Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 215.

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Das Duell.

Noman von A. Kuprin .

Freitag, den 3. November.

( Nachdruck verboten.)

Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Se B. Romaschows Bewußtsein verschwand wieder in dichter, un­durchdringlicher Finsternis. Mit einem Male, gleichsam ohne irgendwelche Unterbrechung sah er sich in einem großen Saal mit Parkettfußboden und Rohrstühlen an allen Wänden. Ueber der Eingangstür und über drei anderen Türen, die in dunkle Kammern führten, hingen lange Kattunportieren, rot mit gelben Buketts. Ebensolche Vorhänge blähten sich und flatterten über den Fenstern, die offen standen und auf den finsteren Hof hinausgingen. An den Wänden brannten Lampen. Es war hell, qualmig und roch scharf nach jüdischer Küche, bis­weilen aber drang zum Fenster der frische Duft feuchten Grüns, weißer, blühender Afazien und Frühlingsluft herein. Es waren ungefähr zehn Offiziere zugegen. Jeder von ihnen schien gleichzeitig zu singen, zu schreien und zu lachen. Romaschow schlenderte selig und naiv lachend von einem zum anderen, als wenn er sie zum ersten Male voll Erstaunen und Vergnügen erkennte: Bet- Agamalow, Lbow, Wetkin, Epifanow, Artschakowski, Olisar und die anderen. Da war auch Stabs­hauptmann Leschtschenko; er saß mit seiner stets ergebenen und traurigen Miene am Fenster. Auf dem Tisch standen plöglich wieder wie von selbst wie ja alles an diesem Abend geschah einige Flaschen Bier und Kirschbranntwein. No­maschow trant mit jemand, stieß an, tauschte Küsse mit ihm und fühlte, daß seine Hände und Lippen klebrig und süß wurden.

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Es waren fünf oder sechs Frauenzimmer da. Eins von ihnen, dem Aussehen nach ein Mädchen von vierzehn Jahren, war als Page gekleidet und trug rosa Trikot an den Beinen; sie saß auf Bef- Agamalows Schoß und spielte mit seinen Epaulettsschnüren. Eine andere, starke Blondine mit rot­seidener Bluse und dunklem Kleiderrock, mit einem großen, hübschen, gepuderten Gesicht und runden schwarzen Augen­brauen trat zu Romaschow.

Männchen, was sind Sie langweilig? Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer," sagte sie leise. Šie setzte sich seitwärts ungezwungen auf den Tisch und kreuzte die Beine. Romaschow sah, wie ihr runder, mächtiger Schenkel sich unter dem Kleide deutlich abzeichnete. Seine Hände zitterten und ihm wurde kalt im Munde. Er fragte schüchtern:

"

,, Wie heißen Sie?" " Ich? Malwine." Sie wandte sich gleichgültig vom Offizier ab und schlenkerte mit den Beinen. Schenken Sie mir ein paar Zigaretten."

Es erschienen plötzlich zwei jüdische Musikanten, einer mit einer Geige, der andere mit einem Tamburin. Unter lang­weiligen, falschen Polkaklängen, die von dumpfen, zitternden Schlägen begleitet wurden, begannen Olisar und Artscha­kowski einen Cancan zu tanzen. Sie tanzten einer vor dem anderen bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuß, streckten die Hände aus, schnalzten mit den Fingern, sprangen zurück, bogen die gekrümmten Knie gerade, hatten die Daumen unter die Achseln und schlenkerten mit rohen, unanständigen Gebärden die Hüften hin und her, wobei sie den Oberkörper bald vor, bald rückwärts beugten. Plößlich sprang Bek­Agamalow vom Stuhl und schrie in scharfen, gleichsam ver­zückten Tönen:

" Zum Teufel mit den Spatzen! Sofort raus! Fitt!" In der Tür standen zwei Zivilisten: Alle Offiziere im Regiment kannten sie, da sie abends im Kasino verkehrten einer war ein Rentbeamter, der andere der Bruder des Ge­richtsaufsehers, ein kleiner Gutsbesizer. Beide durchaus an­ständige junge Leute. Im Gesicht des Beamten erschien ein schwaches, krampfhaftes Lächeln, und er sagte in unter­würfigem Ton, aber bemüht, ungezwungen zu erscheinen:

Gestatten die Herren, daß wir ihre Gesellschaft teilen. Sie kennen mich, meine Herren... Ich bin Dubezki... Wir stören Sie nicht, meine Herren."

3war nicht allein, aber nicht gemein," sagte der Bruder Ses Gerichtsaufsehers und lachte gezwungen.

,, R- raus!" schrie Bek- Agamalow. Marsch!"

