Anterhaltungsblatt des Vorwärts

11010A SUS

Nr. 15.

91

250 100

othe

Donnerstag, den 10. August.

( Nachdruck verboten.)

Die beilige Kummernus.

Novelle von Richard Huldschiner. Die Sohlen brannten Pepi wie Feuer, und doch war sie noch nicht weit gegangen. Und sie hatte noch die halbe Stadt zu durchqueren. alon

Nahm dieser Weg denn nie ein Ende? Einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich nach Hause zu schleppen. Aber sofort verwarf fie den Gedanken wieder. Sie mußte Klarheit bekommen, sie mußte wissen, wie es stand Und sie rastete ein paar Minuten, an eine Haustür gelehnt, und wankte weiter. Was fümmerte es sie, daß die Menschen stehen blieben und sie neugierig anstarrten. Sie mußte vor­wärts, vorwärts

Es schlug auf der Deutschordenskirche fünf Uhr, als sie endlich das alte Haus im Dorf" erreichte. Nirgends ein Mensch, alles verlaffen, alles in brütende Sonnenglut getaucht. Die grünen Fensterläden waren geschlossen, die schwere Tür mit dem bronzenen Türklopfer hatte etwas Abwehrendes, als ob sie sagen wollte: hier tritt niemand ein. Und fein Laut, fein Zeichen, daß hier Menschen wohnten. Die hohen Mauern, die die Gasse zwischen sich faßten, wuchsen erbarmungslos in die Höhe, wehrten dem Blick und ließen nur einen Streifen des unerträglich strahlenden Himmels frei, an dem die weiß­glühende Sonnenscheibe langsam dahinglitt. Es roch nach Staub und nach heißen Steinen. Wenn ein Windstoß daher­kam, wirbelten dichte Wolken durch den Engpaß der Gasse.

Aber Pepi achtete dessen nicht. Sie lehnte sich an einen breit vorspringenden Mauerpfeiler und starrte nach den ge­schlossenen Fenstern hinauf.

"

1905

Der Herr Doktor meint, daß der Gnädige davon. kommen wird."

D, das ist gut... ich will's der Kathl sagen." Sie hielt sich fest an der Tür, um nicht zu fallen; aus dem Haus­gang, dessen Boden mit Steinfliesen gedeckt war, strömte er­frischende Kühle heraus. Im Hintergrund des großen, fast dunklen Raumes ging die Treppe in die Höhe. Pepi, lauschte ängstlich, ob nicht vielleicht von oben etwas zu hören war. Aber es herrschte eine tiefe Stille, nur unterbrochen von dem langsamen Ticken einer großen, alten Standuhr neben der Treppe, deren metallenes Zifferblatt durch das Dunkel leuchtete. Das Mädchen wurde ungeduldig und klapperte mit der Türklinke.

" Ich muß wieder hinauf, die Gnädige hat schon gerufen," sagte sie schließlich so unhöflich, daß Pepi erschrak und langsam auf die Straße zurücktrat, und kaum war sie draußen, als sich die Tür schon mit einem hörbaren Knall hinter ihr ge­schlossen hatte.

Da fuhr Pepi zusammen, sah noch einmal nach den Fenstern hinauf und ging dann leise flüsternd und glücklich vor sich hinlachend nach Hause. Es schlug gerade sieben Uhr, als sie ihr Stübchen hetrat. Die Mutter war noch nicht da... Pepi legte sich sofort zu Bett und drehte sich gegen die Wand. Aber sie wußte wohl nicht, daß sie noch immer vor sich hinlachte und unzählige Male flüsterte:" O, wie ich froh bin... wie ich froh bin..." 9705.

Jeden Abend stand Pepi vor dem Hause im Dorf" und starrte nach den Fenstern hinauf. Aber der große, weiße aften, den die Leute wegen eines in die Wand eingelassenen Wappens mit einem großen, aufgerichteten Bären die Bären­daburg" nannten, verriet nichts von dem, was innerhalb seiner Mauern vorging. Die grünen Jalousien blieben hartnäckig geschlossen. Nur ein kleines Fenster in der Mitte tat sich manchmal auf, wenn die Sonne sant oder wenn der Tag kühl und bewölkt gewesen war.

Nichts regte sich, und Viertelstunde um Viertelstunde berging. Um sieben Uhr mußte fie zu Hause sein, ehe die Mutter wiederkam, um sieben Uhr; und wenn sie bis dahin nichts erfahren hatte, dann würde sie diese Nacht nicht überleben fönnen.

