Mnterhaltungsblatt des vorwärts
Nr. 219.
Donnerstage den 9. November.
1905
(Nachdruck verboten.)
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Das Duell.
Roman von 21. K u p r i n. Einzig autorisierte Uebersetzung von 2l d o l f Heß. -„Reden Sie, reden Sie weiter," bat Romaschow flehend. „Ja, es kommt eine Zeit, sie steht schon vor der Tür, die Zeit der großen Enttäuschungen und der schrecklichen Um- Wertung aller Werte. Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen ein- mal gesagt, daß von Ewigkeit her ein unerbittlicher und er- barmungsloser Genius der Menschheit existiert; seine Gesetze sind genau und unweigerlich. Und je weiser die Menschheit wird, um so weiter imd tiefer dringt sie in dieselben ein. Und so bin ich also überzeugt, daß nach jenen unabänderlichen Ge- setzen alles in der Welt früher oder später ins Gleichgewicht kommt. Hat eine Sklaverei lange gedauert, so wird ihre Be- seitigung stets schrecklich ausfallen. Je fürchterlicher eine Gewalt war, um so blutiger wird das Gericht über sie. Und ich bin tief im Innern fest überzeugt, daß eine Zeit anbrechen wird, wo man uns Patente Schönlinge, uns unwiderstehliche Frauenjäger, uns prächtige Elegants, wo man uns Stabs- und Oberoffiziere in Gassen,.in dunklen Korridoren, in Ab- orten ohrfeigen wird, wo die Frauen sich unserer schämen wer- den und unsere ergebenen Soldaten endlich aufhören werden, uns zu gehorchen. Und das wird nicht deswegen geschehen, weil wir Leute, die der Möglichkeit beraubt waren, sich zu ver- teidigen, bis aufs Blut geschlagen haben; und auch nicht des- wegen, weil wir zur Ehre der Uniform straflos Frauen be- leidigt haben, und auch nicht deswegen, weil wir in der Trunken- heit in Kneipen jeden uns in die Quere kommenden Zivilisten in Gruß und Muß geschlagen haben, und auch nicht, weil wir in allen Ländern und auf allen Schlachtfeldern die russischen Waffen mit Schmach bedeckt, unsere Soldaten uns aber mit Bajonetten aus dem Mais herausgejagt haben,— natürlich kommt alles das auch mit in Frage, aber wir haben eine schrecklichere und jetzt schon nicht mehr gut zu machende Schuld auf uns geladen. Das ist, daß wir blind und taub gegen alles sind. Schon längst ist weit von unseren jetzigen stinkenden Lagern ein reiches, neues, lichtes Leben angebrochen. Neue. kühne, stolze Männer sind auf den Plan getreten, feurige, freie Gedanken lodern in den Köpfen. Wie im letzten?lkt eines Dramas stürzen alte Türme und unterirdische Gänge zu- sammen und hinter ihnen sieht man schon blendendes Licht. Wir aber blinzeln, aufgebläht wie Truthähne, nur mit den Augen und plappern anmaßend:„Was? wo? stillgeschwiegen! Aufruhr. Ich lasse feuern!" und diese truthahnmäßige Ver- achwng der Freiheit des menschlichen Geistes wird uns in alle Ewigkeit nicht verziehen." Der Kahn fuhr in eine tiefe, lauschige Wasserlichtung. Ringsum umgab sie wie mit einer runden, grünen Wand hohes, unbewegliches Schilfrohr. Der Kahn war wie ab- geschnitten, wie verdeckt vor der übrigen Welt. Ueber ihm flatterten schreiende Möwen, bisweilen so nahe, daß sie Romaschow fast mit den Flügeln berührten und er infolge ihres schnellen Fluges einen Luftschauer an sich verspürte. Es mußten hier im Rohrdickicht irgendwo ihre Nester sein. Nasanski legte sich im Hinterteil des.Kahnes nieder und blickte lange auf den Himmel, wo unbewegliche, goldene Wolken sich schon rosig färbten. Romaschow sagte schüchtern:„Sind Sie nicht müde? Sprechen Sie weiter." lind Nasanski setzte seine Gedanken gleichsam laut fort und sprach: „Ja, es kommt eine neue, wunderbare, herrliche� Zeit. Ich habe viel draußen gelebt, habe viel gelesen, viel erfahren und gesehen. Bis jetzt haben alte Dohlen und Krähen uns stets eingetrichtert:„Liebe Deinen Nächsten wie Dich� selbst und wisse, daß Sanftmut, Gehorsam und Llngst die Haupt- zierden des Menschen sind." Doch das habe ich niemals ver- standen. Wer zeigt mir denn, was ich mit diesen— �„Nächsten", mit Sklaven, Hottentotten, Pestkranken und Idioten zu tun habe? O, von allen Legenden hasse ich am meisten— von ganzem Herzen, mit aller mir innewohnenden Fähigkeit— die Legende von Julian, dem?llmosengeber. Ein Aussätziger spricht:„Ich zittere, leg Dich zu mir ins Bett; mir ist kalt,
