Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 83.

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flammen.

Donnerstag, den 27. April.

1905

,, Ach, Du Bengel!" sagte die Mutter und hob den zappeln. Gott aber wie doch die Männer zu

( Nachdruck verboten.) den Jungen auf. sammenhalten!"

Roman von Wilhelm Hegeler . Gravaus hatte noch nicht lange gesessen, als heftig die Tür geöffnet wurde, und seine Frau ihren Kopf hereinsteckte. Offen­bar hatte sie ihn nicht im Zimmer vermutet und war nun sehr erstaunt, ihn doch zu sehen.

-

Du bist da? Und ich size und laure. Ach, höre mal, Du hast doch versprochen mich abzuholen!" sagte sie, die einzelnen Vokale recht lang ziehend und voll tönen lassend, wie das die Art der gebildeten Berlinerinnen ist, bei denen der Dialekt gebrochen nachklingt.

Warste etwa allein spazieren?"

" Sei nicht böse, Liebling, die Vorlesung hat mich heute so erregt, daß ich lieber allein gehen wollte.

"

-

So was! Und mich läßte ganz einfach bei den Jöhren fiten? Du bist' n schöner Pappi! Mach ma tu, Mammi­find," sagte sie zu dem älteren der kleinen Geschöpfe, die sich hinter ihr hereingedrängt hatten, einem vierjährigen, did köpfigen Mädchen.

Während sich dieses noch besann, war ihr kleiner Bruder an ihr vorbeigeſtürmt und hatte die Tür aus Leibeskräften zugeschlagen.

Also allein hast Du gebummelt? Ich wette, daß Dich wieder' ne Schülerin angesprochen hat. Da war die bessere Hälfte natürlich überflüssig."

Was Du Dir wieder denkst!" erwiderte Grabaus kopf­schüttelnd.

müssen."

Na, na, gewiß hast Du ein kleines Privatissimum lesen Eifersüchtige Männer pflegen ihre Frauen durch gewalt ſame Ausbrüche zu quälen. Die Eifersucht der Frauen aber äußert sich meist in unaufhörlichen Sticheleien. Frau Konstanze Grabaus gehörte zu den Frauen, deren Eifersucht schon das Normale übersteigt. Diese sonst so nüchterne und temperament Lose Frau lebte in der beständigen Furcht, ihren Mann zu ver­lieren. Wegen der unschuldigsten Veranlassung und oft auch ohne jeden Grund konnte sie ihn mit Anzüglichkeiten plagen. Dem gleichgültigsten Gespräch verstand sie dann eine Wendung zu geben, die zu diesem Thema führte. Grabaus respektierte die Schwäche seiner Frau als eine ihr treues und anhängliches Wesen notwendig ergänzende Eigenschaft, doch litt er mit der Beit immer mehr unter ihren Reden wie unter leis bohrendem Bahnweh, das einen auf die Dauer mürber machen kann als der grimmigste vorübergehende Schmerz, und er vermied es ängstlich, je mit ihr über andere Frauen zu sprechen.

Das Mammifind, Elsbeth getauft, doch auf alle möglichen Namen hörend, nur nicht auf diesen, hatte sich unterdes am Tisch zu schaffen gemacht. Es besaß eine außerordentliche Vor­liebe für alles, was mit Schreibwerk zusammenhing, und war besonders auf seines Vaters Manuskripte erpicht.

Jetzt hatte es den Zipfel eines Haufens loser Blätter er­griffen und zerrte daran mit ängstlichem Vergnügen.

Ach, Mammifind, Du bringit mir ja die ganze Aeſthetik

durcheinander. Komm zum Vater! Komm, setz Dich auf meinen Schoß!"

Das Kind folgte und war glückselig, als es auf einer leeren Seite in einem fort seinen Namen malen durfte.

Also, mein Herz, sei nicht böse," wandte Grabaus sich an seine Frau. Was meinst Du, wenn wir den Spaziergang nach dem Essen nachholten?"

"

Nach dem Abendessen? Im Dunkeln?, da bin ich zu müde. Nun wart ich schon lieber bis morgen. Aber ein schlechter Mensch bist Du doch, mich einfach zu verjeten. Nicht wahr, schlecht ist der Papi, Mammifind. Böse Papi, nit wah?"

-

Mit ernsten Augen sah die Kleine ihren Vater an und runzelte die Stirn. Aber der Bube kam von der anderen Seite des Zimmers herbeigelaufen.

-

Ich glaube gar, Du bist auf Deiner Jungen eifer

süchtig."

