei- schwammen, hatten für sie geflaggt. lieber Ackerland begann die Sonne zu sinke», von einem Wolkenparadies umgeben—> nie war sie in ähnlicher Pracht untergegangen. Sie saß ruhig und sah das Ganze und riß die Augen auf, wie ein Bettler, der in einem Torwege stirbt und plötzlich im Paradiese erwacht. Und während der ganzen Zeit rieselts und rieselte ein sonderbarer Strom durch ihr Herz. So fühlte man also, wenn man glücklich war— und sie glaubte, sie sei nun schon seit mehreren Jahren glücklich. * Tic Menschen, die sie umgaben, warm ohne Ilnterschiedi fröhlich und schön, und sie blickten sie so freundlich an, genau, als wüßten sie es auch. Tie Ruderkette, die längs des Relings hin- und herrollte, hatte sogar etwas Rührendes. Die Kolben- schlüge erklangen ihrem Ohre als munterer Gesang. Schließlich begann auf der Kommandobrücke ein Orchester zu spielen, und jetzt fühlte sich Regina wie auf einem Triumphzuge. Ihr HalZ