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Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 88.

d

Freitag, den 5. Mai.

1905

8]

,, Nie! Warum mit Ihnen?"

( Nachdrud verboten.)

"

Vielleicht weil Sie fühlten, daß die anderen das Weib

flammen.

in Ihnen sahen, und ich uneigennüßig bin."

Roman von Wilhelm Hegeler .

Eine Viertelstunde müssen Sie jetzt still sein und essen, essen, essen. Sie müssen nach der Reise wütend hungrig sein. Nichts schrecklicher für einen Mann als ein leerer Magen, so schlimm wie für die Frau ein leeres Herz... Hier die Sardinen müssen Sie fosten. Das ist Frizens Leibgericht. Wir wollen sie ihm rein aufessen. Wenn er die leere Büchse sieht, das wird ihn tiefer kränken, als wenn er erführe, Sie hätten mich ihm gestohlen. Ach, aber was schwaz ich alles! Sie sollen essen."

-

Mit einem Rud lehnte sie sich zurück und verstummte gänzlich. Ihr selbst schien das Essen mehr Spielerei zu sein, und sie achtete weniger auf die Stillung ihres eigenen Appetits als darauf, daß ihr Gast tapfer zulangte. Als sie dann fertig waren, nahm sie die Weinflasche und ein Glas und beide faßen wieder auf ihrem alten Platz.

,, Nun machen Sie sich's bequem. Denken Sie, Sie wären zu Haus. Ich wäre Ihr Frau. Ach, wie hübsch muß das sein, so als Mann und Frau zu sitzen. Die Kinder schlafen. Tagesmüh und Plage ist vorbei. Der Regen trommelt gegen die Scheiben. Ach, Sie müssen doch sehr glücklich sein. Nicht wahr?"

Er lachte und sagte in leichtem Ton:

"

Man schätzt das, was man hat, immer weniger, als das, was man nicht hat. Eine undankbare Kreatur ist der Mensch. " Was machen Sie, wenn Sie abends mit Ihrer Frau zusammenfißen?" Alles mögliche. Man liest sich vor. Was täten Sie denn, wenn Sie meine Frau wären?"

-

" Ich?... Am liebsten machte ich Zukunftspläne. Das wäre meine Leidenschaft. Wenn ich einen sicheren Boden unter den Füßen hätte und an morgen denken dürfte ich lebte ganz in der Zukunft. Ich stellte Reisen zusammen. Ich baute Häuser. Ich begleitete meine Kinder auf ihrem zukünftigen Lebensweg. Ach, schön muß es sein, Zukunft zu haben."

"

Aber Maggie, wie sprechen Sie denn? Liegt vor Ihnen nicht die schönste Zukunft?"

" Das wird's wohl sein," sagte sie nachdenklich. Den anderen gegenüber war ich so, wie sie mich wollten, gegen Sie aber kann ich sein, wie ich bin. Ich hab Vertrauen zu Ihnen. Drollig!"

,, Was ist drollig?"

Aber sie schien ihn nicht zu hören, sondern summte halb­laut vor sich hin und sah ihn dabei von Zeit zu Zeit lachend mit zwinkernden Augen an.

Maggie, ich glaube fast, Sie mokieren sich über mich." Nein! Ach nein. Wirklich nicht. Und doch ist es so

drollig."

Sie fam wieder näher.

,, Was ist so drollig? Sie oder ich?"

" Wir beide! Ein uneigennütziger Mann? Sie mögen mich nicht. Sie sind in Ihre Frau verliebt. Obwohl das kein Grund wäre. Aber ich gefalle Ihnen nicht. Ich bin nicht Ihr Genre. Oder warum sind Sie so uneigennützig? Wirklich aus Uneigennütigkeit?"

" Ja. Wirklich. Aber wenn Sie noch viel reden Weiß der Himmel, von Stein bin ich auch nicht."

-

,, Ach!" machte fie, scheinbar grenzenlos erstaunt. Nicht von Stein? Wirklich nicht?"

Er ergriff ihre Hand und wollte ihre Hüften umschlingen. Da wand sie sich wie eine Eidechse aus seiner Umklammerung. D, o! Nun brennt's! Hülfe, Hülfe! Das Strohfeuer brennt Adieu Uneigennüßigkeit!" Grabaus aber, leicht berauscht und erregt wie er war, stieß das Weinglas beim Niedersetzen so heftig auf, daß es zerbrach.

Sie sind ein Satan, Maggie! Lasser Sie mich gehen." Im ersten Augenblick wollte sie aufjubeln vor Uebermut. Doch wie sie ihn da stehen sah, mit finsterem Gesicht, wurde fie plöglich zaghaft.

