Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 122. Dienstag, den 27. Juni. 1903 (Nachdruck vervoteu.) 421 flammen. Roman öon Wilhelm Hegeler « Die lauten und verworrenen Stimmen der Nacht klangen nun zusammen zu einer ätherklaren, stillen und doch wunderbar starken Melodie, zu einem unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen (Steinhalden und dem saufenden Wind, aus dem feurigen Glühen der Nadeln und Zinnen und den in der Ferne wie neue Erdkugeln gewölbten Schneebergen, deren violettes Leuchten sich in geheimnisvolle Dämmerungen verlor. Weite Räume umspannte in diesem Augenblick sein Geist, verknüpfte das Gegenwärtige mit längst Vergangenem, und es war ein Glück ohnegleichen, als er empfand, wie dasselbe Gefühl, das ihn einst durch die lärmvollen Straßen Berlins getragen hatte, auch hier seine Seele wie auf Fittichen erhob. Es war finster geworden. Ueber einer zerrissenen Fels- wand funkelte der große Abendstern. Da hastete in großen Sprüngen jemand den schmalen Steig hinunter. Einer der Führer schrie ihn verwundert an, er schrie eine kurze Antwort zurück. Wolf fragte, was denn los wäre, worauf der Führer lakonisch versetzte: Abgestürzt soll einer sein." Als sie das Herrenzimmer des Schlernhauses betraten, waren dort im dicken Qualm der Pfeifen und Zigarren alle um einen Herrn versanimelt, der über den Abgestürzten Aus- kunft zu geben schien. Doch nahmen sie sich zu näheren Er- kundiguugen nicht Zeit, sondern sahen sich erst nach einem Nachtlager um. Später, während sie Toilette machten, kam einer der Führer herein und sagte, der Abgestürzte wär ein buckliger Gelehrter, eim Ausländer. Sie dachten sogleich an ihren Freund aus Schweden und ließen sich vom Wirt die Leiche zeigen. Diese lag in einem kleinen Zimmer auf einer Matratze, beleuchtet von einer glockenlosen, grellen Petroleum- lampe. Nur wenig hoben sie das weiße Laken auf und er- kannten trotz der großen Wunde das scharfkantige Gesicht so- fort. Der Wirt erzählte, daß der Fremde oft zu den Mahl- geilen hergekommen sei, auch einige Male hier geschlafen habe. An diesem Nachmittag hatte ein Hirte ihn in den Felsen des Jungschlerns aufgefunden, noch lebend hatte man ihn hierher transportiert, wo er aber bald gestorben war. Sie teilten dem Wirt mit, was sie wußten, und erfuhren, daß der Hüttenwart Geld und Papiere des Toten an sich ge- nommen habe und für alles Nötige sorgen würde. Wolf war schweigend hinausgegangen. Vergeblich suchte Grabaus ihn in den Räumen der Hütte, bis er ihn dann draußen auf einem Steinhaufen sitzen sah, wo er gedanken- verloren in die schwarzen Gründe hinabstarrte. Nach einer Weile betrat Grabaus noch einmal das Zimmer, in dem dieLeiche lag. Ein schwcrerGeruch vonSchweiß und Blut erfüllte den Raum. Doch stärker als das war ein feiner, süßer, durchdringender Duft, den er gleich anfangs wahrgenommen hatte. Mit grauenhafter Neugierde hob er das Laken auf, aber so schrecklich starrten die schielenden, halb geschlossenen Augen des Toten ihn an, daß er das Gesicht schnell wieder zudeckte. Während er sich grübelnd umsah, nahm er vom Boden ein kleines, grünes Pflänzchcn auf, mit un- scheinbaren weißen Blüten. Er roch daran, der Duft war so stark, als könnte man ihn nie wieder los werden. Und Plötz- lich er wußte nicht warum? fand er einen Znsammen- hang zwischen sich und dem Toten. ** # Zwei Tage später langten die Freunde in der Kölner Hütte an und stiegen dort zum Karerpaß hinunter. So, dös wär die letzten Quellen. Wenns dem gnä' Herr 'gefällt, könnten wir hier raschten," sagte der lange Alois zu Grabaus. Da alle zustimmten, wurden die Rucksäcke abgeworfen, und man lagerte sich um den kleinen Quell, der von einem Holz- röhrchen aufgefangen, umwuchert von saftiger Brunnenkresse und blühendem Moos, aus dem Felsinnern hervorrieselte. Verwildert, ausgedörrt, sonnverbrannt, mit zitternden Sehnen und Nerven von der anstrengenden Kletterei über Grate und Platten waren die beiden Freunde, noch rollte ihr Blut fieber- Haft erregt, gesteigert waren ihre Empfindungen, und ihren Gedanken gaben sie einen urwüchsigeren Ausdruck als sonst« Die Führer hatten die Reste des Proviants zusammen, gelegt und meinten, die müßten die Herren doch mitnehmen.