Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 129.
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Donnerstag, den 6. Juli.
( Nachdruck verboten.)
Das Ungeborene.
Eine Erzählung von J. J. David. Ja, in dem Knaben lebte halt ein anderer und ein höherer Geist. Er selber hatte die Pflicht, sich davor zu beugen und ihn zu hegen. Wie leicht ihm zum Beispiel nur das Deutsche wurde! Der Alte lebte doch so viel länger in Wien , paßte nach Kräften auf und man konnte ihm immer noch anmerken, te woher er eigentlich gekommen war: hier war selten mehr etwas zu spüren und dabei blieb die Muttersprache sicher und geläufig. Und er war im letzten Grund auch ein guter Junge, dem die ganze Klasse samt der Lehrerschaft zugetan war. Daß ihn am Ende die Themen wenig interessierten, bei denen sich sein Pfleger am liebsten verweilte- ja, er war gerecht genug, das auch dann noch zu begreifen, wenn es ihm weh tat. Begann dem Jungen doch sogar das Bild der Mutter langsam vor der Fülle neuer Eindrücke zu verbleichen, deren Erinnern ihm frisch und heilig zu halten sich der Alte aus guten Gründen bemühte. Und wenn ihn der kleine Gregor noch nicht so gerne hatte, als er es just um ihn zu verdienen meinte, so tut bei derlei die Gewöhnung viel und einmal mochte schon das richtige Verständnis erwachen und ihr Werk bollenden. Denn für sich begehrte Gregor Gazda der Weltere so wenig von ihm, als er sich jemals etwas vom Leben verTangt hatte. Je höher er ihn steigen sah in seinen sorgenden und liebevollen Gedanken, desto weiter und unüberbrückbarer wurde doch auch der Abstand zwischen ihnen Zweien.
Wie hübsch er nur war! Und wie fein er sich hielt! Ja, wenn man nicht darauf geachtet hätte, daß er doch Handreichungen tue da oder dort, er hätte nicht übel Anlagen zur Hoffart gehabt. Die waren nicht zu dulden, so gut Gregor Gazda wußte, woher er sie, woher er jede seiner Gaben und Anlagen empfangen haben könne. Er zergliederte sich ihn nach seinen einfachen Begriffen immer wieder, wenn er im Dienst eine Pause hatte und an einem gedeckten und erlaubten Ort einige rasche Züge aus seiner Pfeife tat; hatte einen unerschöpflichen Stoff zum Nachdenken an ihm und war flug genug, von niemandem zu begehren, daß er da mithalte. So ward er: immer schweigsam und grüblerisch verschlossen. Nur, wenn wieder einmal das Zeugnis fam, dem er entgegenfieberte, dann konnte er nicht länger an sich halten. Er steckte das kostbare Blatt zu sich und studierte es so ernsthaft und eifrig, bis irgend wer neugierig ward oder mindestens aus Höflichkeit so tat, als wär' er's geworden, und es zu sehen begehrte. Er zeigte es her und wisperte:„ Aufpassen Du! Damit Du fein Fleckchen hineinmachst! Dent' Dir nur, der Bub' ist wieder der beste! Unter so vielen der bestedent' Dir!"
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Der andere tat einen Blick hinein und schmunzelte und meinte hernach zu den übrigen: Was der Gazda mit dem Bankert treibt! Das ist doch nicht zu glauben. Er ist halt wie ein Weib. Saganz wie ein altes Weib ist der Gazda." Und so lebten diese beiden für sich, einträchtig und einfam. Schon taten sich dem Jungen Kreise auf, in die der Alte niemals zu kommen auch nur hätte träumen dürfen und ehrfürchtig vernahm er, was der Gregor an Berichten darüber bergönnte, der so schon seine ersten Schritte der Zukunft entgegentrat, während der andere eigentlich nur noch in der Vergangenheit lebte und ins Kommende nur so weit sah, als er dem teueren Wahlkind mit den Augen folgen und nachkommen
fonnte.
Als er zum Militär, oder wie sie bei ihm zu Hause immer, auch bei den friedlichsten Zeiten zu sagen pflegen: in den Krieg mußte, hatte sich Gregor Gazda mit der Ludmilla Hajduk versprochen.
Daß er feine andere heiraten würde, nur sie, dies wußte er freilich schon viel früher, fast von ihren ersten Kindes beinen. Denn sie gehörten zu Nachbargründen und waren beide Waisen.
Ihm waren die Eltern sehr zeitig weggestorben, und nun wuchs er auf wie er eben wollte. Etwas Vermögen, so viel, daß er in seiner sehr armen Gemeinde sogar für wohlhabend
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gelten konnte; ein Häuschen, einige Striche Feld hatten sie ihm hinterlassen.