Was was heißt denn das?" " Verzeihen Sie

aber es ist doch wohl besser, wenn ich mich empfehle. Seien Sie nicht böse."

Ich böse?" murmelte sie. Nein, nein, nur nicht gehen. Doch jetzt nicht. Ein solcher Abgang" stammelte sie. Ganz Kleinlaut sammelte sie die größeren Scherben und Meine Zukunft- haha! Möchten Sie wissen, wo meine holte dann von nebenan Schaufel und Besen, um alles rein Bukunft liegt? Im Souffleurkasten, im Spital, im- und fortzuwischen. Soso! Weg mit den Scherben! Darum soll doch das wäre vielleicht noch das beste im Bett eines alten, sie reichte reichen Juden. Aber sterben werde ich da nicht. Ich werde unsere Freundschaft nicht zerbrochen sein. Hier"- bitte im Elend sterben. On revient toujours ch bin ihm ein neues Glas, das sie voll geschenkt hatte auf der Gaffe groß geworden. Warum soll ich da nicht auch trinken Sie, zum Zeichen, daß Sie nicht mehr böse find. Oder Sterben? Wenn ich ein altes Weib mit Streichhölzern sehe, find Sie noch böse?" Er sah sie kopfschüttelnd an und sagte: denke ich immer: Grüß dich Gott, Zukunft!"

,, Ach, was sind das alles für Einbildungen? Sie mit Ihrem Talent!"

find?"

#

" Ich möchte nur wissen, was Sie eigentlich für ein Wesen

"

Ach, das weiß ich selbst nicht. Aber Sie müssen mir

verzeihen.

Sie ergriff seine Hand und drückte einen Kuß darauf. Nicht mehr böse sein!"

" Ist das alles nun Spiel oder ehrlich?"

Ehrlich!" Sie sah ihn mit vollen Augen an.. ,, Wirklich ehrlich! Ich wäre so glücklich, wenn Sie mein Freund sein wollten. Anders... ach, das wäre ja schrecklich gewesen." Warum find Sie denn so?"

Daß ich jung und hübsch bin, das ist das beste an meinem Talent... Komm mir nur feiner mit Zukunft. Ich hab fein gestern, fein morgen. Manchmal finde ich alte Briefe, Lese sie wieder, sehe noch die Tränen auf dem Papier. Und dann denk ich und denke: ja, wer war's denn nur, der dich Damals liebte? Und den du so liebtest? Um den du geweint hast. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich kann mich Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht darauf besinnen. Ich mag's auch nicht. Ich leb im Augenblick. Was gestern war und morgen fommt, da pfeif" Ich weiß nicht. Ich bin eben so. Aber Sie müssen ich drauf. Ich will nicht wissen, wie die Tage fliegen, wie mich deswegen nicht verachten. Sie müssen"- ihre Stimme ich älter werde, wie die Runzeln kommen, Fettpolster, hohle wurde weich und wie im Traum verschleiert- ,, Sie müssen Bähne- nichts will ich wissen, als das, was ist... Ach, mein guter, uneigennütziger Freund bleiben." und doch muß es schön sein, still siten und Träume spinnen zu können."

Sie lehnte sich zurück und leicht die Augen schließend, Wiederholte fie:" Ja, schön wär's. Wie ich noch als Kind oft abends auf der dunklen Hoftreppe saß, nichts hatte alles hoffte... Nun hab ich alles und hoffe nichts."

-

Es war so still, daß man nebena. die Uhr tiden hörte. Warum erzähle ich Ihnen das alles nur? Komisch! Glauben Sie, ich hätte je mit einem Menschen so gesprochen? Mit Frig, mit irgend' nem anderen? Nie!"

Sie sprang auf.

"

Er nickte, und als sie ihr Glas hochhielt, stieß er mit ihr an. Darauf trant sie lächelnd in langsamen Zügen den Wein aus.

Sie nahm wieder Platz und begann ein harmloses Ge­spräch. Sie erzählte ihm von ihrer Kindheit, ihren Anfängen beim Theater, ihren Kollegen. Still und friedlich saßen sie, als wäre nie etwas zwischen ihnen geschehen. Als dann die Tür sich öffnete und Friz Gebhard eintrat, fuhr Maggie er­schrocken auf. Zögernd ging sie ihm entgegen, ihre aufgeregte Freude hinter Gleichgültigkeit verbergend.

Du bist's? So spät noch?"