Nnterhaltmgsblatt des Horivnrts Nr. 82. Mittwoch, den 26. April. 1903 flammen. (Z!achdruck verb»tcn.) Roman von Wilhelm Hegeler . „Aber Herr Professor, verzeihen Sie—" „Was, was? Ist es nicht wahr? Sind Sie nicht Zeuge? Haben Sie's nicht gesehen? Wir waren noch zwei, noch drei Schritt entfernt, da riß er den Hut herunter." „Ja, aber nur, weil ich ihn zuerst gegrüßt habe." „Was?" „Ja, Herr Professor, das ist doch ganz natürlich—" „Sie— haben— diesen Menschen zuerst gegrüßt?" „Da ich ihn kenne und der jüngere bin— außerdem—" Wuhlmann hatte die Brille von der Nase auf die Stirn geschoben und starrte mit blöde zwinkernden Augen seinen Be- gleiter an. Nach dessen letzten Worten aber stürmte er Plötz- lich davon, indem er den Schlapphut tief ins Gesicht zog. Einen Moment stand Grabaus ganz verblüfft, ehe er sich ent- schloß, ihn einzuholen. Eine ziemliche Strecke gingen die beiden schweigsam die Straße hinunter, dann sagte Wuhlmann, wobei er zur Be> krästigung mit seinem Regenschirm auf das Pflaster stieß: „Wenn Sie nicht dabei gewesen wären, hätte er mich zuerst gegrüßt. Moralisch ist er jedenfalls der Blamierte." Uebellaunig rannte er weiter, bis er am Ende der Straße den Vorschlag machte, umzudrehen. Aus einer Querstraße kam ihnen eine muntere Gesellschaft entgegen, junge Mädchen und Männer, die einen abendlichen Ausflug vorzuhaben schienen. Sie grüßten Grabaus mit hervorgehobenem Enthusiasmus. „Wer sind denn die schon wieder?" brummte Wuhlmann. „Merkwürdige Bekanntschaften haben Sie." „Das sind Zuhörer aus meinem Ferienkursus." „Ach, dieser Ferienkursusi Das ist auch ne recht der- fehlte Geschichte. Wie konnten Sie sich nur dazu hergeben?!" „Herr Professor, die Vorträge, die ich da halte, sind seit langer Zeit wieder glückliche Stunden für mich. Stunden, in denen ich das Gefühl habe, wirklich das zu lehren, was in mir lebendig ist." „Na, hören Sie mal. was lehren Sie denn in Ihren Semestervorlesungen?" Grabaus zuckte die Achseln. „Das würde mich interessieren, was Sie da eigentlich lehren." „Ich wollte schon längst mit Ihnen darüber sprechen.- Als ich hierher kam, da las ich, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, im zweiten Semester ein Kolleg über Schillers Welt anschauung. Mein Hörsaal reichte nicht aus für meine Hörer. — Man hat mir von der Fakultät nahe gelegt, ein derartiges Thema nicht wieder zu wählen." „Ja, lieber Freund, was geht Sie als Philosophen der Dichter Schiller an?" „Schön. Ich habe Themata gewählt, die dm Wünschen der Fakultät mehr entsprachen." „Und aus denen Sie selbst auch viel mehr lernen konnten." „Mag sein. Aber weil ich das, was in mir drängte, los- werden wollte, begann ich zu schreiben. Auch das legte man mir nah, in meinem Interesse zu unterlassen." „Ja, glauben Sie, es machte einen guten Eindruck, wenn Ihr Name in allen möglichen seichten halbwissenschaftlichen Blättern prangt? Damit können Sie dem großen Publikum imponieren, aber ein Beweis sür den Ernst Ihres Forschens ist das nicht." „Ich habe also auch das gelassen. Ich habe mich auf meine Fachwissenschaft beschrankt und im übrigen still ge- schwiegen. Aber da Sie mir wohlwollen, Herr Professor, kann ich Ihnen sagen, oft überfällt mich eine wahre Mutlosigkeit und Verzweiflung. Mein Kopf ist zum Zerspringen voll. Ich muß mich mitteilen. Ideen ringen und drängen nach Gestaltung. Aber ich bin einfach abgeschnitten vom Verkehr mit der Jugend, auf die zu wirken doch mein sehnlichster Wunsch ist. Ich bin mundtot gemacht.— Ich weiß nicht, ob Sie diesen Zustand verstehen—" .Mein lieber Grabaus, was wir Ihnen da Schlimmes angetan haben, das ist nur zu Ihrem eigenen Besten. In Jhuell gärt's und ringt's. Junger Freund, in welchem Men schen gärt's nicht, wenn er dreißig ist? Aber glauben Sie. das wäre was Gescheites, was da gärt? Das muß sich mal erst hübsch setzen. Das muß erst mal einen chemischen Zer- setzuugsprozeß durchmachen. Und was dann übrig bleibt—> viel wird's ja nicht sein— das könnte möglicherweise etwas Gescheites enthalten." „Einen chemischen Zersetzungsprozeß durchmachen," sagte Grabaus bitter.