- I, macht's nur gar," erwiderte Wolf, worauf sie die großen Fleischscheiben auf ihre Nickmesser aufspießten uud Schinken, Speck, Butter und Brot mit gleichem Appetit ver- schlangen. Dabei wurden ihre Gesichter um so ernster und ehrbarer, je besser es ihnen schmeckte. Ist das ne Hitze hier unten," stöhnte Grabaus, der lang ausgestreckt zu den jähen Hängen des Latemar hinaufstarrte« Müssen wir wirklich ins Tal hinunter? Zu der Menschen- bagage?" fragte er, unmutig gestimmt durch die Aussicht, noch eine Nacht im Karersec-Hotel verweilen zu müssen. Na, höre, Menschenbagage! Da unten sind sehr nette Menschen!" meinte Wolf beziehungsvoll« .Aber oben is halt luftiger!" Können Sie mir nicht irgendwo in'ner Senne eine Stellung als Geisbub verschaffen, Sie Alois?" O mei, das hielten der Herr net aus,'n ganzen Tag mit dem Vieh dischkurieren. Die sein für'n Herrn Doktor doch zu dumm." Ach, mit Berg und Himmel würde ich diskurieren die sind nicht zu dumm," erwiderte Grabaus. Er schaute ins Tal hinab mit umdüstertem Blick und warf sich dann zurück ins Gras, wo über seinen Augen der tiefe Himmel blaute. Herausgerissen aus aller menschlichen Gemeinschaft fühlte er sich, ein mächtiges Sehnen trieb ihn hinauf, zurück in die Einsamkeit die starren Felsen um sich und nachts den Sternenhimmel über sich, allein mit ihr, und alles, was sonst noch Mensch hieß, tief, tief unter sich. Nach einer Weile aber mußte er mit Erstaunen bemerken, was für seltsame Veranstaltungen Wolf betrieb. Zuerst hatte er mächtige Grasbüschel ausgerissen und sich die Schuhe blank gerieben. Dann wusch er sich an der Quelle mindestens drei- mal die Hände, wozu er sogar Seife benutzte. Darauf bürstete, kämmte und striegelte er sich. Aber damit noch nicht genug, band er sogar noch Kragen und Krawatte um. Was treibst denn Du für Blödsinn?" fragte Grabaus« Na, man muß sich doch etwas anständig machen, da man wieder unter Menschen kommt." Muß man?" Nachdem Wolf sich genügend herausgeputzt hatte, drehte er den dreien an der Quelle seine Kehrseite zu und fragte, oh man den Riß in seiner Hose sähe? 's is net gar so gefährlich," meinte der gutmütige Alois« Wann's die Hand davor halten, stacht mer nix." Ich kann doch nicht inmier die Hand davor halten.* Ist es wirklich sehr schlimm?" wandte er sich an Grabaus. Mein Lieber, kein Rosengarten ohne Dornen. Ich würde es als Ehrenzeichen ansehn. Uebrigens ist die Unterhose ja noch heil." Aber ich kann mich unmöglich so vor Maggie sehn lassend Du mußt sie schön bitten, daß sie's Dir zustopft." Diese Bemerkung schien aber Wolf sehr übel zu nehmen« Er machte ein böses Gesicht, und nachdem er eine ziemliche Weile ganz verstummt war, trieb er energisch zum Aufbruch« Während die beiden hinter den paffenden Führern über die Wiesenhängc hermarschierten, schob er plötzlich den Arm unter den seines Freundes und sagte: Heinrich, Du weißt nicht, wie mir zumut ist." Wieso?" Ehrlich gesagt, ich bin noch wahnsinnig verliebt." In Maggie?"__________ Ja. Weiß der Himmel, vielleicht wäre es besser, ich sähe sie nicht wieder! Und wenn ich an ihren Mann denke an diesen James Laaß überhaupt, was ist das für ein gottverlassener Name wenn ich mich bloß beherrsche, wenn ich bloß keinen Streit anfange mit diesem Menschen!" Das wirst Du schon nicht tun." Ach, warum habe ich sie nicht geheiratet?. Ja, ja, ich