Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 85.
Sonntag, den 30. April.
1905
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flammen.
( Nachdrud verboten.) Sie war schon fast entkleidet, ihr dünnes, fettiges Haar hing in einem Zopf auf dem weißen Frisiermantel.
Grabaus ließ den Kopf sinken und vor seinen geschlossenen Augen stand plöglich, hell leuchtend wie ein Transparent: Dann bin ich also betrogen!
Du mußt jezt nicht vom Thema abschwenken," fuhr sie fort. Das ist auch eine schlechte Angewohnheit von Dir, daß Du immer ausweichst und einen mit schönen Versprechungen tröstest. Aber ich lasse mich nicht mehr so abspeisen. Du mußt jetzt ernstlich was tun, damit Du endlich was Festes bekommst. Das Gescheiteste wäre, Du gingst noch heute zu Wuhlmann und
Er sprang auf und sagte mit tonloser Stimme: Verzeih, ich kann nicht mehr-"
Wohin willst Du?"
Aber er hatte das Zimmer schon verlassen, ohne eine Antwort zu geben.
,, Da bist Du ja. Komm doch!"
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Er schüttelte den Kopf.
Wo willst Du denn jetzt noch hin?"
,, Weg ich muß noch gehen.
"
"
Sie verzog voller Verachtung ihren Mund.
" Dann geh! Aber schön finde ich das nicht. Wenn man Dich in die Enge treibt, dann drückst Du Dich. Du solltest mic lieber eine klare Antwort geben."
Nachdem Grabaus ein kurzes Stüd die Straße hinuntergegangen war, blieb er stehen und dachte: Wenn ich einen Schmuck habe, den ich für Gold hielt und merke, er ist von Blech, dann werfe ich ihn weg. Einem Freund, der nichts taugt, gebe ich den Abschied. Aber an mein Weib bin ich gebunden bis an mein Lebensende.
Es gibt Worte, die wir hundermal gehört und selbst ausgesprochen haben, ohne daß sie uns allzuviel sagten. Dann aber kommt eine Stunde, wo die ganze Schwere ihres Inhalts sich aus ihrer Schale löst und uns zermalmt.
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Er saß in der Gartenlaube, einem schwerfällig plumpen Bis an mein Lebensende das war wie ein schwarzer, Bau, wie die Urväter ihn, nicht schön aber haltbar für eine tiefer Schlund, der ihn verschlang.... Wenn ich je wieder das halbe Ewigkeit, zusammengezimmert hatten, aus dicken, dicht- Bedürfnis habe, mich auszusprechen, dachte er dann ist gereihten Kiefernstämmen, mit niedriger Tür und undurch fie es, an die ich mich wenden muß. Kinder habe ich von ihr. lässigem Dach, von hundertjährigem Efeu eng umsponnen wie Nachts liege ich an ihrer Seite. Morgens stehe ich mit ihr ein Grab; fein Sternenschimmer fiel hinein, vom heißen Mittag auf. Sie hat Rechte an mich. Sie und ich, wir sind eins. lastete noch die Schwüle mit ihrem Modergeruch darin. Grab- Aber wer ist sie? Ein fremder Mensch, mit dem mich inneraus saß in eine Ede gekauert, mit zusammengefunkener Brust lich nichts mehr verbindet. Und trotzdem eins mit ihr bis und verschränkten Armen. Eine ungeheure Angst umgürtete an mein Lebensende. ihn, ein Gefühl, als wäre ihm der Boden unter den Füßen Als er endlich nach Hause zurückkehrte, hatte er den Einund die Luft zum Atmen weggenommen. Betrogen nicht druck eines endlos langen, dunklen Weges, den er einsam und von seiner Frau, von allen, an die er bei seiner Arbeit je ge- doch als ein Unfreier zurückgelegt hatte, mit einer Sette am dacht. Es war, als wenn das Leben selbst durch die Stimme Sals, die, je stärker er daran riß und zerrte, sich desto fester seines Weibes gesprochen hätte: Wir brauchen das alles nicht, zusammenzog. Und das Gefühl, das so wie dieser Weg seine was du uns bringst. Wir brauchen ganz andere Dinge Bufunft sei, lastete auf ihm während der ganzen Nacht. und ihm alles vor die Füße geworfen hätte.