"

Eifersüchtig?" erwiderte Konstanze geringschäzig. wenn ich dazu Anlage hätte-" No na.

Ach,

" Ich hätte ja keine ruhige Stunde mehr. Zum Beispiel, was heute wieder kamna, das ist aber' ne Ueberraschung. erfährst Du erst morgen."

Das

find

Was ist denn gekommen?"

Heut sag ich's nicht. Strafe muß sein."

Nun sag's schon, Liebling! Du weißt ja, wir Männer das neugierige Geschlecht. Uebrigens"

Er brach ab. Aber aus dem einen Wort, aus seiner Miene, wie er die leise Sorgenwolke verscheuchte, hatte seine Frau schon alles mögliche vermutet. Was Schlimmes? Sag mir! Was übrigens?" Hast Du auch' ne Ueberraschung? Was Schlimmes? Sag mir! ,, Ach nichts."

"

-

was gejagt? Sind wir gesteigert?" " Ist Dein Aufsatz zurückgekommen? Hat Wuhlmann Dir

Nichts, nichts. Wir können nachher mal in Ruhe drüber sprechen. Erst sag mir mal Deine Ueberraschung!" Frau Konstanze zog einen Brief aus der Tasche. " Da, lies! Aber werd mir nur nicht zu eitel. enn ich eifersüchtig wäre! Eine eifersüchtige Frau hätte den Brief längst verbrannt."

Ja,

Grabaus hatte, ohne auf die letzten Worte zu hören, mit dem Lesen begonnen. Es war der Brief eines jungen oder vielmehr alten Mädchens, das ihm für die aus seinen Vor­lesungen gewonnenen Anregungen dankte. Der Brief war überschwenglich, und doch hatte die Verfasserin aufrichtige und zugleich feine, fluge Worte gefunden, sowohl um die Freud­Gehobenheit jetzt zu schildern: dieses Gefühl, aus niedriger, losigkeit ihrer einsamen Existenz früher, wie um ihre frohe dumpfer Sorgen Enge in die freie Atmosphäre einer großen Gedankenwelt geführt zu sein. Ich weiß nun" schrieb sie

-

,, und darüber bin ich so glücklich, als wenn ich in meinen alten Tagen noch Haus, Herz und Familie gefunden hätte, daß, wenn man nur sein Herz öffnet, man nicht allein zu fein braucht auf der Welt. Mir ist zumut, als wenn Sie mich in einen Streis von Menschen eingeführt hätten, die, mir unendlich überlegen und tausendmal klüger als ich, mich doch als jemand längst Vertrautes willkommen hießen und das Beste und Intimste, was ihr Inneres bewegt, mir mitteilten. Was früher schön gebundene Bücher für mich waren, Bücher, an denen der Hauch längst vergangener Schulstunden, ernster, pedantischer und mürrischer Männer, die sie mir zuerst öffneten, hingaus diesen toten Büchern sind lebendige, unverlierbare Freunde geworden. Und das alles, diese Erweckung eines neuen, reichen Lebens in meiner müden und verödeten Brust danke ich Ihnen."

Nicht ohne Ergriffenheit und Freude hatte Grabaus die. Beilen gelesen. Er ließ das Blatt sinken und sah seine Frau deren Augen gespannt auf ihm ruhten.

an,

,, Ein schöner Brief, nicht wahr?" fragte sie. ,, Schön und wirklich echt," erwiderte er.

" Ich möchte nur wissen, wer die Person iſt?" Warum? Wenn man sie kennen lernte, wäre man viel leicht enttäuscht. So hat die Phantasie ihr freies Spiel." Du! Mal ſie Dir nur nicht zu schön aus."

"

Ach, schöne Frauen schreiben nicht solche Briefe," sagte er mit leichtem Spott.

Das Dienstmädchen kam herein und meldete, daß das Bad für die Kinder hergerichtet sei. Frau Konstanze, welche ihre Kinder selbst zu baden pflegte, schickte sich schon an, hinaus­augehen, blieb aber noch vor der Tür stehen.

Und Deine Ueberraschung?" fragte sie. Die erzähle ich Dir nachher."

" Es ist doch wirklich nichts Schlimmes?"

Nein, nein. Je länger ich mir's überlege, desto mehr

Nein, dute Papi. Papi eiei! Eiei Papi!" schrie er, empfinde ich, daß es sogar etwas sehr Gutes iſt." indem er nach seinem Vater die Arme ausstreckte.

Die Eltern lachten.

Als Grabaus allein war, nahm er noch einmal den Brief zur Hand. Eine schöne, frohgemute Stimmung erfüllte ihm