Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 143. Mittwoch, den 26. Juli. Mittwoch, den 26. Juli.

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Gobleck.

( Nachdrud verboten.)

SINUS, it sin

1905

deren sie sich bediente, um das Vermögen ihres Gatten in ihren Besitz zu bringen wurden fie ihr nicht durch ihre Mutterliebe und von dem Wunsche aufgezwungen, das gegen ihre Kinder begangene Unrecht tunlichst wieder gut zu machen? Vielleicht auch, daß fie, wie manche Frauen, die die wilden Stürme der Leidenschaft über sich haben ergehen lassen, schließlich die Not­wendigkeit empfand, zu einem tugendhaften Lebenswandel zurüdzukehren. Möglicherweise lernte sie den Preis der Tugend erst in dem Augenblicke kennen, wo sie die leidenbolle Ernte einheimsen mußte, die sie durch ihren Fehltritt ausgesät hatte. Jedesmal, wenn der junge Ernest das Zimmer feines Vaters verließ, wurde er über alles, was der Graf gesagt und getan hatte, einem inquisitorischen Kreuzberhör unterzogen. Der Knabe lieh sich willig den Absichten und Wünschen seiner Mutter, da er sie mit zärtlicher Liebe erklären zu können glaubte; er fam den Wünschen seiner Mutter sogar auf halbem

Mein Besuch aber war der Gräfin wie ein Fingerzeig er­schienen, da fie in mir das Werkzeug der Nache ihres Gatten zu erbliden glaubte; infolgedessen entschloß fie fich auch, mich nicht zu dem Sterbenden vorzulassen. Ich war von dunklen Borahnungen erfüllt und jemehr ich mich über das Schicksal des Gegenreberses einer tiefgehenden Unruhe nicht erwehren fonnte, desto fehnlicher trachtete ich, eine persönliche Unter­redung mit dem Grafen Restaud herbeizuführen. Wenn dies Dokument der Gräfin in die Hände fiel, so war sie imftande, seinen Inhalt geltend zu machen und es wäre zweifellos zwischen ihr und Gobjed zu einer endlosen Reihe von Pro­zeffen gekommen. Ich kannte den Bucherer zu genau, um nicht fest davon überzeugt sein zu müssen, daß er der Gräfin die Befißtümer ihres Gatten niemals wieder überlassen würde; außerdem enthielt der tertuelle Aufbau dieser Urkunde eine Unzahl von Rechtskniffen, die nur von mir allein erfolgreich borgebracht werden konnten. Es lag mir viel daran, weiterem Unheil vorzubeugen und so begab ich mich noch ein zweites Mal zu ihr. delistam dig

Von Honoré Balzac . Deutsch von Alfred Brieger Graf Trailles, der damals gar zu dringlich von seinen Gläubigern verfolgt wurde, reiste zu jener Beit in England umber. Er allein wäre allenfalls imstande gewesen, seine Freundin über die geheimnisvollen Maßregeln aufzuflären, die Gobject ihrem Gatten gegen sie angeraten hatte. Wie man erzählt, soll sie jedesmal lange gezögert haben, ehe sie ihre Unterschrift hergab, die nach dem Wortlaut unseres Gesezes unumgänglich notwendig ist, um den Verkauf von Familien­gütern rechtskräftig zu machen; aber der Graf gelangte jedes­mal zu seinem Ziel. Sie war der Meinung, ihr Gatte beab­fichtigte, sein territoriales Eigentum zu realisieren und fie nahm an, daß das kleine Päckchen Banknoten, das den Gegen- Wege entgegen. mert eben dieses Besizes darstellte, sich irgendwo wohl ver­wahrt in der Kaffette eines Notars oder vielleicht einer Bank befände. Ihrer Rechnung nach mußte Restaud notwendiger weise im Befite irgend einer Urkunde sein, um seinen ältesten Sohn in die Lage versetzen zu können, diejenigen Befigtitel, auf die er einen besonderen Wert legte, als sein Eigentum einzufordern. Sie entschloß fich daher, in der Umgebung des Kranten eine Art scharfen Bachdienstes einzurichten. Mit despotischer Strenge herrschte sie in ihrem Hause, das nun­mehr ganz unter dem Druce ihrer weiblichen Spionage stand. Ganze Tage lang saß fie in dem Salon, der dem Bimmer ihres Gatten zunächst lag und von dem aus sie jedes Wort und die geringste Bewegung ihres Mannes belauschen konnte. Nachts ließ fie in eben diesem Raume ein Bett aufschlagen und sie schlief fast nie. Den Arzt hatte sie ganz auf ihre Seite zu ziehen verstanden. Ihre zärtliche Aufopferung schien auch in der Tat über jeden Zweifel erhaben! Mit jener angeborenen schlauen Klugheit, die allen hinterlistigen Menschen eigen ist, vermochte sie die Abneigung, die Restaud gegen sie an den Tag legte, so geschickt zu verbergen, und sie spielte die Leidensvolle und Schmerzensreiche mit derartig täuschender Ueberzeugungs­kraft, daß sie sich sogar ob ihrer Opferfreudigkeit eine Art Be­rühmtheit erwarb. Einige von den Ueberprüden waren fogar der Meinung, daß sie sich auf diese Weise ihre Fehltritte wieder gutzumachen bemühte. Tatsächlich aber hatte sie nur unent­wegt das Elend vor Augen, das sie beim Tode des Grafen er­wartete, falls ihre Geistesgegentart im geeigneten Augenblicke fie im Stiche ließ. So war es also dieser Frau, die von dem Schmerzenslager, auf dem der sterbende Gatte seufzte, uner­bittlich zurückgestoßen war, gelungen, gleichsam einen magi­schen Kreis um diese Stätte der Vernichtung zu ziehen, sie, die ihm so fern stand und doch in seiner nächsten Nähe weilte, sie, die in Ungnade gefallen war und doch die Macht in ihren Händen hielt, fie, die scheinbar treu ergebene und mitfühlende Gattin umschlich beutegierig den Ort des Todes und die ver­meintliche Fundstätte des Geldes, wie jenes Insekt, das auf dem Grunde der von ihm spiralförmig aufgetürmten Sand­pyramide das ihm sicher verfallene Opfer erwartet, indem es jedes niederfallende Sandkörnchen belauscht.

