Anterhaltnngsblatt des Vorwärts
Nr. 174.
Donnerstag, den 7. September.
190Z
(Nachdruck verboten.)
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Nanette wies Daniel die Gruppe. _„Sie ist ganz vernarrt in das Büble. Eine zweite Mutter, Kenn sie nicht so zart wäre wie ein Mädchen," sagte sie, als sie mit dem Finger auf die schwarze Gestalt zeigte, die unter dem Baume saß. Ein krähendes Jauchzen des L4on drang zu ihnen herüber durch die klare Luft. Daniel erwiderte kein Wort, aber ein starker Zwang kam über ihn, er ging über die Weide, die unter den Schritten schwoll und ihre Düfte in die Sommersonne sandte, auf den Vaum zu. Berthe schlug schnell das Kleid über die Füße, aufstehen konnte sie nicht, denn der L6on kletterte auf ihr herum und trat ihr in den Schoß. „Er quält Euch, der Schelm," sagte Daniel. Sie hielt den Kleinen fest, von dem er sie befreien wollte. „Laßt mir das Vergnügen, Monsieur Daniel, wir sind ja so gute Freunde, der L6on und ich." In ihren Augen tanzte das goldene Fünkchen, ein rosen- roter Schein war über ihr Gesicht gebreitet. Sie trug keinen Hut, und die Finger L�ons hatten in dem feinen blonden Ge- fpinst arg gehaust. Es ringelte sich wild um Stirn und Schläfen. Das eine Ohr war purpurrot, als hätte der L6on es geschulmeistert. Daniel streckte ihr die Hand hin. „Wollt Ihr aufstehen, Berthe?" Das„Madame" brachte er nicht mehr über die Zunge. Und trotzig ließ er es aus, obwohl er sah, daß die kurze, der- traute Anrede sie genierte. Als sie zauderte, nahm er den Lson beim Wickel und schwenkte ihn neben sie ins Heidekraut. Da ergriff sie seine Hand, und er zog sie empor. Aber kaum stand sie aufrecht, so klammerte sich der L6on wieder an sie und wehrte den Vater, der ihn wegziehen wollte, mit Händen und Füßen und mörde- rischem Geschrei ab. Berthe bückte sich, um ihn zu beruhigen, und im Eifer streifte ihr zerzaustes Gelock Daniels Gesicht. Da riß sie den Kleinen plötzlich empor und stammelte: „Laßt mir den Kleinen. Ich bitte Euch, Daniel." Wie ein Schild hielt sie ihn gegen die Brust gedrückt. Daniels Hände glitten von dem Knaben ab. „Er hat Angst vor seinem Vater, der Straßenjunge. Ihr macht mich eifersüchtig, Mamsell Berthe." Ein heißes Leuchten war in seinen Augen, er hätte sie samt dem L6on in die Arme nehmen mögen. Es war ihm, als wär' sie noch das blasse Kind, das vor Jahren auf den Florimont kam, bald still und verträumt auf den Steinen und unter den Brombeeren saß, bald leicht und lustig in dem alten Haus herumstrich. Sie wandte sich zum Gehen. „Berthe," stieß er leidenschaftlich hervor. „Daniel, Monsieur Daniel, laßt mich gehen," bat sie mit erlöschender Stimme. Einen Augenblick noch sperrte er ihr den Weg, dann trat er beiseite, stumm, schwer atmend. Sie drückte das Bübchen an sich und lief über die Wiese, aber das Kind war schwer, sie mußte langsamer gehen, immer langsamer, und die Last zog sie schier zu Boden. Doch sie hielt es fest. „Sitz still, L6on, ich trag Dich. Ja, ja. Du bleibst bei mir," sprach sie ihm zu und küßte ihn mit heißem Mund auf den nackten, blanken Hals, unter das Ohr,, daß er gekitzelt von ihren brennenden Lippen laut auflachte und ihr in das lose gesteckte Haar fahrend, Nadeln und Knoten löste. Schwer fielen ihr die blonden Strähnen in den Nacken und rollten über das schwarze Kleid bis auf die Hüften. Der leichte Wind fing sich darin, die Sonne webte ihre Strahlen hinein, und Daniel schien es, als wallte das goldene Gespinst über die ganze Alpweide und deckte die Gräser, die Steine, die Höhen, den Florimont, so weit er Namen hatte, und ein Duft stieg ans, der machte ihn trunken wie alter Wein. Sie verschwand hinter der Hausecke, mit ihr der goldene Glanz. Windschief und grämlich hockte die Ferme mit dem