Aber der Himmel fragte nicht nach dem Leid eines armen Mädchens, Gott war nicht gütig; die Helene log; Gott war nicht für alle. Sie wußte es besser: wer nicht unter einem glücklichen Stern geboren war, konnte niemals glücklich werden

Und sie stand da und wartete an die Mauer gelehnt. Auf den Türmen schlugen die Viertelstunden, immer in derselben Reihenfolge; zuerst kam die Pfarrkirche mit langfamen, tiefen Schlägen, dann die Franziskanerglocke, dann nach einer Weile die helle Uhr des Deutschordenshauses, der dann in weiter Ferne noch eine folgte, vielleicht in Gries drüben... Bepi wußte nicht mehr, worauf sie wartete; eine lähmende Erstarrung war über sie gekommen, die sie nicht mehr abzu­schütteln versuchte. Mochte doch alles aus sein; sie würde auf diesem Plage stehen bleiben und vor Erschöpfung sterben. Auf der Welt hatte sie doch nichts mehr zu suchen.

In ihren Ohren sauste es. Eine rote Wolfe tanzte ihr vor den Augen, und ein schwerer Druck, der sie in die Kniee zu werfen drohte, legte sich auf das Haupt. Schweratmend stüßte fie fich an die Mauer und preßte die Handflächen gegen die von der Sonne durchglühten Steine. Ueberall flimmerte es von weißem Staub..

the Plöglich fnarrte die Tür und öffnete sich. Doktor Gersten­berger trat heraus, rückte den Hut auf den Hinterkopf und ging schnell die Straße hinab.

Aber bevor sich die Tür noch hinter ihm geschlossen hatte, war Pepi schon darauf losgestürzt, um dem Dienstmädchen, das im Hausgang sichtbar geworden war, eine Auskunft ab­zuzwingen.

7902

Entschuldigen Sie nur," brachte sie feuchend heraus, ich wollte mir fragen, wie es ihm geht, dem Herrn Pern­merth.. ich komm' von der Nähkathl... von der Fräulein Kathi Peer... und ich soll fragen, was der Doktor gesagt hat

Das Mädchen fah Pepi mißtrauisch an und behielt die Türklinke in der Hand.

dru Wie es geht?... ganz gut soweit." la, Und er wird nicht sterben müssen?" it

Ein weiblicher Arm stieß dann die Holzläden auf und fettete sie mit dem Eisenhaken fest. Mehr konnte man von unten nicht sehen. Die Enge der Gasse verhinderte, daß man weiter zurüdtrat und so einen Blick in die Tiefe des Zimmers gewann.

Dann wurde alles wieder tot und versank in das sommer­fiche Schweigen einsamer Vorstadtgassen, deren Bevölkerung vor der Hize und dem Staub in die Berge geflüchtet ist. Die Steine strahlten die während eines langen Tages aufgespeicherte Sonnenglut wieder aus. Von den Gärten und Weinbergen jenseits der hohen Mauern kam schwerer, berauschender Duft herüber und vermischte sich mit dem beklemmenden Geruche des Kalkftaubes. Pepi war es oft, als ob sie nicht mehr atmen könnte. Aber dann machte sie ein paar Schritte gegen das große Tor des Gafferschen Gartens hin und drückte ihr Gesicht in das Gewirr der Glyzinienranken, die durch das alte eiserne Gitter in üppiger Fülle hindurchgewachsen waren, und be­rauschte sich an dem Duft der blauen Blütentrauben.

Ram aber ein Mensch die Gasse herunter, so verließ sie ihren Beobachterposten und schlenderte möglichst unbefangen auf und ab, freilich mit dem ängstlichen Gefühl, daß ihr jeder ansehen mußte, was sie beschäftigte. Ein Glück, daß es so wenig Passanten gab! Und die gingen alle nach den kleinen Häuschen weiter unten nach der Stadt zu, in denen Handwerker und arme Leute wohnten:

Das war alles; Pepi freilich schien das schon sehr viel zu sein. Und gar das Fenster, das sich gelegentlich des Abends öffnete, wurde ihr zu einer unversiegbaren Quelle leidenschaft­lichen Interesses.

Sie kannte den Ton, den das Anschlagen der Jalousie­flügel an der rauhen Mauer verursachte, und das Kreischen der rostigen Angeln. Wie Musik erschien es ihr. Sie hielt den Atem an, um ja nichts davon zu verlieren.

Aber wenn es vorbei war und die sommerliche Nuhe der Gasse wiederhergestellt, dann drückte sie sich an die dem Hause gegenüberliegende Mauer und stellte sich auf die Behenspizen, um ein Stückchen der geblümten Vorhänge oder, wenn auch das Fenster offen stand, vielleicht sogar die weiße, stuckverzierte Decke des Zimmers zu erspähen.