leg Dich auf mich und wärme mich mit Deinem Körper. Ich friere, nähere Deine Lippen meinem stinkenden Munde und hauche mir Deinen 2ltein ein." O, wie ich das hasse! Ich hasse die Aussätzigen und liebe diese„Nächsten" nicht. O, ich kenne diesen Hühnertraum von einem Weltgeist, von einer heiligen Pflicht. 2lber selbst wenn ich mit dem Verstände daran glauben würde, ich würde nichts im Herzen fühlen. Folgen Sie mir, Romaschow?" Romaschow blickte Nasanski mit schamhafter Dankbarkeit an. „Ich verstehe Sie vollständig." sagte er,„wenn ich nicht mehr bin, geht auch die ganze Welt zugrunde. Das sagen Sie doch?" „Eben das. Und nun sage ich, die Liebe zur Menschheit ist im Menschenherzen ausgebrannt und verraucht. An ihre Stelle tritt ein neuer, göttlicher Glaube, der unsterblich bis ans Weltende währen wird. Das ist die Liebe zu sich, zu seinem schönen Körper, zu seinem allmächtigeil Verstände, zum unendlichen Reichtum seiner Gefühle. Nein, überlegen Sie, überlegen Sie, Romaschow: wer ist Ihnen teuerer und näher als Sie sich selbst?— Niemand. Sie sind der Herr der Welt, ihr Stolz und ihre Zierde. Sie sind der Gott alles Lebendigen. Sllles, was Sie sehen, hören, fühlen, gehört nur Ihnen. Tun Sie, was Sie wollen, nehmen Sie alles, was Ihnen gefällt. Fürchten Sie niemand in der ganzen Welt, weil niemand über Ihnen ist und niemand Ihnen gleicht. Es kommt eine Zeit, wo der große Glaube an sein Ich wie Feuerzungen des heiligen Geistes die Häupter aller segnet, dann wird es keine Sklaven noch Herren, weder Krüppel noch Mitleid, noch Laster, noch Bosheit, noch Neid mehr geben. Dann werden die Menschen Götter. Und bedenken Sie, wie werde ich dann wagen, einen Menschen, in dem ich meines- gleichen, in dem ich einen lichten Gott erblicke, zu kränken, zu schlagen, zu betrügen? Dann wird das Leben schön. 2luf der ganzen Erde erheben sich leichte, lichte Gebäude; nichts Niedriges, Gemeines beleidi'gt ihren Blick, das Leben wird zu einer süßen Mühe, freien Wisienschaft, göttlichen Musik, zu einem heiteren, leichten, ewigen Feiertag. Die aus dunkelen Jrrgängen selbstherrlichen Besitzes befreite Liebe wird zur lichten Weltreligion und bildet nicht mehr eine geheime, schimpfliche, sündhafte Vereinigung im dunkelen Winkel, kein scheues Sichumsehen voll Abscheu. Und unsere Körper selbst werden strahlend, stark und schön in hellen, prächtigen Ge- wändern. Ebenso wie ich an den 2lbendhimmel über mir glaube," rief Nasanski und erhob feierlich die Hände,„ebenso fest glaube ich an dieses kommende gottähnliche Leben!" Nasanski schwieg. Angenscheinlich hatte ihn die un- gewöhnliche nervöse Aufregung ermüdet. Nach einigen Mi- nuten fuhr er träge mit sinkender Stimme fort: „2llso so ist es, mein werter Georgii 2llexejitsch. An uns vorüber fließt das ungeheuere, vielgestaltige, brausende Leben, vor uns werden göttliche, feurige Gedanken geboren und alte vergoldete Götzenbilder gestürzt. Wir aber stehen in unserem Lager, stemmen die Fäuste in die Seite und brüllen: „Ach, Ihr Idioten! Zivilisten! Hauen muß man Euch!" Und das verzeiht das Leben uns niemals.." Er stand auf, krümmte sich unter seinem Mantel und sagte müde: „Ist kalt... gehen wir nach Hause...'h Romaschow ruderte aus dem Schilf heraus. Die Sonne ging hinter den fernen Stadtdächern zur Rüste, und diese hoben sich schwarz und deutlich in dem roten Dämmerschein ab. Mit hellen Flecken spiegelten sich und spielten Lichter in den Fensterscheiben. Das Wasser war auf der Seite des Sonnenunterganges rosig, glatt und heiter. Hinter dem Kahn aber verdichtete es sich schon, wurde bläulich und kräuselte sich. Romaschow legte am Ufer an und half Nasanski aus dem Kahn. Es dämmerte schon, als sie bei Nasanskis Woh- nung ankamen. Romaschow legte den Kameraden ins Bett und deckte ihn selbst mit der Bettdecke und dem Mantel zu. Nasanski zitterte so heftig, daß seine Zähne klapperten. Er krümmte sich, vergrub den Kopf in Kissen und sagte mit kläglicher, hülfloser Kinderstimme: