Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 151. Sonntag, den 6. August. 1905 6, (Nachdruck verboten.) Die keilige Kummernud. Novelle von Richard Huldschiner. Pepi war schon aufgestanden und reichte ihm zögernd die Hand, die er mit warmem Druck umschloß. Tann ging sie. ohne sich umzuschauen, schnell der Stadt zu. Er aber stand unter dem Nußbaum und sah ihr nach, bis sie zwischen den Weinlauben verschwunden war. Sie lief gehetzt am Bahn- Hof vorüber und durch die abendlichen Gassen. Allen Menschen, die ihr begegneten, sah sie ängstlich ins Gesicht, weil sie meinte, daß man ihr ihre Unruhe ansehen müßte. Und sie begriff nicht, wie sie alle so gleichgültig oder traurig dreinschauen konnten. Es war doch so schön, zu leben, so schön. Man mußte ja fröhlich sein. In der Wohnung war noch niemand. Sie legte ihre Sachen ab, ging in die Stuben der Zimmerherren und richtete sie für die Nacht her. Tann schaute sie in die Küche, besann sich, ob sie Feuer machen sollte, ließ es aber sein. Wer weiß. ob die Mutter damit eiiwerstanden war? Sie setzte sich auf das alte Sofa in der Ecke, lehnte den Kopf zurück und träumte. Sie fühlte sich müde und doch wach wie jemand, der aus langem schweren Schlaf erwacht ist. Und doch: als die Mutter nach Hause kam. war sie auf dem Sofa fest eingeschlafen. Ihr Kopf war zurückgesunken, die Lippen leicht geöffnet, die Arme hingen herab. Die Stirn bedeckte ein feiner Schweiß. ... Am nächsten Tag ging Pepi direkt von der Kathl nach Hause. Sie war traurig und wollte sich in ihrem Stüb- che» vergraben. Nur niemand sehen, nur nicht sprechen müssen! Die Menschen hatten recht, wenn sie traurig durch die Straßen gingen. Das Leben war nicht lustig; man mußte weinen. Sie zog ein altes Hauskleid an und setzte sich mit dem Gebetbuch an den Küchentisch; die bunten Heiligenbildchen. die da und dort zwischen den Seiten steckten, beruhigten sie und lenkten ihre Gedanken ab. Vielleicht war ihre Sünde doch nicht so schwer, vielleicht konnte sie Vergebung finden, wenn sie ein für allemal mit dem Geschehenen abschloß und der Mutter beichtete. Aber davor fürchtete sie sich ja so sehr; das war es ja, was sie so traurg machte. Die Mutter war so seltsam; sie konnte immer nur schelten. Aber dann war ja auch noch der Onkel Anton da; wenn sie mit dem darüber sprach? Nein, das ging erst recht nicht. Der würde sie bloß auslachen.Ach Gott ! Daß man so verlassen war!..." Auf der kleinen Uhr schlug es sechs. Sechs Uhr schon? Ja, da traf sie gewiß den Pater Gerhardus oben in der Franziskanerkirche! Dem konnte sie beichten. Sie sprang auf, riß ein Tuch aus dem Kleiderschrank und lief über die Treppe hinab. Aber als sie die Haustür öffnete, stand Pernwerth da. Ihr war, als ob sie umsinken mußte. Da stand er, den sie hatte nimmer wiedersehen wollen, lächelte glückselig und streckte ihr die Hand zum Gruß entgegen. Sie wollte umkehren, die Tür hinter sich ins Schloß werfen, konnte aber nicht. Und mit einem Schlag fiel alle Traurigkeit von ihr ab. Sie wunderte sich nicht einmal darüber, daß er ge> kommen war. Das war ja so natürlich. Warum sollte er sich auch nicht nach ihr umsehen? Sie hatte ja auch den ganzen Tag diese schreckliche Sehnsucht gehabt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wankte gegen die Wand des Hausgangs und auf einmal fühlte sie sich von seinen Armen umschlossen. Pepi!" sagte er zärtlich und drückte sie an sich. Und da schloß sie die Allgen und legte den Kopf an seine Brust. Die milde Kühle des großen, gewölbten Flurs umfing sie wie mit Zaubermacht. Vom Garten her hörte man das Singen der Vögel; die Zweige der großen Bäume rauschten im leisen Abendwmd. Und sie waren ganz allein, fern von den Menschen, auf einer einsamen Insel, an deren Gestaden nie- mand landen kann. Sie drückte sich fester in seine Arme, vergrub sich gleich- sam in ihnen, und sie wollte nimmer