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Selbst der strengste und am schwersten zu befriedigende Beurteiler menschlichen Wesens hätte anerkennen müssen, daß die Gräfin das Muttergefühl faft auf die Spike trieb. Auch war wie man allgemein erzählte der Tod ihres Vaters für sie eine harte Lehre gewesen. Sie liebte ihre Kinder ab­göttisch und hatte ihnen die Bilder des zerrütteten und aus feinen Bahnen geworfenen Familienlebens zu berbergen ge­wußt; das jugendliche Alter ihrer Kinder war diesem Vor­haben günstig gewesen und so war es ihr gelungen, fich deren Liebe zu erwerben und ihnen die denkbar beste und glänzendste Erziehung zuteil werden zu lassen.

Ich muß gestehen, daß ich mich einer gewissen Bewunde­rung für diese Frau nicht erwehren fonnte und ebensowenig einer Art von Mitleid, deretwegen Gobsed sich noch häufig über mich luftig machte. Um jene Zeit hatte die Gräfin die niedrige Gefinmung Marimes bereits erkannt und sie büßte die Irrungen ihres früheren Lebens mit blutigen Tränen. Ich will es wenigstens glauben. Wie häßlich und verab­scheuungswürdig die Maßnahmen auch gewesen sein mögen,

Ich habe zu wiederholten Malen die Bemerkung gemacht, Madame" wandte sich Derville an die Vicomtesse Grand­lieu, indem er einen mehr vertraulichen Ton anschlug- ich habe also mehrfach die Existenz eines Phänomens auf geisti­gem Gebiete bemerkt, dem wir in unserem gesellschaftlichen Leben nicht die genügende Beachtung zollen. Da ich von Natur die Dinge um mich her gern beobachte, habe ich den Angelegen­heiten menschlicher Interessen, in denen die verschiedenen Eigenschaften einander in lebhaftem Widerspruch gegenüber gehalten werden, unwillkürlich immer ein Bestreben analyti­scher Sonderung entgegengebracht. Mit stets erneutem Staunen habe ich die Tatsache bewundert, daß die geheimsten Absichten und Ideen, die zwei Gegner in sich tragen, fast ebenso oft beiderseits vorausgeahnt und durchgeführt werden; so stößt man bei beiden feindlichen Parteien auf dieselbe hellseherische Kraft des Verstandes, auf dieselbe Gewalt des intellektuellen Scharfblides, wie sie beispielsweise zwischen zwei Liebenden besteht, die eines in der Seele des anderen lesen. Als wir beide die Gräfin und ich uns zum zweiten Male gegenüberstanden, begriff ich auch sofort den Grund der Abneigung, die sie mir entgegenbrachte, wenngleich sie ihre Ge­fühle unter den Formen zierlichster Höflichkeit und Liebens­würdigkeit wohl zu verbergen wußte. Ich war für fie ein aufgedrungener Mitwisser und es ist ausgeschlossen, daß eine Frau den Mann nicht haßt, bor dem sie erröten muß. Anderer­seits war sie sich auch darüber klar, daß mir ihr Gatte, falls ich tatsächlich der Mann war, auf den er sein Vertrauen fetzte, fein Vermögen oder dessen Gegenwert noch nicht eingehändigt hatte.

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Unsere Unterredung, deren wörtlichen Inhalt ich Ihnen ersparen will, ist mir als der hartnädigste und gefährlichste Kampf im Gedächtnis geblieben, den ich jemals in meinem Leben bestanden habe. Die Gräfin, die ja von Haus aus mit allen Eigenschaften ausgestattet war, um eine fast unwider­stehliche Verführungskunst ins Treffen führen zu können, zeigte sich abwechsend nachgiebig, sanft, stolz, zutraulich und vertrauensselig. Sie ging sogar so weit, persönliche Neu­gierde in mir zu erwecken und machte den Versuch mit einer Andeutung auf ein mögliches Liebesverhältnis, um mich auf