NnterhaltungsblaSt des vorwärts Nr. 209. Donnerstag, den 26� Oktober. 1905 lNachdeucl Devbuteii.) 271 Das Duell Noman von A. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. In Osadtschis Rotte!var durch lange, hartnäckige Mühe beim Marschieren ein besonderer, übermäßig langsamer und fester Schritt herausgearbeitet worden, bei dem die Soldaten die Füße sehr hoch aufhoben und kräftig auf den Boden schlugen: das machte großen Lärm, sah sehr forsch aus und bildete den Gegenstand des Neides sämtlicher übrigen Rotten- kommandeure. Aber kaum hatte die erste Rotte fünfzehn Schritte gemacht, als ein ungeduldiger Ruf des Korpskommandeurs ertönte: „Was ist denn das? Lassen Sie Halt machein Halt! Rottenkommandeur, bitte, zu mir. Was führen Sie denn da auf? Ist das ein Leichenzug? Oder Fackelzug? Blei- soldaten? Marschieren in drei Tempos? Herr Hauptmann, wir leben jetzt nicht zur Zeit Nikolais, wo man fünfundzwanzig Jahre diente. Wie viel überflüssige Zeit haben Sie auf dieses Corps de bullet verwandt! Wie viel kostbare Zeit!" Osadtschi stand vor ihm, groß, unbeweglich, finster, mit bloßem gesenkten Säbel. Der General schwieg einen Augen- blick und fuhr dann ruhiger, mit traurigem und spöttischem Ausdruck fort: „Wollen Sie denn den Leuten die ganze Freude am Marschieren verderben? Ach, ihr Sonntagskrieger! Fragt man Sie aber... Da, hier, bitte, wie heißt der Bursche?" Der General deutete auf den zweiten Soldaten vom rechten Flügel. „Jnatius Michailow, Erzellenz," erwiderte Osadtschi in gleichgültigem, hölzernem Soldatenbaß. „Gut. Aber was wissen Sie von ihm? Ist er ledig? Verheiratet? Hat er Kinder? Vielleicht hat er in seinem Torfe irgend einen Kummer? Eine Not? Ein besonderes Anliegen? Was?" „Kann ich nicht wissen. Euer Exzellenz. Hundert Menschen. Schwer zu behalten." „Schwer zu behalten!" wiederholte der General be- kümmert.„Ach, Leute, Leute! Es heißt in der Schrift: „Tötet den Geist nicht", aber was macht Ihr? Deckt doch dieses selbe heilige, graue„Tierchen", wenn es zum Kampfe kommt. Euch mit seiner Brust, trägt Euch auf seinen Schultern aus der Schlacht, bedeckt Euch bei der Kälte mit seinem durchlöcherten Mantel! Ihr aber sagt:„Kann ich nicht wissen"!" Und in augenblicklicher Erregung, nervös und ohne Grund am Zügel zerrend, rief der General über Osadtschis Kopf hinweg dein Regimentskommandeur zu: „Oberst, lassen Sie die Rotte abtreten. Ich will sie nicht sehen. Weg, weg, fort! Hanswurste! Marionetten! Dick- köpfe!" Damit begann der Neinfall des Regiments. Die Er- müdung und Furcht der Soldaten, die unsinnige Grausamkeit der Unteroffiziere, das herzlose, routinierte und fahrlässige Verhalten der Offiziere im Dienst— alles das kam klar und schimpflich bei der Besichtigung zum Vorschein. In der zweiten Rotte kannten die Soldaten das„Vaterunser" nicht; in der dritten wurden selbst die Offiziere konfus, als die Glieder aufgelöst wurden; in der vierten passierte einem Sol- baten bei den Gewehrgriffen ein Malheur. Die Hauptsache aber war, daß ikicht eine Rotte einen Begriff von der Abwehr unerwarteter Kavallerieattackcn hatte, obwohl man sich darauf vorbereitet hatte und ihre Bedeutung kannte. Diese Manöver waren vom.Korpskommandeur selbst erfunden und in die Praxis eingeführt, beruhten auf schnellen Neuformierungen und erforderten jedesmal von den Vorgesetzten Geistesgegen- wart, schnellen Ueberblick und bedeutende eigene Initiative. Hierbei fielen der Reihe nach alle Rotten außer der fünften ab. Wenn der General eine Rotte besichtigt hatte, ließ er alle Offiziere und Unteroffiziere aus der Front treten und fragte die Mannschaft, ob sie mit allem zufrieden wäre, ob sie alles gehörig erhielte, ob keine Klagen und Beschwerden vorzu- bringen wären? Aber die Soldaten schrien alle zugleich:„Zu Befehl, sind mit allem zufrieden." Als die erste Rotte gefragt wurde, hörte Romaschow, wie hinter ihm ein Feldwebel dieser Rotte, Nynda, in