loslassen, nimmer; denn sie gehörte zu ihm, und was er tat. war recht. Er sagte aber immer nur:Pepi!" und streichelle ihr Haar. Und als sie die Augen zu ihm aufhob, küßte er sie auf den Mund. Die Haustür war offen geblieben. Ein Schusterjunge ging draußen pfeifend vorüber; dann kam ein Mann, der einen Karren schob; es polterte auf dem schlechten Pflaster, als ob es eine ganze Batterie Kanonen wäre. Und hinterher zottelte ein altes Weib, das einen großen verdeckten Korb auf der Schulter trug. Aber die beiden erwachten nicht aus ihrer Versunken- heit. Was ging sie die Welt da draußen an? Hattest Du mich gesehen?" fragte er nach einer Weile. Ich stand schon lange vor der Haustür und guckte nach Deinen Fenstern hinauf." Sie schüttelte nur den Kopf. Nein? Wo wolltest Du denn jetzt hin?" In die Kirche." Und Deine Mutter?" Es ist niemand zu Hause." Schatz!... O. Du!... Süße!" Ich liebe Dich schon lang... schon lang.. Sie sagte es träumerisch, mit Augen, die in eine weite Ferne starrten.Schon lang... ich wußte es nur nicht... und ich meinte, daß ich Dich hassm müßte..." Aber jetzt werden wir uns immer lieben." So wie ich Dich liebe, kannst Du mich gewiß nicht lieben." Sie schauderte zusammen und machte sich los. Um Gottes willen! Wenn uns jemand gesehen hat? Und die Mutter kann jeden Augenblick nach Hause kommen! Ich bitt' Dich, geh!" Noch einen Augenblick!" flehte er. Aber sie sah ihn so angswoll an. daß er sie nicht mehr quälen wollte. Nun gut... ich gehe. Aber wo sehe ich Dich morgen?" Morgen?... ich weiß nicht... ich habe Angst... nein, ich kann nichts sagen..." Am Nußbaum draußen? Wo wir gestern zusammen- gesessen haben? Sag ja, sag ja!" Ja... ja... nur geh jetzt..." Da küßte er sie noch einmal lang auf den leicht geöffiwten Mund und ging. Aber Pepi stand noch eine Weile da, als ob sie an den Boden festgenagelt sei. und ihre Augen wanderten ruhelos durch den langen Gang. Tann raffte sie sich plötzlich zu- sammen und lief die Treppe hinauf, zog sich mit fieberhafter Eile um. Sie mußte fort, in die Ltirche, irgendwohin, wo sie beten konnte. Sie hatte für etwas zu danken. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie nicht zu bitten, sondern zu danken hatte. Das duldete keinen Aufichub, das mußte bald geschehen. Aber je näher sie der Franziskanerkirche kam, um so unruhiger wurde sie. Es wird sehr voll sein, sagte sie sich. Wer weiß, ob Du ungestört beten kannst? Und dann der Pater Gerhardus. Nein, dem durfte sie jetzt nicht begegnen. In der Pfarrkirche konnte man besser beten. Die Helene sagte es auch, und die wußte Bescheid.__,. Ihre Schritte verlangsamten sich. Sie stellte sich das hohe, dämmernde Mittelschiff der Pfarrkirche vor. mit dem großen, goldenen Altar, der durch das Ungewisse Dunkel schimmerte, und plötzlich wußte sie es. daß sie in die Pfarr- kirche mußte. Wie hatte sie auch nur einen Augenblick an die Franziskaner denken können! Ja, wenn man beichten wollte! Aber sie wollte ja nicht beichten! Sie hatte ja nur zu beten und zu danken! Zu der Mutter Gottes konnte sie viel besser in der Pfarrkirche reden. Tie Mutter Gottes war ja so viel milder als der heilige Franziskus. Die Mutter Gottes mußte so ein armes, glückliches Mädel viel besser verstehen. Der heilige Franziskus machte ihr nur Angst. Und zum Pater Gerhardus konnte sie ein anderes Mal... So drehte sie wieder um und eilte durch dunstige«traßen nach dem Pfarrplatz. Als sie bei der Post um die Ecke bog und der hohen, lichten Kirche gegenüberstand, befiel sie heftiges Herzklopfen. Da preßte sie ihre Hand gegen die Brust, holte ein paar Mal tief Atem und stand einen Augenblick still. Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und trat ein. Die Kirche war fast leer. Nur hinten in den letzten Bänken knieten ein paar alte Weiber. Und vor den Stufen des Hauptaltars lag eine in tiefe Trauer gekleidete Dame mit