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1905

Meine Herren, schmeißen Sie die Spaßen heraus!" lachte Artschakowski.

Es erhob sich wüster Lärm. Im Zimmer ballte sich alles zu einem Knäuel zusammen, freischte, lachte, trampelte. Die Flammen der Lampen zuckten in die Höhe und qualmten. Kühle Nachtluft strömte zum Fenster hinein und fuhr zitternd über die Gesichter. Die Zivilisten, die schon draußen waren, schrien in ohnmächtigem, wütendem Schreck jämmerlich laut und weinerlich:

,, Das lassen wir Ihnen nicht so hingehen! Wir beschweren uns beim Regiments fommandeur. Ich schreibe an den Gou­verneur. Sie Leibwächter!"

U- lu- lu- lu- lu! Packt sie!" heulte Wetkin in dünnem Falsett und lehnte sich dabei zum Fenster hinaus. ununterbrochen und zusammenhanglos aufeinander folgten, Romaschow kam es vor, als wenn alle Ereignisse heute wie wenn ein buntes Band mit mißgestalteten, abgeschmackten, bunten Bildern sich laut schreiend vor ihm abwickelte. Wieder winselte eintönig die Geige und brummte und zitterte das Tamburin. Ohne Uniform tanzte jemand nur im weißen Hemde mitten im Zimmer den russischen Nationaltanz mit fortwährendem Niederbocken, fiel dabei stets auf den Rücken und stüßte sich mit der Hand auf den Fußboden. Ein schmäch­tiges, hübsches Frauenzimmer Romaschow hatte sie früher nicht bemerkt mit aufgelöstem schwarzen Haar und vor­stehendem Schlüsselbein am offenen Halse schlang ihre bloßen Arme um den Hals des traurigen Leschtschenko, bemühte sich, die Musik und den Lärm zu übertönen und sang winselnd, dicht vor seinem Ohr:

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Bist du erst mal schwindsuchtsfrant Wirst du blaß wie diese Wand Kommt der Doktor angerannt..." Bobetinski goß über eine Scheidewand hinweg in eins der dunklen abgetrennten Zimmer Bier aus seinem Glase und von dort ertönte eine dumpfe, unzufriedene, verschlafene, fnurrige Stimme:

,, Aber meine Herren... lassen Sie das doch. Wer ist da? Was für eine Schweinerei."

,, Hören Sie, sind Sie schon lange hier?" fragte Roma­schow das Frauenzimmer in roter Bluse und legte heimlich. gleichsam unmerklich seine flache Hand auf ihr festes, warmes Bein.

Sie erwiderte etwas, was er nicht verstand. Seine Auf­merksamkeit nahm eine wüste Szene in Anspruch. Fähnrich Lbow jagte im Zimmer hinter einem Musikanten her und schlug ihn aus Leibeskräften mit dem Tamburin auf den Kopf. Der Jude schrie schnell und unverständlich, blickte erschreckt zurück, fuhr aus einer Ecke in die andere und zog die langen Rockschöße an sich. Alles lachte. Artschakowski fiel vor Lachen auf den Fußboden und wälzte sich mit Tränen in den Augen hin und her. Dann ertönte das durchdringende Geheul des anderen Musikanten. Jemand hatte ihm seine Geige aus der Hand gerissen und schlug sie mit aller Kraft auf den Boden. Die Decke ging mit fingendem Krachen, das mit dem ver­zweifelten Geschrei des Juden sonderbar verschmolz, in Trümmer. Dann kamen für Romaschow einige Minuten dunkler Vergessenheit. Und plöglich sah er wieder, wie in einem heißen Traum, daß alle im Zimmer mit einem Male schrien, hin und her liefen und mit den Händen winkten. Um Bek- Agamalow drängten sie sich dicht zusammen, wichen dann aber sofort zurück und liefen im ganzen Zimmer umber.

" Alle fort! Ich will niemand sehen!" schrie Bek- Aga­malow rasend. Er knirschte mit den Zähnen, schüttelte die Fäuste und stampfte mit den Füßen auf. Sein Gesicht war farmoisinrot, auf der Stirn schwollen wie ein paar Schnüre zwei zur Nase herablaufende Adern; sein Kopf war drohend tief gesenkt und in den vorstehenden Augen glänzte deutlich sichtbar das Weiße.

Er schien die menschliche Sprache verloren zu haben und brüllte wie ein rasendes Tier mit schrecklich vibrierender Stimme: A- a- a- a!"

Plötzlich bückte er sich schnell und unerwartet links über und riß den Säbel aus der Scheide. Der ratschte und blitzte mit scharfem Pfeifen über seinem Kopf. Und mit einem Male