angebauten Wirtsstock unter dem blauen Himmel und brannte ein schwarzes Loch in den grünen Weidgrund. Und der Daniel sah sie auf einmal, sie, das Berthele, in ein neues, zweistöckiges Gebäu treten, mit blitzenden Fenstern und rotem Dach, mit weißen hohen Mauern, brausend von Schaffen und Leben, ein Haus, sein Haus, eins wie keins auf den Bergen, auf diesem seinem Berg, dem blühenden, gesegneten Florimont. Dann trieb er sich ingrimmig die Faust in die Augen- höhlen, als müßte er das Bild erschlagen da drinnen und ging zu den Kühen. � Dem Berthele zitterte das Herz noch vor Schreck und Scham in der Brust, als es seine Frisur längst wieder in Ordnung gebracht hatte, und so oft es in den nächsten Tagen dem Daniel begegnete, fiel eine heimliche Angst über es, daß es darin flatterte wie in einem Vogelnetz. Am Tisch wagte es kaum aufzusehen, nur zuweilen streifte sie ihn mit den Blicken, und dann sanken ihr die Arme unter der Last der Gabel. Den L6on ließ es nicht mehr von sich. Eines Abends aber gab es kein Entrinnen. Sie waren sich nach dem Nachtessen im Flur begegnet, und Daniel ergriff ihre Hand. „Kommt mit zu den Steinen, da oben am späten Abend, das ist das schönste auf dem Florimont. Das wißt Ihr ja noch, nicht wahr, Mamsell Berthe?" „Sagt Madame," murmelte sie hülflos und folgte ihm hinaus. „Madame? Nein, es gerät mir nicht," erwiderte er heftig. Schweigend gingen sie das Sträßchen entlang und auf die Höhe. Bei jedem Schritt reckten sich die Steine höher aus dem Boden, zuletzt drohte nur noch der Mönchs- felsen über ihnen. Dann waren sie oben und standen auf dem Rücken des Berges, der langgestreckt dalag, das schwarze Haupt im Tannenwalde begraben, mit übereinandergeschlagenen Armen, und schlief. Sie sahen zuerst vom Aufstieg her ins Wälsche, wo blaue Schatten alle Hügel und Täler zudeckten. Ganz hinten zitterte noch ein blutiger Streif am Himmel. Als sie sich umdrehten, kroch die Nacht aus der Rheinebene herauf und löschte alle Zeichen. Ein feiner, weißer Dunst schimmerte noch einen Augenblick aus der Gegend, wo das Münstertal in die Berge schnitt, dann verschluckte die Finsternis den letzten Hauch. Lange standen sie schweigend und um sie strichen die Schatten. „Es macht einem angst da oben," sagte Berthe, und ihre Stimme klang so klein und dünn in der Stille, daß sie noch mehr erschrak. Da kam ein geisterhaftes Läuten vom Mönchsfelsen her« und eine große Gestalt, noch schwärzer als die Finsternis, wandelte an ihnen vorüber. „Mein Gott, Daniel!" Sie warf sich in seine Arme. Er lachte leise und hielt sie fest. „Aber Berthele, das ist ja ein Vieh, das noch umeinand- stoffelt in der Nacht, statt abzuliegen und zu käuen." Und er versetzte der Kuh, die dicht an ihnen vorbeistapfte, einen Schlag mit der flachen Hand. Mit einem drucksenden Schnaufer verschwand sie in der Nacht. Mit dem anderen Arm aber hielt Daniel Berthe fest, so sehr sie sich jetzt auch sträubte, nachdem sie sich beruhigt hatte. „Berthele, lug, dort gehen der Nacht die Augen auf," flüsterte er und zeigte auf die Ferme, in der gelbe Lichter glänzten. Der Höhenwind hatte sich aufgemacht und strich über die grasigen Kuppen der Vogesen , in der Tiefe, wo die Wälder waren, rauschte es leise. Berthe hatte keine Worte bereit, ein Gefühl köstlicher Ermattung und zugleich eine geheime Angst machten sie wehrlos. Da raunte er ihr zu: „Hör', Berthele: Was meinst, tät's Dir gefallen auf dem Florimont? Bei mir, bei dem L6on? Und weißt Du, daß ich Dich das schon lang Hab' fragen wollen?" „Aber Daniel, ich bin im Leid," stammelte sie. „Ich kann warten, Berthele, Hab' ich so lang' gewartet, daß ich schier zu spät gekommen bin, so wart' ich leicht auch noch einen Winter. Und dort, schau'« Berthe, dort kommt