Er war ein Grübler und ein ungeselliger Bursche von flein auf. Sehr leicht war er verwirrt zu machen, auch bei Dingen, die er ganz sicher wußte. Zum Beispiel in der Schule mußte er darum viel Unrecht leiden. Man hielt ihn nicht für gar flug; vielmehr für etwas schwach im Kopf. Denn er verwunderte sich sehr über Dinge, an denen andere nichts zu vermerken fanden, und er machte sich wiederum nichts aus Sachen, um die sie sonst meilenweit laufen.
Ein großes Bedürfnis nach Unterordnung, wo er liebte, war in ihm. Sagte ihm jemand etwas, den er gerne hatte, so ſchwor der Gregor darauf. Das schien ihnen töricht, und sie haben ihn also oft mißbraucht, daß sogar er es merken mußte. Darüber hat er sich natürlich gekränft, ohne sich anders helfen zu fönnen, als indem er sich immer mehr in sich zurückzog. Er hätte gerne was Ordentliches gelernt. Dazu war aber so ohne weiteres nicht Gelegenheit; von außen fam fein Anlaß, und aus sich selbst nahm er die Kraft eines Entschlusses nicht. Und so las er denn, was ihm eben unterkam, immer wieder dasselbe Buch und fand immer wieder in jedem Satz etwas zu vermerken. So ward er anderen beschwerlich und fam immer mehr ins Schweigen und ins Nachdenken, spann fich immer tiefer in das wunderliche Weltbild ein, das er in sich trug. Und so vieles ging ihm durch den Kopf, auf das er fich einen Reim finden mußte, das er nicht zu ordnen verstand, daß er sich alles planmäßig einteilte und nach seiner Zeit und nach bestimmten Vorsägen machte, damit er nicht im Wirrwarr vollkommen unterginge. Auch das ward natürlich ruchbar und verspöttelt.
Gerne saß er bei den Hajduks drüben und machte sich nüßlich, so gut er's vermochte. Da war nämlich Leben. Der Vater war ein sehr armer Teufel, der in den Taglohn ging und dabei lustig war und beständig lachte. Das verstand der Gregor gleich nicht, wenn man sich so ums trockene Brot plagen mußte, und es wimmelte nur so von Kindern, immer eines kleiner als das andere, daß man achtgeben mußte, über feines zu stolpern und niemandem wehe zu tun, und die Frau war tot, und es quietschte und schrie immer durcheinander, wie ein Haufen Ferkelchen, und die Ludmilla, die eben die älteste war, hatte ihre liebe Not mit ihnen und um nur ein wenig Ordnung zu halten.
Da heißt es immer: die Lustigen sind die besten Brüder, hat er sich gedacht, aber, warum sind sie's? Weil sie keine Augen haben und nicht sehen, wenn sich alles um sie plagt und nichts so ist, wie es in einer ordentlichen Wirtschaft sein soll. Lieber stellen sie sich blind, nur damit sie sich die Laune nicht verderben. Aber gehört sich das? Für einen wirklichen Menschen? Der doch über seine Nase hinausdenken und ein Gefühl haben soll für andere? Das ist doch sehr bequem, so ein luftiger Kerl sein, mit dem gut hausen ist. Solche Gedanken hat er in sich gehabt, wenn er die Wirtschaft bei den Hajduks sehen mußte; und die Rackerei von der Ludmilla, die er sehr, sehr gerne gehabt hat. Er bewunderte das kleine Frauenzimmer maßlos. Wie sicher sie nur in allem war! und wie sie sich in Respekt zu sehen verstand Da waren ihre Brüder- Lümmel, halt richtige Lümmel, mit endlosen Beinen, die sie gar nicht weit genug von sich zu strecken wußten, und eben in den Jahren, da man sich sonst gegen so ein Mädchen aufzuflegeln beginnt und es verachtet, weil es halt doch nur Kittel trägt. Die hatte sie ganz gehörig am Pfiff und muckte einer einmal auch nur auf, dann verstand sich die Ludmilla zu helfen. Sie war wirklich eine handfeste Person und was man so sagt: ein lockeres Gelent. Sie brauchte feinen Ritter und verließ sich am liebsten auf sich selbst; und fette sie einmal einem eine hinter die Ohren, dann kam die so flink und saß so ausgezeichnet, daß der eben nur das Maul aufsperren konnte. Dabei vergißt man das Antworten und sieht nicht flug aus. Aber schon gar nicht. Sie hatte die Kinder unendlich gern. Ganz klein war sie selber noch gewesen und hatte sich schon abbalgen müssen, daß es ein Jammer war und den Gregor oftmals sehr erbarmte. Wollte er sie aber darum bedauern, so sah sie ihn an, wie einen, der nicht klug ist und allerhand daherredet. Noch wie die Alte lebte, hatte das begonnen und nach ihrem Tode war doch alles