Wnterhallungsblatt des Horivarts Nr. 73. Mittwoch, den 19. April. 1905 (Nachdruck verboten.) 13 Brennende Liebe. Eine Geschichte aus der Eifel. Von Klara Viebig . Es brannte im Dorf. Immer zur Nachtzeit: bald hier, bald da, nun schon an die acht Wochen. Eben war das Korn auf dem Felde in die Halme geschossen, als an einem dunklen Abend das erste Feuer ausgekommen war: seitdem hatte der rote Hahn wohl auf zehn Hütten gekräht. Viel Schaden war zwar nicht entstanden: dem einen tvar nur das tiefhängende, mit Binsen und Stroh gedeckte Dach ein wenig angesengt worden: beim anderen hatte die vom Winterschwein gesparte Speckseite, die von der Balkendecke herabbaumelte, ein bißchen gebrmzelt: beim dritten hatte das Reisig, das die sammelnden Kinder an der Seitenwand des Häuschens aufgeschichtet, geknackt und geknistert, bis die Frau, die der Säugling wachgeschrien hatte, wähnte, draußen sei einer und hole ihr Reisig weg: beim vierten hatte der Kuh angstliches Brüllen das Qualmen auf dem Futterboden ver- raten: beim fünften ivar's gar nicht erst ausgekommen, ein Regenschutt hatte den Dachstuhl begossen und gelöscht, was etwa im Gebälk nicht geheuer war. Immer war aller Heiligen Schutz sichtbar zu spüren gewesen. Aber doch begann ein heimliches Grausen die Gemüter der Dörfler zu rütteln. Ech kurantören," sagte ein ganz Kluger und zog das braune Leder seiner Stirn in bedenkliche Falten,duh es einen Lauskerl, dän et anfänkt!" Ja, so mußte es auch sein! Jemand war da, der das Feuer anlegte! Die Kinder konnten die Schuldigen nicht sein, die lmirden an der Hand und in der Hotte mit ins Feld ge- nommen, oder blieben sie einmal allein zu Haus, so versteckte die Mutter die Schwefelhölzer gewiß auf dem obersten Bord, wohin sie nicht langen konnten. Aber hatte die Ammei, die allein an der Wiege ihres kranken Kindes saß, als alle noch in der Abenddämmerung draußen auf dem Felde schafften, nicht einen vermummten Kerl zum Fenster hereingucken sehen? Und war dem Bräuer'sch Hubert, der in später Nachtstunde noch den Hof aufgesucht, nicht ein schwarzer Schatten vorbei- geschlüpft und im Heckengäßchen zwischen den Gärten ent- kommen?! Es war kein Zweifel mehr, es gab einen Brandstifter aber wo, wer war der Missetäter? Einer aus dem Dorf? Nicht möglich! Da kennt ja einer den andern viel zu genau, erfährt's täglich zu sauer am eigenen Leibe, wie schwer das bißchen Lebensnotdurft zusammengeschrabt ist, um aus reinem Uebermut den Nachbar zu ängsten. Nein, es mußte schon einer von weiterher sein: einer vielleicht, der sich in der Welt um- Hergetrieben! Freilich Handwerksburschen, Fechtbrüder, die wer weiß?! schon mit einem Bein im Zuchthaus stehen, passierten nicht das Dorf, das einsam auf dem Eifelplateau liegt, seine zwei schnurgeraden, dichtgedrängten Hüttenreihen in den Schuh eines schwarzen Tannenwäldchens stellt, dagegen feine weitentlegenen, dem Oedland abgerungenen Felder allen Eifelwinden und allen Pfeilen glutäugiger Sonne preisgibt. Das kleine Dorf zitterte. Und bei der Angst war Neugier und bei der Neugier Wut. Wenn man den Kerl erwischte, man schmiß ihn von der Straßenböschung herunter in den Bach, daß er nie mehr auf die Beine kam! Oder man stieg hinauf zur Bergkuppe, die wie ein Kopf, auf dem Scheitel mit kurzem Gebüschschopf besetzt, über'm Dorf auftaucht, und hing ihn da an den zähen, im Wind schaukelnden Haselnußbaum, mit dessen Gerten nran ihn erst weidlich verdroschen! Da würden die Kiihe und Schweine, die der Dorfhirt auf kurz- rasigem Anger hütete, was zu gucken haben und ihr Hirt, der Ofen-Willelm auch! Und wie sie an den Wilhelm dachten, stockte ihnen Plötzlich der Atem. War der nicht Heizer gewesen unten im Rhein- land, jahrelang?! Der einzige aus dem Dorf, der nach seiner Militärzeit nicht heimgekehrt war, um den Acker mit seinem Schweiß zu begießen, sondern der unten geblieben war, wo die Welt lockt und die lieben Heiligen nur mehr in den Domen zu finden sind, aber nicht mehr aus den Straßen. Es hieß, daß mp in den Fabriken auch schwer arbeiten mußte, mochte sein, aber