„Das heißt mit anderen Worten: der- modern." „Na, wie Sie's nennen wollen," erwiderte Wuhlmann, immer liebenswürdiger werdend.„Ich würde vorziehen, zu sagen: klären. Das Tohuwabohu der Anschauungen soll sich klären, sich niederschlagen zu einigen reinlichen, klaren Be- griffen. Denn Begriffe— erst die sind Wissenschast." „Nun, in meinem Kopf lebt der Begriff schon in den Anschauungen," versetzte Grabaus ziemlich barsch. „Glauben Sie, Ihr Kops wäre besonders konstruiert? Ne» mein Freund, nur. sind Sie noch sehr jung. Sehr jung! Ja, wie alt sind Sie denn? Kaum dreißig! Seien Sie doch froh, daß wir Ihnen noch Gelegenheit geben, zu lernen. Zum Lehren kommt man noch immer früh genug. Lehren sollte man überhaupt erst mit grauen Haaren." „Und totem Herzen. Jawohl!" „Ja, natürlich! Was hat denn das Herz mit der Wissen- schaft zu tun? Die Wissenschast des Herzens— die sparen Sie sich auf für die Weiblichkeit in Ihrem FerienkursuS." „Und doch ist noch kein fruchtbarer Gedanke geboren, Her» Professor, an dessen Werden das Herz nicht seinen Antell ge- habt hätte." „Ach, wirklich!" „Und wenn Sie das nicht glauben, dann beweist daS—* „Nun— was beweist es, bitte?" „Es beweist, daß Ihre Begabung dahin geht, den Ge- danken anderer nachzuspüren, aber daß nie ein eigener Gedanke in Ihnen gelebt hat." „Was?!" Den Schirm horizontal unterm Arm, die Hände übe» dem Bauch gefaltet, starrte der dicke, kleine Herr mit offenem Mund seinen ihn um Haupteslänge überragenden Begleiter an. „Verzeihen Sie meine Offenheit, Herr Professor," mur- melke Grabaus. „Also das ist Ihre Verehrung für mich!" schrie diese» und ergriff ihn heftig am Rockknops, ließ ihn aber sofort wieder los, als wenn es in diesem Falle nicht nötig, oder als wenn sein Abscheu zu groß wäre.„So spricht der Mensch zu mir, der sich als meinen Schüler vorgestellt hat. Heute sind Sie wenigstens ehrlich!— Nun dann will ich auch ehrlich sein. Und ich versichere Sie— mein heiliges Ehrenwort drauf!— so lauge ich lebe, so lange mein Wort noch das geringste Gewicht bei der Fakultät hat: so lange wird hie» nie ein Platz für Sie frei. Verstehen Sie!— Adieu!" Damit rannte er fort, und Grabaus schaute ihm mit der- wundertcru �nd etwas verlegenem Lächeln nach. Tann aber tat er einen kräftigen Atemzug. Trotz allem hatte ihn das doch sehr erquickt. � m Als Grabaus nach Hause kam, ging er an dem Kinder- zimmer, in dem er seine Frau wrißte, leise vorbei, in sein eigenes Zimmer. Er wollte allein sein. In einer sonderbaren Zwiestimmung befand er sich. Nun er die ganze Auseinandersetzung überlegte, kam ihm seine schroffe Antwort höchst ungeschickt vor. Wie zwecklos! dachte sein Verstand. Doch sein inneres Gefühl erkannte den Zweck und die Notwendigkeit sehr wohl, wenn es sie auch nicht be- weisen konnte. Was habe ich gewonnen? erwiderte die andere» Wenigstens ist Klarheit geschaffen. Und nun heißt es über- legen, was geschehen soll. Vor fünf Jahren war der junge Doktor der Phflosophre Heinrich Grabaus zu dem ordentlichen Professor Wuhlmann, bei dem er mehrere Semester gehört hatte, gekommen mit der Bitte, ihm bei seiner Habilitation behiflich zu sein. Wühl- mann war nicht der erste, an den er sich wandte. An größeren Universitäten hatte Grabaus zuerst sein Glück versucht. Mit dieser naiven Sicherheit eines Menschen, der von der Krast der in ihm lebenden und nach Wirkung ringenden Ideen vor- wärts getrieben wird, hatte er die berühmten Professoren einen
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22 (26.4.1905) 82
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