Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 173.

18] #SC 300

Daniel Junt.

Mittwoch, den 6. September.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Hermann Stegemann . Die Mamsell trat zu dem Wirt.

,, Herr Daniel, da ist der Zettel für den Spezereihändler." Daniel nahm Nanette das Papier ab und rechnete die Poſte Posten zusammen. Die Vorräte mußten erneuert werden. Er ging ins Bureau und setzte die Bestellung auf. Dann starrte er lange auf das Briefblatt, ohne Blick für das Ge­schriebene. Neue Bestellungen, und doch kam die Zeit nicht vom Fleck.

Der August stand vor der Tür. Daniel war's, als hätten die Tage Blei unter den Sohlen, so schlichen die Wochen. Und jeder Tag stieß ihn an und drängte ihn vorwärts, langsam Schritt für Schritt. Die Bläß war frepiert, über Nacht war auf einmal das Hinterbein, wo die alte übelheilende Wunde fich verkleisterte, rot angelaufen, daß die Adern blau durch die Haut traten. Er hatte sie anseilen, einen Sack unter ihr durch ziehen und sie darin hochheben lassen. So hing sie mehr als sie stand in dem leeren Stall. Der Sepple hockte neben ihr und tätschte ihr Wasser mit abgesottenen Heublumen auf den Rist. Am anderen Morgen hing ihr die Zunge aus dem

Maul.

In La Motte machten sie ein großes Wesen um den Kadaver, bis der Veterinär aus Türkheim kam und erklärte, es wäre keine Seuche. Auch keine Vernachlässigung. Schlechte Heilung, eine Infektion, kurz, der Stall war nicht verseucht, die Weide nicht in Gefahr. Aber Daniel nahm's als ein Zeichen. In dem alten Gemäuer hockte ein böses Gift. Es war nur noch gut, verbrannt zu werden, wie die Betten, in denen ein Blatternfranker gestorben ist.

In ein paar Jährchen, da haben Sie hier oben ein Hotel ersten Ranges. Lassen Sie mur erst mal den Weiher fertig und die Straße gebaut sein. Müßte ja mit dem Deubel zugehen, wenn da nicht ein spekulativer Kopf ein Berghotel hinsetzte, mitten rinn in die herrliche Gebirgswelt."

So hatte Herr Mastorf zu ihm gesagt, als sie auf dem Grat standen und in das Tälchen sahen, wo die Arbeiter mit den roten Meßstangen und den blizenden Instrumenten hantierten.

" Das wagt keiner," hatte Taniel zwischen den Zähnen hervorgestoßen.

,, Erlauben Sie mal, Herr Junt! So ein großes Wagnis ist das nicht. Sie erleben's noch, daß Engländer und Berliner hier Sommerfrische halten. Bei Ihnen nicht, das ist denen nicht dekorativ genug, überhaupt eine Mottenfiste Ihre Bude, wenn auch riesig nett, so alte, deutsche Art, aber wenn da unten einer in der Sonne baut, dicht am Wald und ein bißchen Reklame macht, dann regnen ihm die Taler durch den Schorn­stein. Mit dem nötigen patriotischen Empfinden natürlich. Kein Protestler- Wirt, der lieber die Zimmer leer läßt, ehe er einen Preußen beherbergte."

Daniel hatte die Zähne zusammengebissen und gefchwiegen. Da war dem Baumeister ein Gedanke gekommen.

Wissen Sie was, bauen Sie doch. Sind ja prädestiniert dazu. Ihre alte Klitsche ist den Abbruch wert."

Man baut nicht in den Tag hinein," hatte er kurz er­widert und war mit einem Guten Tag" weitergegangen, so daß auch Mastorf sich achselzuckend entfernt hatte.

1905

war sein. Hundert Jahre sind drei Geschlechter wert, und drei Geschlechter hatten aus der alten Ferme, wo ein Unterstand aber feine Herberge gewesen war, aus dem abwärts moorigen, zum Grat hin steinigen dürren Boden, das gemacht, was sie heute waren. Wenn das fein Recht war, hernach hatte auch der Herrgott kein Recht an der Welt, die er selber gemacht hatte.

Das ist's, justament, das ist's."

Er schlug mit der flachen Hand auf das Blatt Papier . Die Tinte war schon lange getrocknet.

Ja, das war's. Er tat einen tiefen Atemzug, der hob ihm die Brust so frei, als wär auf einmal Luft geworden darin für alle Zeit.

Da flopfte es an der Tür. Herein!"