sicher doch lange nicht so schwer, wie man hier oben arbeitete, wo einem im Mai gar oft noch die Feld, frucht erfror und die Kartoffel schon wieder im September- Der Ofen-Willelm hatte da unten weiter nichts zu tun gehabt als Glut zu schüren. Heizer war er gewesen, Nachtheizer in der Fabrik: aber alle Tage hatte er verschlafen können, in einem faulen Leben sein sicheres Geld verdient bloß für's Feueranzünden! Hm!" Der Gemeindevorsteher kratzte sich den Kopf als ihn etliche mit der Nase auf den Ofen-Willelm stießen. Was, der sollte das Feuer gelegt haben?!'s war freilich ein merkwürdiger Kerl, ja, da hatten sie wohl recht, ein ganz Kurioser, anders wie andere, das kam eben vom Leben draußen aber ein Brandstifter? Nein! War nicht seine Mutter,. die Witwe Driesch, ein kreuzbraves Weib, eine gottesfürchtigs Frau dazu, vor der jeder die Mütze heruntertun konnte?! Weit wies der Gemeindevorsteher die Petzer und Zu, träger von sich: aber als ihm bald darauf, in einer Sonntag» nacht, der Heuschober abbrannte, den er am Samstag abends erst fertig gesetzt hatte, dicht hinter seinem Zaun, begann er doch auch zu schnuppern. Von des Ofen-Willelm Hütte her fing es auch ihm cm, brenzlig zu riechen. Was, sollte am Ende der Ofen-Willelm das Feuerstochen nicht lassen können?, Ter war seit Winter wieder im Dorf: im grauen Winter war nie etwas ausgekommen, aber nun, seit die Sonne schien, seit die am Himmel lohte, die Hütten und die Tannen, die Aecker und den Bergkopf Tag für Tag mit ihrer roten Glut über- schüttete, seit der struppige Gebüschschopf flammte und die Kiesel im versiegten Bach Funken sprühten und auf sonnen» harten Wegen der trockene Staub blendete, seitdem--! In des Gemeindevorstehers Kopf wogten seltene Ge, danken: er besprach sich mit dem und jenem, recht heimlich. Hinter der Scheunenwand tuschelten sie wie verliebte Paare, oder weit draußen auf flachem Feld, wo nur die heiße Luft zitternd lauschte. Mit den Gerichten was zu tun zu haben, ist immer eine üble Sache, man weiß nie, ob man Recht kriegt oder Unrecht; doch eh' man sich das Dorf anstecken ließ, jetzk gerade, da der Brunnen anfing spärlich zu spenden, jetzt, da selbst der Bach im kühleren Grund nur mehr ein dünnes Rinnsälchen über blanke Steine sickern ließ, jetzt, da man der Ernte gedenken mußte sie war heuer reichlich, aber wer konnte Mut haben, sie in die Scheunen zu sammeln?. hieß es: lieber verklagt, als beklagt. Ein warmer Abend war's nach sonnenfrohem Sommer» tag, als der Fußgendarm aus der nächsten Bürgermeisterei und der Gemeindevorsteher zusammen nach der Hütte dev Witwe Driesch stapften. Kathrein Driesch kochte das Abendmus. Eben hatte ihr Willelm die Herde eingetrieben: noch zitterte der letzte Ton seines Tuthorns in den Lüften, jede Kuh war gehobenen Schwanzes in ihren Stall gerannt. Nun hatte der Hirt auch Feierabend. Er saß beim Herd auf dem Schemel, hatte den Napf im Schoß, den Löffel in der Hand, und die Mutter tat ihm auf. Aber er sah nicht die bräunlichen Speckgrieben, die wie leckere Fischchen im Mehlbrei auftauchten: unverwandten Blickes schaute er ins Herdloch, drin Funken sprangen. Die Mutter sprach: Jong, esu äß doch!" fischte aus ihrem Napf die Speck» grieben und tat sie ihm auch noch auf. Ihr Willelm die gern, und war der Speck auch sündhaft teuer, der Jung mußte alle Abend sein Geschmelztes haben. Was hatte er denn sonst auf der Welt? Gar nichts! Der arme Jung! Von fünf Söhnen war er der letzte zwei klein ge­storben, zwei in Frankreich gefallen immer hatte sie sich drein geschickt und Amen gesprochen. Aber daß der Willelm da unten sich so zu Schairden gearbeitet hatte, daß er inS Krankenhaus gemußt und dann für invalide erklärt worden war auf seine besten Jahre, das grämte sie. Er hatte nun freilich hier oben den Posten als Gemeindehirt bekommen aber war das wohl ein Amt für einen, der immer klüger ge- Wesen war wie die anderen von seinem Jahrgang? Der heut noch klüger war als alle, die nach ihm dem Lehrer durch die Finger gelaufen, der eigentlich geistlich hätte werden müssen«