zischendem und drohendem Tone sagte: „Soll mir einer von Euch sich beschweren! Dann werds ich es ihm schon zeigen!" Um so prächtiger schnitt dafür die fünfte Rotte ab. Die stattlichen, frischen Leute erledigten die Rottenübung in so leichtem, sicherem und munterem Schritt, mit solcher Geschick» lichkeit und Verve, daß es schien, als sei die Besichtigung für sie nicht eine schreckliche Prüfung, sondern ein lustiger, gar nicht schmieriger Zeitvertreib. Der General machte noch ein finsteres Gesicht, warf ihnen aber schon ein:«Gut, Leute!" hin. und das war das erstemal während der ganzen Be- sichtigung! Durch seine Abwehr von Kavallerieattacken eroberte Siel- kowski endgültig den Korpskommandeur. Der General selbst markierte durch schnelle, Plötzliche Kommandos den Feind: „Kavallerie rechts, achthundert Schritte Distanz!" und Stel- kowski ließ, ohne eine Sekunde zu verlieren, sofort seine Rotte Präzis und ruhig Halt niachen, ließ gegen den markierten Feind, der in Karriere heransprengte, in Zügen einschwenken, kommandierte:„Zum Chargieren halt!— erster Zug auf die Knie, zweiter im Stand"— bestimmte das Ziel, ließ zwei oder drei Salven abgeben und stellte die frühere Formation wieder her!— „Ausgezeichnet, Leute! Danke, Kerls!" lobte der General. Nachdem die Rotte wieder mit in Linie ausgestellt war, zögerte der General, sie zu entlassen. Er ritt langsam die Reihen eiülang, blickte forschend mit besonderem Interesse den Soldaten inS Gesicht, und ein feines, zufriedenes Lächeln leuchtete durch den Kneifer in seinen großen Augen unter schweren, gesenkten Lidern. Plötzlich hielt er das Pferd au und wandte sich zu seinem Stabschef um. „Nein, sehen Sie, Oberst, was die Kerls für Gesichter haben! Sie füttern sie Wohl mit Pasteten, Hauptmann. Hör' Du, Dickschnute"— deutete er mit einer Kinnbewegung auf einen Soldaten— heißt Du Kowal?" „Zu Befehl, Exzellenz, Michailo Boriitschuk!" rief der Soldat fröhlich, mit zufriedenem.Kinderlächeln. „Nu, sieh' einer an, und ich dachte Kowal. Da habe ich mich also geirrt," scherzte der General.„Nichts zu wollen. Hat nicht geschnappt..." schloß er mit einem lustigen, zynischen Scherz. Das Gesicht des Soldaten zerfloß in einem dummen und fröhlichen Lächeln. „Zu Befehl, nein, Exzellenz!" schrie er noch lauter.„In unserem Dorfe lebte ein Schmied. Das war Kowal." „Na, siehst Du Wohl," nickte der General freundlich. Er war stolz auf seine Soldatenkenntnis.„Na, Hauptmann, ist das ein guter Soldat?" „Sehr guter. Meine Leute sind alle gut," erwiderte Stelkoivski in seinem gewöhnlichen, sicheren Tone. Die Brauen des Generals zitterten böse, aber seine Lippen lächelten, und dadurch wurde sein hübsches Gesicht gut und greisenhaft freundlich. „Nun, das scheint Ihnen wohl so, Hauptmann... Haben Sie Strafen?" „Nicht eine, Exzellenz. Vier Jahre lang nicht eine." Ter General beugte sich schwer im Sattel nieder und streckte Stelkowski seine dicke Hand in offenem Weißen Hand- schuh hin. „Ich danke Ihnen herzlich, mein Lieber," sagte er mit zitternder-Stimme, und in seinen Augen glänzten plötzlich Tränen. Er liebte es bisweilen, wie manch anderer wunder» licher General, zu weinen.„Ich dank» Ihnen. Sie haben einen alten Mann getröstet. Danke, brave Kerls!" rief er der Rotte energisch zu. Dank dem guten Eindruck, den Stelkowski hinterließ, lief die Besichtigung der sechsten Rotte verhältnismäßig gut ab. Der General lobte nicht, aber schalt auch nicht. Aber auch die sechste Rotte blamierte sich, als die Soldaten nach der in Holzrahmen eingenähten Strohpuppe stachen. „Nicht doch, nicht so, nicht so, nicht so," rief der Korps- kommandeur und rückte im Sattel hin und her.„Ganz anders! Freund, hör' mich an. Stich beim Herzen, gerade in die Mitte, Bajonett bis an die Parierstange. Stich nur
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22 (26.10.1905) 209
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