" 1

Guten Tag, Herr Daniel, Euer Sepple fahrt ins Dorf, wollt Ihr mir eine Kommission besorgen?"

Die Fermière von der Ferme Hirth stand vor ihm und lachte ihn freundlich an. Sie hatte ihr Aermelleibchen an, aber ihre Brust ging hoch, ihr runder weißer Hals stach hell aus dem schwarzen Samt, und die roten Lippen ihres kräftigen Mundes waren feucht wie frische Beeren. Das braune Haar lag schwer um ihre Schläfen, über den großen glänzenden Augen bewegten sich die dunklen Brauen in heimlichem Spiel. Daniel hatte sich aufgerichtet.

Euere Bestellungen ausrichten wie ſouft." Sagt dem Sepple Bescheid, Madame Hirth. Er wird

Seine Stimme klang trocken.

Wie ehemals! Wahr, Daniel, sehr wahr!"

nach den seinen, und mit einer wilden Bewegung warf sie sich Sie war dicht an ihn herangetreten. Ihre Hände tasteten an seine Brust.

Warum fommst Du nicht mehr? Lassen Dir Deine Gäste feine Beit? Warum? Red Daniel!"

Er entwand ihr seine Hände, aber enger drängte sie sich an ihn, Knie an Knie, den ganzen blühenden Leib an ihn lehnend, daß ihr Herzschlag an seine Rippen stieß und sein Blut sich an ihrem entzündete.

,, Lalie, menagier Dich ein wenig," erwiderte er rauh und machte sich frei.

,, Daniel!"

Ihre Brust stürmte. Nöte und Blässe jagten sich in ihrem

Alsdann, was willst Du?" fragte er und ging die Tür

Gesicht. schließen.

" 1

Was ich will, Daniel? Die Heirat, Du weißt es!" Er hatte die Hände in die Taschen geschoben und rundete die Schultern, als er antwortete:

,, Die Heirat, Eulalia? Hat Dir wer das Heiraten ver­sprochen?"

Sie wich zurück bis an die Tür. Ihre Lippen bebten. ,, Nein, aber ich frag' Dich drum, Daniel." Nach zwei Jahren?"

Du hältst schlechte Rechnung, Daniel," sprach sie mit unterdrückter, zitternder Stimme, meine germe und das Anwesen in La Motte bring ich mit. Das Leidjahr ist um, Ich hab keine Freundschaft und keine Kinder."

er fie.

,, Geh, Lalie, biet Dich nicht selber feil," unterbrach

,, Daniel, es hat alles ein End," stieß die Fermière leiden­schaftlich hervor, und in ihrem weiß gewordenen Gesicht brannten die Augen. Er antwortete nicht, sondern starrte finster durch die Scheiben ins Freie.

Da trat sie dicht vor ihn hin, vergaß ihr leidenschaftliches Drohen und bettelte:

Daniels Mißtrauen war damals rege geworden. Was wollte der Preuße? Ihn aushorchen, ihm einen Floh ins Ohr sezen? Dort, wo er mit dem Finger hingezeigt hatte, war die Kälbermatte und die Ferme Sirth; er fannte die Ich weiß, daß Du nicht bist wie die anderen, aber das schwarze Spur, die dort ins Alpgras getreten war vom Sträß­lein her. Dahinter stieg der Herrenwald nach La Motte hin- fag ich Dir: ich bin's auch nicht. Ich bin dem Förster sein ab. Wußte Herr Mastorf, daß er auf dem Gemeindeland saß, Kind, den die Wilderer vor zwanzig Jahren erschossen haben. als Bächter? Das ging den Fremden einen Dred an. Daß er Ich bin im ,, Guten Hirten" gewesen in Kolmar, bis der Kronen­nur der Pächter war, das rieben sie ihm unter die Nase, die wirt auf drei Aehren"- Buben, die ihm den Pfingsttanz abtrotzen, der Gemeinderat, der ihm die Weid sperren wollte. An den gemeinen Weidgrund hatte er kein anderes Recht als die im Dorf, aber das Haus und das Gartenland und soweit sein Hag lief über die Matte, von den krummen Kiefern bis zu den schwarzen Steinen, das

"

Genug, Lalie. Ich weiß alles. Wie der Fermier Dich vom Kontor der Krone" geholt und geheiratet hat. Und die Chasseurs, die Fabrikherren und die Kolmarer Dragoner , die bei der schönen Fermière im Rebstöckle" in La Motte Fuchs, Reh und Rebhühner vergessen haben..

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