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Er hatte nie seine Jugend genossen und nie mit nüchternen, ausruhenden Augen in der Welt umhergeschaut. Gerade in den Entwickelungsjahren, als die embryonenhaften Gestalten seiner inneren Welt sich bildeten, war diese eigentümliche Verblendung gegen die äußere Umwelt, diese unbewußte Abgeschiedenheit von der gegenständlichen Wirklichkeit am stärksten gewesen. Bekannte hatte er wohl gehabt, aber nie einen Freund. Um den zu besigen, hätte er einen Menschen finden müssen, der entweder ihm ebenbürtig oder ein willenloses Werkzeug für ihn gewesen wäre. Denn ohne daß er es wollte, beherrschte er immer den Kreis, in dem er sich befand, und erfüllte ihn mit dem Geist, der in ihm lebendig war. Aber die Menschen, die er traf, waren doppelgesichtige Mittelmäßigkeiten, Zweiseelenmenschen, mit einem solid gebauten. unfehlbaren Organ für ihren Vorteil ausgerüstet und einem Seelchen, das sich gern über die gemeine Schäßung der Dinge erhob. Sie berauschten sich an seiner Gegenwart, fühlten sich groß und frei, aber bald zog die innere Schwere sie herunter, und seiner überdrüssig, ließen sie ihn seinen Weg einsam weiter gehen. Er wurde dessen kaum gewahr. Die Menschen, die zu ihm kamen, nahm er enthusiastisch auf und war nicht böse, wenn sie wieder gingen. Erst als er seine Braut kennen lernte, nahm diese ihn ganz gefangen. All die Jahre, während sie mit ihrer ruhigen, scheinbar nie müden und so seelenvollen Teilnahme ihn in ihrem Bann hielt, lebte er nur für sie. Sie war ihm Geliebte, Freundin, Publikum. Und so stark und dauernd war diese Selbsttäuschung, daß auch in der Ehe ihre wachsende Gleichgültigkeit und Stumpfheit sie nicht hätte zerstören können. Gewaltsam mußte dieser Wahn zertrümmert werden und das hatte seine Frau heute besser, als sie selbst ahnte, getan. Lange Zeit saß Grabaus wie betäubt und in undurchdringliches Dunkel gehüllt. So wenig man nach einem heftigen Sturz wagt, seine Glieder zu rühren, so wenig vermochte er in dem dumpfen Chaos irgend einen Gedanken festzuhalten und richtig zu stellen. Schließlich aber stand er auf und ging über die Gartentreppe ins Haus zurück. Er hatte ein instinktives Bedürfnis nach Bewegung, als wenn dadurch die schwergeballte Masse seines Schmerzes zerteilt und lockerer würde. Während er auf dem Korridor Licht machte, um Hut und Stock zu nehmen, trat seine Frau aus dem Schlafzimmer.
Mehrere Tage vergingen, während derer die beiden Gatten in stummem Groll miteinander verkehrten, ohne sich auszuföhnen. Nicht genug konnte Grabaus sich wundern, daß seine Frau, weit entfernt, ihr Unrecht einzugestehen, im Gegenteil ihn wie einen verstockten Sünder behandelte und durch ihr ganzes Gebaren ausdrückte, daß sie jeden Augenblick darauf wartete, er würde endlich zur Einkehr kommen.
Und in der Tat, eine unbedeutende Kleinigkeit bewirkte in ihm eine ganz andere Auffassung. Da in seinem Zimmer die Fenster gepußt wurden, hatte er sich ins Eßzimmer zurückgezogen, wo er zu dieser Morgenmande ungestört saß, denn die Kinder tollten im Garten. Er hatte sein Buch sinken lassen und schaute auf die Straße. Dort stand seine Frau und handelte mit dem Gemüsemann. Die beiden schienen wegen eines Sades mit Aepfeln nicht einig werden zu können. Der Mann, ein furchtbar ausgemergelter Sterl, schäbiger gekleidet als mancher Bettler, redete aufgeregt auf Konstanze ein, rechnete ihr an den Fingern vor, streckte beschwörend die Arme aus, schlug sich aufs Knie und gestikulierte wie ein leidenschaftlicher Italiener. Wohl zehn Minuten währte die Szene. Jeden Augenblick dachte Grabaus, nun wäre es genug, seine Frau würde nachgeben. Aber diese blieb unbewegt, bis schließlich der Mann wütend seine Peitsche auf den Wagen warf, den Sack herunterriß und mit dem ganzen Ausdruck eines erbosten Menschen seine Last ins Haus trug. Frau Konstanze aber warf einen Blick zum Fenster hinauf, wobei sie zum erstenmal seit mehreren Tagen wieder lächelte.
Grabaus klappte erregt das Buch zu und dachte: wie hätte ich wohl diesen Einkauf besorgt? Offenbar hätte ich nicht bloß sogleich den geforderten Preis bezahlt, sondern womöglich auch noch dem Gemüsemann einen anständigen Rock geschenkt. Und dabei besitzt der Kerl Grundstücke und ist in einer höheren Steuerklasse als ich. Blamiert hätte ich mich und als gänzlich untüchtig erwiesen.... Ich aber verlange von meiner Frau, die eine tüchtige Hausfrau ist, die ihre Kinder in Zucht und Ordaung hält, die feilscht und sorgt und sich abmüht von früh bis spät um unser Wohlich verlange von ihr, daß sie die Welt mit meinen Augen ansieht, was ihrer Natur so wenig entspricht wie das Gegenteil meiner! Betrogen fühle ich mich? War nicht wirklich ich es, der sie um ihr Ich betrügen wollte, der, ohne ihr Wesen zu erkennen, ihr immer vorredete: so bist